Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 34 (21.8.1931)
- Date
- 1931-08-21
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Das Jüdische Echo Nr. 34 rung des Antisemitismus durch Stalin stimmte Shaw rückhaltlos bei. Er erklärte, die von den Sowjets gegenüber Rassevorurteilen verfolgte Politik sei die einzig vernünftige. Es sei nicht einzusehen, warum zwei Menschen, wenn sie miteinander sprechen, in Rassebegriffen denken sollen. Ein normaler Mensch brauche sich solcher Dinge nicht bewußt zu sein. Wenn ich, erklärte Shaw, ein Mitglied der G.P.U. wäre und zwei Proletarier sähe, die miteinander über Rassefragen debattieren, ich würde sie beide einsperren. Mir scheint, daß das kommunistische Regime in Rußland in richtiger Weise an die Lösung der Judenfrage herangeht. Hier schaltete Shaw die Bemerkung ein, daß der Jude für die Welt nicht minder ein Problem ist, als die Welt für den Juden. Ich habe, sagte er, niemals die verbreitete Ansicht geteilt, daß die Juden unter einem Minderwertigkeitskomplex leiden. Im Gegenteil, sie leiden unter einem Überwertigkeitskomplex. Das ist sehr schädlich für sie und verursacht anderen viel Ärger. Die Welt hat schon lange ihren Frieden mit den Juden gemacht. Aber der Jude will nicht seinen Frieden mit der Welt machen. Als fürchtete er, seine Worte könnten mißverstanden werden, erläuterte Shaw diese Äußerung, indem er auf seine irische Abstammung Bezug nahm: Ich verstehe es, daß die Juden sich besser fühlen als so viele andere, denn ich bin ein Ire und die Iren sind vielleicht noch rassestolzer und arroganter als die Juden. Eine solche Arroganz ist aber in der proletarischen Welt, in der wir leben, nicht am Platz. Ein wichtiger Schritt zur Lösung der Judenfrage muß darin bestehen, daß die Juden sich von ihrem Überwertigkeitsgefühl gegenüber anderen Nationen befreien. Wer so viel weiß und zu beurteilen versteht, wie Shaw, der darf sich erlauben, das sei von vornherein zugegeben, anderen Ratschläge zu erteilen und Rezepte zu geben, zumal, wenn er dazu aufgefordert wird. Man kann Shaw also nicht verübeln, daß er seine Meinung über jüdische Fragen geradeheraus gesagt hat und Offenheit war immer seine starke Seite. Aber hat er sich die Empfehlungen, die er den Juden gibt, recht überlegt? Hat er verstanden, wovon und worüber er redete? Letzten Endes werde die Mischehe den Unterschied zwischen Juden und Christen aufheben, und damit dieses an sich wirksame Mittel noch rascher wirke, sollten die Juden ihren Superioritätskomplex aufgeben — was in diesem Zusammenhang doch wohl nur heißen kann, sie sollten darauf verzichten ihre Blutsgemeinschaft zu erhalten und versuchen so schnell wie möglich in den anderen Völkern aufzugehen. Shaw hat ganz recht — sein Mittel ist probat; nur ist die Kur, die er den Juden empfiehlt, eine rechte Doktor Eisenbartkur. Sie löst die Judenfrage, indem sie die Judenheit zum Verschwinden bringt; sie erkennt einen Übelstand an, um ihm abzuhelfen, aber verfügt sie, daß diejenigen, die hauptsächlich darunter zu leiden haben, sich umbringen sollen; der Übelstand werde dann zweifellos nicht mehr existieren. Wenn man genauer zusieht, empfindet Herr Shaw also das Bestehen eines Judentums als überflüssig, die Bestrebungen der Judenheit zu seiner Erhaltung als schädlich und vergeblich. Und daher mag es auch kommen, daß Shaw glaubt, die Juden hätten nicht, wie sie selber meinen und wie die Welt meint, die sehr wohl die Erscheinung des verachteten und gedrückten Juden in den mannigfachsten Formen kennt, einen nationalen Minderwertigkeits-, sondern einen nationalen Überwertigkeitskomplex. An sich ist die Verwendung dieser, der Terminologie der Psychoanalyse entlehnten Begriffe nicht ungefährlich; es ist auch durchaus möglich, daß sich die beiden Behauptungen insofern dekken, als ein Minderwertigkeitskomplex überkompensiert wird — um in der Begriffswelt der Psychoanalyse zu bleiben — und daraus nun ein Superioritätskomplex entsteht — aber selbst, wenn es so wäre, wie Shaw glaubt, was folgte daraus? Doch auch nur, daß man die Ursache beseitigen muß; die Antwort aber, die Shaw gibt, ist für den Patienten zu billig und zu roh und die Empfehlung: Bring dich um, hätte man von einem Sozialisten und Humanisten am allerletzten erwartet. Man muß dem Patienten die Bedingungen geben gesund zu werden und für das jüdische Volk ist vor allem eine Normalisierung seines Lebens nötig, nur diese kann die Lösung der Judenfrage herbeiführen. Shaw ist gewiß kein Antisemit; merkwürdigerweise könnten aber die freundlichen Empfehlungen, die er den Juden gibt, eben so wohl von einem Antisemiten stammen. Das braucht ja nicht zu verwundern und ist auch gar keine neue Erscheinung; die besten Freunde der Juden haben oft ihre Lebensnotwendigkeiten am schlechtesten verstanden und so hat Jakob Klatzkin in der Übersteigerung eines an sich richtigen Gedankens einmal gefordert, daß man neben den Vereinen zur Abwehr des Antisemitismus auch solche zur Abwehr des Philosemitismus gründen solle. Das ist gewiß ein Paradox und niemand könnte daran denken, aber richtig bleibt, daß die Juden werdenlernen müssen sich vor Freunden wie Shaw und mögen ihre Empfehlungen noch so freundlich gemeint sein, nicht weniger zu schützen als vor den Angriffen ihrer Feinde. I. E. Blau-weiße Fahnen und Internationale Bei der Arbeitersport-Olympiade in Wien waren auch die Arbeitersportler aus Palästina vertreten. Bei dem Aufmarsch der Nationen im Stadion, der mit viel Prunk und mit besonderer Betonung der nationalen Gliederung durch Embleme und Fahnen zur Geltung kam, fehlte die palästinensische Gruppe, die man erst später beim Fackelzug und Festzug durch die Straßen Wiens sehen konnte. Das Fehlen Palästinas beim Aufmarsch der Nationen fiel auf. Nun wird darüber berichtet: „Die Delegation aus Palästina wußte im letzten Moment noch immer nicht, welche Fahne sie tragen solle. Das Olympia-Komitee hat im englischen Konsulat diesbezüglich angefragt und dort die Auskunft erhalten, daß für Palästina die englische Flagge maßgebend sei. Die Palästinenser waren aber mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und trugen unter „Schalom“-Grüßen, entgegen dem erhaltenen Auftrag, die blau-weiße Fahne der Zionisten.“ Die Wiener „Neue Welt“, der wir diesen Bericht entnehmen, knüpft daran folgenden Kommentar: Die Internationale will es also nicht wahrhaben, daß sie den Juden dieselben Rechte zugestanden hat wie den anderen Nationen, die ihre nationalen Fahnen trugen. Wollte sie vielleicht ihrem Genossen Passfield im Haß gegen den Zionismus und die nationale jüdische Befreiungsbewegung den Rang streitig machen? Oder zweifelt sie, die Internationale, an der sozialistischen Geeichtheit der palästinensischen Olympiade-Teilnehmer? Da geht sie natürlich fehl. Diese sind so sozia-