Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 33 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Das Jüdische Echo Nr. 33 sich im geringsten darüber aufzuhalten, daß diese Herren Hitler, Goebbels usw. durch ihr stures antisemitisches Verhalten eigentlich gesellschaftsunfähig sind, wie wir Juden geneigt sind anzunehmen. Hs soll keineswegs behauptet werden, denn es würde der Wahrheit wiedersprechen, daß die Kommunisten durch das taktische Zusammengehen mit den Nationalsozialisten irgendwie den Antisemitismus dieser Partei gutheißen. Ebensowenig wäre es gerechtfertigt, von Herrn Dingeldey und den anderen volksparteilichen Führern ohne weiteres zu behaupten, daß sie mit dem judenfeindlichen Programm der Nazis einverstanden sind. Sicher aber ist, daß für beide Bundesgenossen der Nationalsozialisten beim Volksentscheid der Antisemitismus der Nazis eine Angelegenheit war, über die sie unter den gegebenen Umständen zur Tagesordnung hinübergegangen sind, ein Vorgang, den wir Juden von unserem jüdischen Standpunkte aus geradezu als unmoralisch betrachten. Es ist gut, sich diese Dinge immer wieder in Erinnerung zu rufen, damit man nicht durch Entwicklungen in einem Grade überrascht wird, daß einem dann die Sprache wegbleibt. Unter gegebenen Umständen werden die Antisemiten für nichtjüdische Parteien und nichtjüdische Führer willkommene Bundesgenossen sein, ungeachtet der Tatsache, daß diese Antisemiten es als eine ihrer Hauptaufgaben betrachten, die jüdische Gemeinschaft zu schädigen, ja sogar zu vernichten. Der „kulturlose Antisemitismus“, über den jüdische Zeitungen so viel zu schreiben wissen und für welche Bezeichnung sie immer wieder tausend Kronzeugen anführen, ist nur in den Augen der Juden bei den Trägern dieser Kulturlosigkeit ein „Schönheitsfehler“, der diese Träger einfach unfähig machen sollte, irgendeine entscheidende Rolle zu spielen. In den Augen der nichtjüdischen Umwelt aber bedeutet die antisemitische Einstellung von politischen Führern, mag dieser Antisemitismus auch noch so gewalttätig und kulturwidrig sein, keine so beachtenswerte Angelegenheit, daß die Umwelt abgeneigt wäre, in diesen Antisemiten trotzdem vollberechtigte, würdige und durchaus akzeptable Sachverwalter allgemeiner Interessen zu erblicken. Letzten Endes stehen wir in der Welt allein. Das ist eine traurige Erkenntnis, aber es nützt nichts, vor ihr die Augen zu verschließen. rn. w. Pontius Pilatus Von Helene Hanna T h o n. Im „Falastin“, dem angesehensten arabischen Organ Palästinas, erscheint augenblicklich die arabische Übersetzung eines Buches von W. P. Crozier, der dem Trinity College in Oxford seine wissenschaftliche Ausbildung verdankt. Dieses Buch heißt mit seinem vollen Titel: „Briefe des Pontius Pilatus, geschrieben während seiner Amtsperiode als Statthalter von Judäa an seinen Freund Seneca in Rom.“ Gleichzeitig mit der arabischen Übersetzung erscheint dasselbe Buch in hebräischer Übersetzung. Dieses gleichzeitige Erscheinen der beiden Übersetzungen ist sehr bemerkenswert. Das Buch handelt fast ausschließlich von Juden und bildet eine interessante Charakterstudie über das jüdische Volk. Wer den „Falastin“ kennt, weiß, daß difeser sich nicht gerade bemüht, tieferes Verständnis für die jüdische Eigenart zu verbreiten, geschweige denn den Scheffel vom Licht des jüdischen Wesens hinwegzuziehen, daß es ihm vielmehr darauf ankommt, seinen arabischen Lesern jüdisches Wesen in jeder nur erdenklichen Weise zu verdächtigen und herabzusetzen. Wer die hebräische Übersetzungsliteratur verfolgt — soweit sie von Juden handelt — kommt zu der Einsicht, daß sie, was eigentlich selbstverständlich ist, nur solche Werke umfaßt, in denen die Juden sich selbst erkennen. Nun wird kein normales Individuum und sicherlich kein Volk sich selbst in einer durchaus oder vorwiegend negativen Schilderung erkennen, sondern nur in einem Bilde, In dem Licht und Schatten gut verteilt sind, wobei — wie das dem menschlichen Streben nach Selbstbejahung entspricht — das Licht überwiegt. Es muß also entweder dieses gleichzeitig vom „Falastin“ ins Hebräische übersetzte Buch so unklar sein, daß Araber und Juden es je nach ihren Zwecken auslegen können, oder sein Gegenstand, das jüdische Volk, muß einen anderen Wertmaßstab besitzen als seine Umwelt: was es sich selbst als positive Werte anrechnet, muß den anderen negativ erscheinen, was ihm unwesentlich oder unwertig Ist, muß für die anderen positive Werte enthalten. Daß dies tatsächlich und nicht nur im Verhältnis der Juden zu den Arabern der Fall ist, sondern von jeher und auch im Verhältnis zu anderen Völkern so war, geht aus dem Crozier’schen Buche deutlich hervor. Hier sind die Juden aus einem ganz bestimmten Gesichtswinkel gesehen: dem Gesichtswinkel des römischen 'Verwaltungsbeamten. Der Statthalter Pontius Pilatus, sein militärischer Berater Marcius, sein Vorgänger Valerius, mit dem er sich — wie das auch bei den Engländern noch heute Beamtenvorschrift ist —■ nicht im verwalteten Lande selbst, sondern in einem Nachbarlande trifft, alle diese Römer sind von vornherein Gegner der Juden, da sie von ihnen fast unüberwindliche Schwierigkeiten zu erwarten haben, vielleicht auch einfach aus Gründen der Blutsfremdheit und ererbten Vorurteile. Wie sieht nun das Gesamtbild aus, das der Römer Pontius Pilatus in seinen Briefen von diesen ihm so unsympathischen Juden entwirft? Die Antwert muß eigentlich Aufschluß darüber geben, wieso sich der „Falastin“ und der hebräische Übersetzer beide dieses Bild zu eigen machten. Vor uns steht ein Volk, das nach Pilatus Worten „hochzivilisiert, intelligent und differenziert, fleißig und beharrlich ist, das sich mit den Gelehrtesten in Haarspaltereien einlassen und es mit den Listigsten aufnehmen kann“. Ein Volk, das „arrogant, exclusiv und erfolgreich im Handel“ ist, das sich niemals und nirgends einer anderen als seiner eigenen jüdischen Kultur öffnet, für dessen Gottesfürchtigkeit „weder das Kreuz noch der Spieß Schrecken hat“. Und weiter schildert Pilatus die Juden als ein Volk, das auf der einen Seite prachtliebend ist und auf äußeren Glanz Wert legt, auf der anderen Seite aber bereit ist, sich von einem weitabgewandten Bettler führen zu lassen. Drei Eigenschaften sind jes, die den Römer Pilatus am stärksten gegen die Juden einnehmen, ihn immer aufs neue mit Mißtrauen, mit dem Gefühl seiner eigenen Ohnmacht und darum des Grolles erfüllen: ihre niemals ruhende geistige Beweglichkeit, ihr unerschütterliches Festhalten an ihrer Religion und an Jahwe als dem höchsten Herrscher und ihre Überzeugung, daß — mögen auch die Römer ihre politischen Herren sein —