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Das jüdische Echo · 1931-08-14 · 33 (14.8.1931) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
33 (14.8.1931)
Date
1931-08-14
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 33 14. Äugust 1931 18. Jahrgang Nur ein Schönheitsfehler? Es ist .nur natürlich, daß wie jedes Individuum auch jede Gruppe egozentrisch ist und die Dinge der Welt zunächst und hauptsächlich von ihrem Standpunkte, von ihren Interessen und von ihren Symptomen und Antipathien her betrachten. Wir Juden machen als Gruppe von dieser allgemeinen Kegel keine Ausnahme und sind, weil wir leider stets und überall angegriffen wurden und werden, besonders geneigt, alle Erscheinungen sofort daraufhin zu prüfen, wie sie sich auf unser Schicksal auswirken werden. Vor einiger Zeit erregte ein Conferencier in einem Berliner Kabarett jeden Abend stürmische Lacherfolge durch die stereotype Frage, die er an alle Leute richtete, mit denen er sich unterhielt, nämlich durch die Frage: „Sagen Sie mir, ist das gut für Juden?“ Und erzählte man ihm, daß es geregnet hatte, oder daß in diesem Jahre der Weltmeistertitel im Boxen an einen Amerikaner falle, so fragte er darauf prompt: „Ist das gut für Juden?“ Diese Frage wurde belacht. Ernstdenkende sollten über die Tatsache, daß wir Juden leider gezwungen sind, immer wieder darnach zu fragen, wie sich irgend ein Geschehen auf uns auswirken wird, lieber weinen als lachen. Denn in dieser jüdischen Haltung drückt sich die ganze Tragik unseres Seins aus; sie ist eine Folge dessen, was man mit dem Worte „Judenfrage“ bezeichnet. Sind wir Juden geneigt, anzunehmen, daß unsere Stellungnahme die allgemein gültige ist, und daß die große Umwelt hinsichtlich von Vorgängen und Persönlichkeiten, zu denen wir eine bestimmte Stellung einnehmen, sich ebenso verhalten wird wie wir. Titus, der das jüdische Zentralheiligtum, den Tempel, zerstört und die Selbständigkeit der Juden vernichtet hat, lebt in unserer Erinnerung als Titus „Harosche“, der Böse, fort, und die jüdische Legende weiß zu berichten, daß er für sein schreckliches Tun unter furchtbaren Qualen sterben mußte. Die nichtjüdische Welt aber errichtete Titus einen Triumphbogen, und die römischen Schriftsteller und Historiker nannten ihn die „Zierde der Menschheit“ und erzählten von ihm, daß er jeden Tag, an dem er nicht Gutes geübt hatte, als einen verlorenen betrachtete. Das geflügelte Wort „Diem perd'idi“ lebt bis auf den heutigen Tag fort und wird dem Kaiser Titus in den Mund gelegt, der den Juden als Inbegriff aller Bosheit und Sündhaftigkeit gilt. Was ist nun wahr? Ist Titus ein Haderlump oder ein Edelmensch gewesen? Das kommt auf den Standpunkt des Beschauers an. Man muß daran erinnern, weil in der letzten Zeit in jüdischen Kreisen mehrfach Erstaunen darüber geäußert wurde, daß anständige Menschen und durchaus liberale Parteien in keiner Wefse davor zurückschrecken, Umgang mit Männern zu pflegen, mit ihnen Verträge abzuschließen und sie zu ihren Bundesgenossen zu erwählen, obwohl diese Männer nach unserer Auffassung der Inbegriff alles Bösen und objektiv Verwerflichen sind. In Rumänien lebt der alte Antisemitenführer Prof. Cuza. Der Zufall wollte es, daß Cuza bei der Eröffnung des neugewählten rumänischen Parlamentes 8 Tage lang als Alterspräsident bis zur Wahl des Vorsitzenden durch die Abgeordneten fungierte. Der rumänische Ministerpräsident Jordja, der vor der Wahlschlacht und während der Parlamentswahlkampagne von Beteuerungen seiner liberalen Gesinnung überfloß und feierliche Versprechungen abgab, daß von nun an die antisemitischen Ausschreitungen in Rumänien seitens seiner Regierung die energischste Zurückweisung erfahren werden, ließ Prof. Cnza nach dessen achttägigen Alterspräsidenschaft einen der höchsten rumänischen Orden verleihen. Dieser Orden ist natürlich im Namen des rumänischen Königs an Cuza überreicht worden, so daß sowohl der König wie auch der Ministerpräsident Jordja dem alten Antisemitenhäuptling gehuldigt haben. In jüdischen Kreisen herrschte darüber die allergrößte Konsternation. Wie kann man, fragten Juden, einem solchen Erzsünder wie Cuza eine königliche Auszeichnung zuteil werden lassen, wie kann man mit ihm Umgang pflegen, wie kann man ihm die Hand reichen? All diese Fragen sind nur aus dem Umstande erklärlich, daß wir Juden nicht begreifen wollen, daß die Judenfrage nur für uns eine zentrale Angelegenheit ist, während sie für die Umwelt in sehr vielen Fällen nichts, und in Ausnahmefällen eine Nebensache bedeutet. Für uns Juden ist der Radauantisemitismus des Cuza ein „Schönheitsfehler“, wenn man so sagen darf, über den wir nicht hinwegkommen können und der uns diesen Mann, mag er sonst ein Gelehrter oder was immer auch sein, einfach unannehmbar macht. Von der nichtjüdischen Umwelt aber werden auch die blutrünstigsten Antisemiten zunächst nach anderen Maßstäben gewertet und wenn man bei der Abschätzung dieser Persönlichkeiten feststellt, daß sie Antisemiten sind, so geht man über diese Tatsache in den allermeisten Fällen achtlos und in wenigen Fällen mit einem gewissen Maße peinlichen Empfindens, aber doch ohne besondere Hemmungen hinweg. Ähnlich wie mit Cuza verhält es sich in Deutschland mit Adolf Hitler, Joseph Goebbels und allen anderen „großen“ Führern der nationalsozialistischen, radikalantisemitischen Partei. Wir haben am vorigen Sonntag den Prenßischen Volksentscheid erlebt. Einträchtig sah man da Nationalsozialisten, Kommunisten und Liberale, von der Deutschen Volkspartei, von den Deutschnationalen zu schweigen, Arm in Arm vereinigt, um ein bestimmtes politisches Ziel zu erreichen. Abgesehen von Einwänden staatsbürgerlicher Art, die viele Juden gegen den Volksentscheid vorzubringen hatten, waren sie auf das empfindlichste dadurch betroffen, daß Kommunisten und liberale Bürger, von denen man weiß, daß sie programmatisch den Judenhaß ablehnen, dennoch mit den wütendsten Antisemiten, den Nationalsozialisten, eine politische Bundesbrüderschaft schlossen, ohne

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