Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 32 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Das Jüdische Echo Nr. 32 ist nicht ewig und unveränderlich, sondern fließend und von äußeren Umständen bestimmt. Wenn der Jude durch Auswanderung und Verpflanzung unter ein anderes Kulturvolk mit diesem ohne rechtliche Einschränkungen in wirtschaftlichen und kulturellen Kontakt kommt und dessen Sprache lernt, so hat dies zur Folge, daß er in der ersten, zweiten oder spätestens der dritten Generation die meisten Merkmale seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volke aufgibt und dafür die Merkmale des fremden Volkes annimmt. Bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt, wechselt er damit seine Nationalität. Diese Assimilation ist ein Prozeß wie. ein Naturvorgang, dem nur ganz wenige widerstehen können. Wo sie durch Auswanderung in ein anderes Land eingeleitet wird und das Leben des Einzelnen hierdurch ohnehin einen Bruch bekommt, erscheint die Assimilation im Gefolge dieses Bruches als etwas Notwendiges und Natürliches. Wo sie ohne solchen Bruch bei ansässigen Juden eines Landes als Folge der Veränderung ihrer rechtlichen und wirtschaftlichen Lage auftritt, entbehrt sie dieser augenfälligen äußeren Rechtfertigung. Bier scheint sie nicht Folge eines äußeren Zwanges, sondern ein freiwilliger innerer Akt zu sein, der durch wirtschaftliche Rücksichten veranlaßt ist. Aber in Wirklichkeit ist auch hier der eigene Wille nur ein schwaches Rädchen in einem großen Getriebe. Der wichtigste Faktor für die Zugehörigkeit zu einer Nation, nämlich die Aneignung ihrer Sprache, erfolgt im frühen Kindesalter, in dem von Willen und Absicht keine Rede sein kann. Mit der Aneignung der fremden Sprache ist die Assimilation im wesentlichen schon vollzogen. Sie ist also in den meisten Fällen nicht aktive Assimilation, bei welcher der Einzelne sich bemüht, der Mehrheit durch Mimikry ähnlich zu werden, sondern passive Assimilation, welcher der Einzelne ohne seinen Willen unterliegt. Ist die Assimilation hiernach kein Willensakt des Einzelnen, sondern eine soziale Massenerscheinung von fast naturhafter Notwendigkeit, so ist es nicht möglich, sie nach den Grundsätzen der individuellen Moral (Treupflicht) als Treubruch oder Utilitarismus zu werten oder ihr durch Moralpredigten wirksam entgegenzutreten. Wo immer das Diaspora-Judentum nicht im Ghetto eingesperrt lebte, sondern mit einer kulturell hochstehenden Umwelt im Verkehr stand, hat es sich stets1 der Umwelt kulturell anzupassen gesucht. In der den Einflüssen der fremden Kultur besonders ausgesetzten Peripherie hat die Assimilation häufig auch vor dem Aufgeben der jüdischen Religion nicht Halt gemacht. Insofern ist die Assimilation im Judentum also nicht erst eine Erscheinung der Neuzeit. Der Unterschied ist allerdings der, daß die Einflüsse von außen heute stärker sind als jemals früher und daß die Assimilation von den peripheren Schichten bereits bis ins Zentrum gedrungen ist. 2. Verfall der Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaft Das Bewußtsein der Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaft war im 18. Jahrhundert unter den aschkenasischen Juden stark entwickelt. Ihre relativ geringe Zahl, ihre Konzentration in einem Gebiete (Polen) und die Tatsache, daß sie nur unter sich heirateten, hatte zur Folge, daß sie miteinander in nahem oder entfernterem Grade verwandt waren. Das zeigte sich besonders in der wohlhabenden Schicht. Fast alle bekannten jüdischen Familien in Polen im 18. Jahrhundert haben in der dritten oder vierten Vorfahrenreihe viele gemeinsame Ahnen. Diese „Versippung“ verstärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Rechtlosigkeit und die Verfolgungen, denen die Juden ausgesetzt waren, machte aus ihnen Schicksalsgenossen; jeder Jude fühlte sich für den anderen verantwortlich, denn die Verfehlung eines Einzelnen konnte die Gesamtheit treffen. — In der Gegenwart ist das Bewußtsein der Abstammungsgemeinschaft unter den Juden viel schwächer geworden. Erstens ist die Zahl der Juden im letzten Jahrhundert gewaltig gewachsen und mit der Erweiterung des Kreises des connubium hat die Versippung naturgemäß abgenommen. Zweitens macht die viel stärkere Zerstreuung der Juden über viele Länder eheliche Verbindungen unter ihnen allen schwierig oder unmöglich. An Stelle eines Engzuchtkreises treten viele Engzuchtkreise, die untereinander das Gefühl der Verwandtschaft verlieren. Drittens sind in den Ländern mit hoher weltlicher Kultur Mischehen zwischen Juden und Christen häufig geworden. Damit ist der jüdische Blutskreis durchbrochen worden. Nichtjüdisches Blut dringt unter die Juden ein und bringt sie rassemäßig ihren christlichen Nachbarn näher, während es gleichzeitig die Juden in Ländern mit zahlreichen Mischehen rassemäßig von denjenigen Juden entfernt, in deren Gebiete Mischehen noch nicht Vorkommen. Auch die Verbundenheit durch Schicksalsgemeinschaft hat heute einen großen Teil ihrer früheren Bedeutung eingebüßt. Die Not, welche die Juden zusammenschmiedete, ist in ihrer früheren krassen Form heute nicht mehr vorhanden. Außerdem hat die räumliche Zerstreuung die Juden unter ganz verschiedene äußere Umstände gebracht und ihre Schicksalsgemeinschaft zerschnitten. 3. Lockerung der Familienbande Die auszeichnenden Merkmale des traditionellen jüdischen Familienlebens sind in der Neuzeit zu einem großen Teile verloren gegangen. Diese Merkmale waren Keuschheit von Mann und Frau vor der Ehe, beiderseitige eheliche Treue. Hochschätzung einer großen Kinderzahl, Achtung der Kinder vor den Eltern und eine unbegrenzte Liebe und Aufopferungsfähigkeit der Eltern für ihre Kinder, denen die Eltern ihr eigenes Wohlergehen unterordneten. Die Frauen nahmen keinen Anteil am öffentlichen Leben, sondern beschränkten sich auf häusliche Arbeit oder auf Hilfe im Geschäfte des Mannes. Die Töchter traten bis zu ihrer Verheiratung, die meist vor dem 20. Jahr erfolgte, nicht aus dem Rahmen des Elternhauses heraus. Der Mann hatte eine große Autorität gegenüber Frau und Kindern, aber diese Autorität war in der Macht der Tradition und nicht in Gewalt verankert. Körperliche Züchtigung der Kinder durch die Eltern, die bis ins 19. Jahrhundert bei den Christen als unentbehrliches Erziehungsmittel galt, war bei den Juden sehr selten. Dieses in sich gefestigte jüdische Familienleben hat eine starke Erschütterung erlitten, seitdem die Kinder eine andere Bildung erhalten als die Eltern, und seitdem die Frauen aus dem Frieden des Hauses in das wirtschaftliche Leben hinausgetreten sind. Keuschheit und eheliche Treue sind zurückgegangen, die Geburteneinschränkung ist weit verbreitet. Das Verhältnis von Eltern und Kindern ist bei weitem nicht mehr so vom gemeinsamen Familieninteresse beherrscht wie früher. Nach dem Vorbild der Christen, bei denen Eltern und Kin-