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Das jüdische Echo · 1931-08-07 · 32 (7.8.1931) · p. Seite 449

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
32 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
Seite 449 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Das Jüdische Echo 449 Sprache, Tradition, Religion, Beruf, Rechtsstellung einheitliche und von den Nichtjuden durchaus verschiedene ethnische Gruppe, in welcher das Bewußtsein ihrer Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaft lebendig war. Der wichtigste Vorgang im sozialen Leben der Juden seit dem 18. Jahrhundert ist der Zerfall oder die Lockerung ihrer ethnischen Einheitlichkeit und ihres Zusammengehörigkeitsgefühles, sowie ihre Angleichung (Assimilation) an das wirtschaftliche und kulturelle Leben ihrer christlichen Umgebung. Der Prozeß der Assimilation nahm seinen Ausgang von der Wandlung im Wirtschaftsleben der europäischen Völker. Der Kapitalismus, der seit dem 18. Jahrhundert das System der Zunftverfassung durch das System der freien Konkurrenz ablöste und dem Geldkapital neue Wege zum Profit eröffnete, hatte viele Züge mit dem jüdischen Erwerbsleben gemein. Der Jude 'verlor seinen Charakter als Fremdkörper in der Volkswirtschaft und begann sich als ein organisches Glied in die allgemeine Wirtschaft einzufügen. Im Zusammenhang damit machte die rechtliche Sonderstellung der Juden ihrer rechtlichen Gleichstellung mit den Christen Platz. Diese wirtschaftliche und rechtliche Annäherung öffnete der christlichen Kultur den Eingang in die bis dahin in völliger kultureller Isolierung verharrende Judenheit. Der dreifache Schutzwall der Besonderheit der Sprache, Bildung und Religion bekam Breschen oder stürzte ganz ein. Nicht in allen Ländern hielt dieser Prozeß das gleiche Tempo ein. Er begann in West- und Mitteleuropa viel früher als in Osteuropa, und seine Wirkung ist deshalb in Osteuropa geringer. Aber ganz unberührt ließ die Assimilation die Juden nirgends. Sogar in den orientalischen Ländern sind ihre Spuren bereits erkennbar. Die Assimilation der Juden an ihre nichtjüdische Umgebung zeigt sich heute nicht zum ersten Male in der jüdischen Geschichte. Vielmehr trat sie jedesmal ein, wenn die Juden als Gleichberechtigte inmitten einer hohen Kultur lebten, in der nicht die Religion, sondern die Wissenschaft (Philosophie) ausschlaggebend war. In der hellenistischen und spanisch-arabischen Epoche, in der dies der Fall war, kehrten sich die Juden in derselben Weise wie heute von ihrer Kultur ab und wandten sich der fremden Kultur zu. Was die Juden in solchen Perioden der Assimilation und des Abfalls vor völligem Untergang ihrer eigenen Kultur und Religion rettete, war der Umstand, daß sie in den zwei Jahrtausenden der Diaspora niemals nur in Ländern hoher Kultur, sondern gleichzeitig auch immer in Ländern niedriger Kultur lebten, in denen die Assimilation nichts Verlockendes hatte. Man muß sich erinnern, daß die Juden, als sie in die zentralen und östlichen Teile Europas einwanderten, Kulturpioniere waren. Sie brachten die hohe Kultur des Orients in diese damals noch kulturarmen Gebiete. Selbst als sie mit der Entwicklung von Wissenschaft und Kunst in der Zeit der Renaissance und Reformation in Süd- und Westeuropa hinter den Nichtjuden dieser Gebiete zurückblieben, erhielt sich ihre höhere kulturelle Stellung doch noch in Osteuropa, das an dem geistigen Aufschwünge des übrigen Europa nur wenig teilnahm. Es war die weite Verzweigung der Judenheit über viele Länder mit verschiedener Kulturhöhe, welche es ermöglichte, daß trotz des Absterbens einiger Zweige doch der Stamm der Judenheit niemals ganz zerstört wurde und immer neue Triebe hervorbringen konnte. Übrigens wurde der Zusammenhalt der Juden in früherer Zeit auch durch gewisse wirtschaftliche Umstände erleichtert. Bis zum 13. Jahrhundert lag der Orienthandel, der damals der wichtigste Handelszweig war, fast ganz in den Händen der Juden und beruhte auf der Verbindung und dem Vertrauen zwischen den Juden des Morgenlandes und des Abendlandes. Die Zugehörigkeit zu den Juden kam also in dieser Zeit der Zugehörigkeit zu einer privilegierten Kaufmannsgilde gleich. Nach der Verdrängung der Juden von diesem Handel schuf die Befreiung vom kanonischen Zinsverbote und das internationale Wechselgeschäft, das auf der Verbindung der: Juden verschiedener Länder aufgebaut war, für die Juden von neuem eine privilegierte wirtschaftliche Stellung. In Polen erhielten sie von den polnischen Königen weitere wirtschaftliche Vorrechte. Die Lage der Juden war in vieler Beziehung der privilegierten Lage von Europäern in den mohammedanischen Staaten Nordafrikas oder in China im 19. Jahrhundert ähnlich, besonders auch darin, daß sie nicht den allgemeinen Landesgesetzen unterworfen waren, sondern eine besondere Rechtsstellung hatten. Dieser Schutz durch eine niedrigere Kultur der Umgebung und durch wirtschaftliche Privilegien ist heute noch kaum vorhanden, weil ein großer Teil der Juden aus den Gebieten niederer Kultur in Gebiete höherer Kultur und Wirtschaft abgewandert ist und weil auch in den noch rückständigen Ländern das allgemeine Kulturniveau steigt. Die „Reservate“, in deren Schutz die jüdische Kultur und Religion sich bisher erhielt, werden immer kleiner, die Angriffsflächen für die Einflüsse von außen immer größer. Als ein äußeres Zeichen der Assimilation können wir die Anpassung in Kleidung und Haartracht ansehen. Die einheitliche Kleidung der aschkenasischen Juden im 18. Jahrhundert, bestehend aus langem Rock, hohen Schaftstiefeln, schwarzem runden weichen Samtfilzhut oder enganliegender schwarzer Tuchmütze mit schmalem Schirm, war bei einem großen Teil der Juden in Osteuropa im Anfänge des 20. Jahrhunderts noch üblich. In Rußland und Kongreßpolen ist sie seit dem Weltkriege, besonders bei der jüngeren Generation, stark zurückgegangen, am besten hält sie sich noch in Galizien. Die jüdischen Frauen in Osteuropa sind in den letzten Jahrzehnten in der Anpassung an die allgemeine „Mode“ noch weiter vorgeschritten als die Männer. In Mittel- und Westeuropa und in den außereuropäischen Ländern haben die Juden sich in der Kleidung vollständig ihrer christlichen Umgebung angepaßt. Nur in den großen Ghetti der westeuropäischen und amerikanischen Städte begegnet man noch älteren Juden in traditioneller Tracht, ebenso haben viele orientalische Juden noch Reste einer eigenen Tracht bewahrt. Die Schläfenlocken und die langen Bärte, früher das Charakteristikum aller Juden und durch das religiöse Gesetz gefordert, sind ebenso wie die jüdische Tracht in Osteuropa und im Orient zum Teil und in allen anderen Ländern gänzlich verschwunden. Die jüdischen Einwanderer aus Osteuropa nach den Vereinigten Staaten pflegen schon auf dem Schiff ihre langen Bärte abzuschneiden und damit den ersten Schritt zur Angleichung an ihre neue Umgebung zu unternehmen. Die Zugehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft

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