Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 32 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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448 Das Jüdische Echo Nr. 32 übrige Bevölkerung, weil die Juden in diesen Schichten das Schwergewicht ihrer Wirtschaftsstellungen haben. Ich will dabei nicht ausführlich auf das Problem eingehen, sondern nur andeuten, daß es ein Problem gibt, inwieweit es sich bei diesen besonderen Erschütterungen um eine spezielle Konjunkturerscheinung unserer Tage, dieser Krise, handelt, oder inwieweit es darüber hinaus der Ausdruck eines Strukturwandels, einer Wandlung unserer Wirtschaft ist, die unabhängig von dem Auf und Ab der Konjunkturen sich langfristig vollzieht durch die Entwicklung, die wir erleben innerhalb des Kapitalismus, von der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus und möglicherweise darüber hinaus zu einer organisierten Wirtschaft, die jenseits des kapitalistischen Systems liegt. Ich sage, es ist außerordentlich schwer, abzugrenzen, inwieweit diese Erschütterungen auf das eine oder andere Symptom zurückzuführen sind, besonders schwer mitten in der Krise, in der wir stehen, und in der wir noch nicht zuverlässig überschauen können, was von dem, was wir jetzt erleben, sich als ein dauernder Strukturwandel bewähren oder was verschwinden wird. Nun gibt es gegenüber diesen allgemeinen Eindrücken neuerdings eine Reihe von sehr wertvollen Einzeluntersuchungen, die in dem Buch von Dr. Alfred Marcus „Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden“ zusammengestellt worden sind. In diesem Buch, das meiner Kenntnis nach die erste ernsthafte Untersuchung in dieser Richtung darstellt, und das sehr viel interessantes Material beibringt, wird durchaus zuverlässig nachgewiesen, daß in einigen für die jüdische Wirtschaft oder für die Juden in der deutschen Wirtschaft außerordentlich wichtigen Positionen, nämlich im Metallhandel, Bankwesen, Textilwesen und Getreidehandel, eine durch die Gesamtentwicklung bedingte, besonders scharfe Zurückdrängung der jüdischen Existenzen stattgefunden hat und im Gange ist. Ich glaube, daß es eine ganze Reihe von Kompensationsgebieten gibt, ich denke hierbei z. B. sehr stark an die modernen Entwicklungsformen des Handels, also Warenhäuser, Spezialgeschäfte, Kettenläden, alles Gebiete, die eine neue Form des Kapitalismus in ein Gebiet hineintragen, das bisher in vielfach noch vorkapitalistischer Struktur innerhalb der Wirtschaft bestand. Hier ist ein zweifellos starkes Feld jüdischer Wirtschaftsbetätigung und Arbeit entstanden. Daneben haben wir das gleiche in einer Reihe von neuen Industrien bis zu einem gewissen Grade beobachten können. Wenn wir die Kino-Industrie als Gesamtheit nehmen, wobei wir allerdings nicht so Vorgehen dürfen, daß wir die Firmen zählen als jüdisch und nichtjüdisch betonte, sondern die Gesamtheit der Arbeitskräfte in Betracht ziehen, so glaube ich, daß im Kinogeschäft einschließlich der Ufa die Beteiligung der Juden sehr stark und wesentlich ist. In dieser neuen Industrie mit allem, was drum und dran hängt, also wenn man nicht nur das Geschäftliche, sondern auch das Künstlerische und Literarische berücksichtigt, sind starke jüdische Positionen entstanden. Das gilt aber auch von etwas anderem. Es ist nämlich zweifellos richtig, wenn man generell festslellt, daß das Vordringen von organisatorischen Tendenzen in der modernen Wirtschaft sehr oft und wirklich ganz selbständige Existenzen ausschaltet; auf der anderen Seile aber haben sich innerhalb der organisatorischen Tendenzen, die wir haben, innerhalb des Verbandswesens, sich wieder starke jüdische Positionen herausentwickelt. Wenn man das Verbandswesen im ganzen, vom Standpunkt seiner bisherigen Struktur gesehen, als der jüdischen Wirtschaft feindlich ansieht, so ist doch nicht zu verkennen, daß innerhalb der Verbandssyndici die Juden eine große Rolle spielen, und daß Organisierung als Geschäft eine gewisse Kompensation für eine Gruppe von jüdischen Existenzen gebildet hat. Die gewöhnliche Vorstellung, die man von der Entwicklung von Monopolkapitalismus und Verbandswesen hat, geht dahin, anzunehmen, daß sich die Zahl der Tätigen im Handel und in den Hilfsgewerben durch diese Organisation vermindert. Das wird vielleicht einmal kommen. Bisher ist es noch nicht so, sondern wir haben gegenüber dieser Vorstellung bisher die Tatsache, daß wir eine Verringerung der Kräfte haben, die in der Industrie tätig sind, und einen Zustrom von Kräften im Handel, Bankgewerbe, Versicherungswesen. Es ist interessant, daß das keine speziell deutsche Erscheinung ist, sondern die Statistik aus Amerika ist noch drastischer als die deutsche. Der ganze Prozeß der Rationalisierung, der Prozeß, daß man mit wenig Arbeitskräften mehr Produktion schafft, hat in Amerika dazu geführt, daß die Industriebevölkerung zurückgegangen ist, während die Bevölkerung innerhalb des Handels, des Bankgewerbes, Versicherungswesens usw. zugenommen hat. Allerdings will ich hier hinzufügen, daß die letzten amerikanischen Zählungen aus dem Jahre 1929 stammen; ich halte es für durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, daß im letzten Krisenjahr dort ein Rückschlag der Abstoßung aus den Handelspositionen stattgefunden hat. Ich führe diese Dinge nur deshalb an, um mein sachlich schwach fundiertes Urteil über die Frage, ob die Juden in Deutschland von dieser Krise besonders hart oder weniger hart als andere betroffen werden, dahin zusammenzufassen, daß ich glaube, der Saldo, den man unter Berücksichtigung der Gesamtkrisensituation zu ziehen hat, ist sehr problematisch. Es wäre meines Erachtens eine Täuschung, wenn die Juden die Dinge allzu pessimistisch ansehen würden. Formeln, wie sie heute im Munde geführt werden, daß „die Juden“ proletarisieren, daß sie aus ihren Wirtschaftspositionen verdrängt werden, halte ich bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge für außerordentliche Übertreibungen. Hssimilationserscheimmgen im Judentum Von Arthur R u p p i n Mit Genehmigung des Jüdischen Verlags, Berlin W 50, veröffentlichen wir aus dem soeben erschienenen Buch „Der Kampf der Juden um ihre Zukunft“ (2. Band des Werkes von Dr. Arthur Ruppin, „Soziologie der Juden“) das nachstehende Kapitel. Nachdruck verboten. Copyright 1931 by Jüdischer Verlag. — Wir werden auf das Werk noch ausführlich eingehen. 1. Das Wesen der Assimilation Die Juden sind das einzige Kulturvolk, das trotz des Fehlens eines eigenen Territoriums und trotz der Zerstreuung über viele Länder vom Altertum bis in die Neuzeit hinein das Gefühl seiner Zusammengehörigkeit als Volksgemeinschaft bewahrt hat. Noch im 18. Jahrhundert war es weder einem Juden noch einem Christen in Europa zweifelhaft, daß die Juden eine besondere „Nation“ oder ein besonderes Volk bildeten. Das galt sowohl für die sefardischen Juden in Südfrankreich, Italien und der Türkei, wie besonders für die aschkenasischen Juden, die damals in ihrer großen Mehrheit in Osteuropa konzentriert waren. Sie waren eine durch