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Das jüdische Echo · 1931-08-07 · 32 (7.8.1931) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
32 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 32 7. August 1931 18. Jahrgang Wirtschaftskrise und Juden Von Fritz Naphtaii Viel bedrohlicher als die innerpolitische Entwicklung in Deutschland ist für die Juden die Wirtschaftskrise, die insbesondere die kleineren selbständigen jüdischen Existenzen schwer trifft. Die Frage des Einflusses der Wirtschaftskrise auf die jüdische Bevölkerung ist in der letzten Zeit Gegenstand vieler Untersuchungen gewesen. In der großen Zahl pessimistischer Stimmen gibt es auch vereinzelte, welche trotz der augenscheinlichen Verelendung zahlreicher jüdischer Existenzen nicht so trübselig in die Zukunft blicken. Zu diesen, übertrieben ausgedrückt, „optimistischen“ Beurteilern gehört auch der sozialistische Theoretiker Fritz Naphtaii, ein bekannter Soziologe und jüdisch in stärkstem Maße interessierter Mann. Seine Ansichten zur Frage der Wirtschaftskrise und die Juden hat Naphtaii vor einiger Zeit in einem ausführlichen Vortrag dargelegt. Der Kernabschnitt von Naphtalis Ausführungen sei nachstehend wiedergegeben, wobei ausdrücklich betont werden soll, daß uns Naphtalis Ausführungen, obwohl sie von hoher wissenschaftlicher Warte kommen, doch nicht restlos überzeugen. Je stärker die Erschütterungen einer Wirtschaft, je stärker die Zusammenbrüche, je stärker die Umwälzungen sind, um so häufiger werden auch im Verhältnis zu der Gesamlerscheinung der Notlage die Sonderfälle werden, die aus der Regel herausspringen, für die man ein Eingreifen der sich den Sonderbedürfnissen stark anpassenden und stark anpassungsfähigen Wohlfahrtspflege als Ergänzung zur allgemeinen Sozialpolitik braucht. Wenn wir von diesem Standpunkt aus nun den Spezialfall der jüdischen Wohlfahrtspflege und den Spezialfall der Juden sehen, so möchte ich vielleicht an die Spitze meiner Ausführungen die generelle Formulierung stellen, daß die Juden im ganzen einen Sonderfall darstellen. Die Juden sind ihrer Struktur und ihrem Aufbau nach in den Ländern, in denen sie leben, ein gewisser Sonderfall; sie gehen nicht einfach auf und über in die Umwelt, sondern sie haben eine Fülle von Sondererseheinungen, denen sie durch Sonderorganisationen und Sondermaßnahmen gerecht werden müssen. Dabei ist nun die stark umstrittene Frage die, ob die Krise, die wir durchleben, die Juden besonders stark, stärker als andere Bevölkerungskreise trifft, ob sie mit dieser Krise gleichmäßig wie alle anderen verbunden sind, oder ob sie weniger betroffen werden. Um zu der Frage, wie die Krise die Juden im Verhältnis zu der Gesamtbevölkerung trifft, überhaupt Stellung zu nehmen, muß man natürlich einen Blick auf den sozialen Aufbau der jüdischen Gesellschaft in Deutschland werfen. Das ist aber nicht ganz leicht, weil wir uns hier, trotzdem uns das Gebiet sehr nahe steht, auf einem wenig durchforschten Gebiet bewegen. Die Frage der jüdischen Eingliederung und der jüdischen Sonderstellung in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft ist, wie mir scheint, bisher nicht systematisch und ausreichend durchgearbeitet worden, und es ist deshalb schwierig, hier im einzelnen wissenschaftlich zuverlässige Aussagen zu machen. Man ist ein wenig auf die Ergänzung der Statistik durch den Augenschein angewiesen. Mit diesen Reserven also möchte ich zu der Frage, wie die Krise die Juden im Verhältnis zur Gesamtheit trifft, folgendes sagen. Ich glaube, es gibt eine Reihe von Erscheinungen, in denen die jüdische Wirtschaft relativ weniger stark betroffen wird als die Gesamtbevölkerung in Deutschland. Dazu gehört, wie ich glaube, bestimmt das Problem der Arbeitslosigkeit, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde, weil innerhalb der jüdischen Bevölkerung der Anteil an der Arbeitslosigkeit ein relativ geringer ist, weil sich der Anteil der Juden an der Arbeitnehmerschaft in erheblichem Umfange überhaupt auf die Angestellten beschränkt und die Angestellten ja immerhin nur einen kleineren Prozentsatz der Gesamlarbeiterschaft Claris teilen. Deshalb glaube ich, daß die Juden an der Arbeitslosigkeit, die wir statistisch mit 4,3 Millionen bis 5 Millionen erfassen, unterproportional beteiligt sind. Ich bemerke immer wieder dabei, daß es im Grunde herzlich gleichgültig ist, ob sie in der Statistik eine über- oder unterproportionale Beteiligung darstellen. Das will ich nicht in dem Sinne verstanden wissen, als ob ich sagte, das Problem ist dann für uns weniger wichtig. Es ist für uns genau so wichtig, so lange viele Tausende da sind, die an sich die soziale Hilfe brauchen. — Wenn ich das soziologische Gesamtbild betrachte, muß ich ferner in Berücksichtigung ziehen, daß die Juden auf einem Gebiet der Krisenerscheinung in Deutschland fast gar nicht beteiligt sind, nämlich an all dem, was man die Agrarkrise nennt. Wo liegt das Schwergewicht der jüdischen Gesamtbevölkerung? Es liegt nicht, wie man nach manchen literarischen Darstellungen geneigt wäre anzunehmen, bei den jüdischen Millionären, bei den großen Wirtschaftsführern, mit denen sich viele Juden gern rühmen, um die großen Leistungen der Juden für die deutsche Wirtschaft darzustellen, diese sind eine kleine und verschwindende Einzelgruppe. Das Schwergewicht liegt auf der mittleren Bourgeoisie und auf dem Kleinbürgertum. Es liegt bei den selbständigen Existenzen, die sich vor allen Dingen im Handel, zum Teil auch in akademischen Berufen, bilden, auf einer mittleren Schicht und auf einem Kleinbürgertum, das in irgendwelcher Form des Einzelhandels, manchen Zweigen des Handwerks, sich selbständige Existenzen aufgebaut hat. Und hier liegt die stärkste Besonderheit des Betroffenwerdens der jüdischen Wirtschaft von der gegenwärtigen Krise. Was relativ die Juden an der Arbeitslosigkeit als Regelfall sparen, das haben sie zusätzlich in der Erschütterung selbständiger Existenzen. Diese Erschütterungen, der Zusammenbruch großer, mittlerer und kleiner Firmen und was mit ihnen zusammenhängt, trifft die Juden wahrscheinlich prozentual stärker als die

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