Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-07-24 · 30 (24.7.1931) · p. Seite 425

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
30 (24.7.1931)
Date
1931-07-24
Page
Seite 425 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9178644--11849-9083920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30 Das Jüdische Echo 425 ln gewissem Sinne glich der Zionistenkongreß während der ersten acht Tage einem Konklave. Die versammelten Vertreter des zionistischen Volkes sahen nichts als das große Messegebäude in Basel, an dessen Mauern für sie die Welt aufzuhören schien. So paradox es klingt, man hatte in den ersten acht Tagen des Zionistenkongresses vergessen, daß es ein jüdisches Volk, daß es Palästina, und daß es eine große öffentliche Meinung gibt. Die zionistischen Führer lebten sich in den ersten acht Tagen aus. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, daß die meisten zionistischen Delegierten in den ersten acht Tagen außer der offiziellen Kongreß-Zeitung keine andere jüdische Zeitung, geschweige denn eine nichtiüdische zur Hand nahmen. Durch diese Feststellung sei die Stimmung ausgedrückt, in der sich der Kongreß in der ersten Woche seiner Tagung befunden hat. Kein Wunder, daß die Diskussionsredner alle so taten, als ob die Welt das Gebäude des Zionistenkongresses sei in Basel, und sie die einzigen Bewohner der Welt wären. Aber je länger der Kongreß dauerte, um so schwerer war es, diese Stimmung der zionistischen Exklusivität zu bewahren. Durch Tür und Fenster drangen die Stimmen der Außenwelt hinein. Es kam die Kunde von einem Schreiben Passfields in Angelegenheit des Landentwicklungsplanes, es langten'Depeschen aus Palästina ein, die Telefondrähte spielten, und allmählich fand man aus dem verzauberten Kreis, in dem man sich acht Tage lang befunden hatte, in die Wirklichkeit zurück. So kam es, daß der Zionistenkongreß, in dessen erster Hälfte die Revisionisten die Herren der Situation zu sein schienen, in der zweiten Hälfte seiner Dauer wieder Fühlung mit dem Leben gewann. AJlerdings mußte der in den ersten acht Tagen aufgehäufte Berg von Vorwürfen, Deklamationen und Deklarationen irgendwie abgetragen werden. Und das Mittel hierzu war der Sturz Ghaim Weizmanns. Als das geschehen war, fanden die Gruppen der Mitte, die zuerst so taten, als ob sie Verbündete Jabotinskys wären, daß der von ihnen eingeschlagene pseudorevisionistische Kurs mit den Realitäten konfrontiert, eigentlich garnicht ihren Absichten entsprochen habe und in der politischen Kommission, wo tagelang um eine theoretische Formel, das Endziel, gerungen wurde, einigte man sich auf eine harmlose Erklärung, die eigentlich nichts besagt. Als es dann zur Exekutivbildung kam, da zeigte sich immer stärker, daß man trotz aller Forschheit und trotz aller mutigen Deklarationen doch nur das tun kann, was einem die Tatsachen aufzwingen. Hierzu trug in erster Linie das Vorhandensein einer großen Fraktion der Linken bei. Diese war es, welche in der zweiten Hälfte des Kongresses das Feld beherrschte. Das ist kein Zufall. Wo es sich um Deklarationen handelt, entscheidet der rücksichtslosere Debattenredner. Wo aber die Dinge gezimmert werden, die im Alltagsleben der Arbeit standhalten sollen, dort enscheiden diejenigen, die gewöhnt sind, zu arbeiten und anstatt zu deklamieren, Realitäten zu schaffen. Noch läßt sich nicht übersehen, welche Wirkung die Debatten und die Beschlüsse des Baseler Zionistenkongresses auf die zionistische, nichtzionistische und nichtiüdische Welt ausüben werden. Die neugewählte Exekutive hat eine schwere Aufgabe vor sich. Sie wird zu beweisen haben, ob sie den Weg praktischer Politik zu gehen vermag oder ob sie so schwach ist, daß sie zu einer Flucht nach vorn, d. h. einer Flucht in irreale Forderungen getrieben wird. f n. Das Ende des Kongresses In der 22. Sitzung, Dienstag, 14. Juli, vorm., wird die Debatte über die Vorschläge der Budget-Kommission und eine Anzahl von Vorschlägen über Sonder-Sammlungen fortgesetzt. Der Kongreß beschließt u. a. die Reduktion des Erziehungs-Budgets in erster Linie durch Ersparnisse in der Administration durchzuführen. Der Kongreß beschließt nach Verständigung mit der Jewish Agency ein Kontrollamt für die. zionistischen Institutionen zu schaffen, welches die Aufgabe haben soll, sämtliche Ausgaben auf ihre Berechtigung und Zweckmäßigkeit zu prüfen. Dieses Kontrollamt ist von der Executive der Zionistischen Organisation und der jewish Agency unabhängig und nur verpflichtet, den legislativen Körperschaften der beiden Organisationen halbjährlich Bericht zu erstatten. Die Executive wird aufgefordert, mit der Verwaltung des Emergency Found in Verhandlungen zu treten, um die Verwendung der von diesem Found geliehenen Gelder für Zwecke der landwirtschaftlichen Kolonisation der Jewish Agency zu sichern. Der Kongreß richtet an die Exekutive die Aufforderung, den Streit zwischen dem gewesenen Zentralkomitee der Russischen Zionistischen Organisation und der Zionistischen Weltorganisation durch Kolonisation der Kreditoren des gewesenen russischen Zentralkomitees auszutragen. Mereminski erstattet den Bericht der Subkommission für die Fonds bei der Organisations- Kommission und legt dem Kongreß eine Reihe von Beschlüssen vor. Nach einer Debatte beschließt der Kongreß die Vereinbarung zu bestätigen, nach welcher keine zionistische Körperschaft ohne vorherige Beratung mit Keren Hajessod und Keren Kajemeth und Genehmigung durch die Executive Sammlungen durchführen darf. In jedem Lande soll eine Kommission zur Überwachung der Sondersammlungen eingesetzt werden. Büchse, Goldenes Buch, Baumspenden und Verkauf von Marken und Telegrammen bleiben dem KKL. Vorbehalten. Der Kongreß begrüßt die Schaffung der Liga für den Keren Kajemeth Lejisrael in Amerika und appelliert an das amerikanische Judentum, sie zu unterstützen. Berichterstatter Kaplan legt dem Kongreß die Anträge der Kommission für Immigration und Arbeit vor. Der Kongreß stellt in einer besonderen Resolution das Recht des jüdischen Arbeiters auf Arbeit in der jüdischen Landwirtschaft fest. Alle Mitglieder der Zionistischen Organisation und alle von ihr mittelbar oder unmittelbar unterstützten Gesellschaften oder Institutionen werden aufgefordert. das Prinzip jüdischer Arbeit in den jüdischen Wirtschaften zu verwirklichen. Zu ihrer Sicherung müssen entsprechende Arbeitsbedingungen und die Wahrung der organisierten Kraft des Arbeiters gesichert werden. Während der Kongreß mit Befriedigung das Wachstum der jüdischen Arbeiterschaft in der Pflanzungszone feststellt, spricht er sein Bedauern darüber aus, daß die alten konsolidierten Kolonien eine ihren Arbeitsmöglichkeiten entsprechende Zahl iüdischer Arbeiter nicht aufgenommen haben. Die Gründung eines Arbeitsfonds aus den Mitteln des Jischuw zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wird begrüßt. Zur Ausbreitung der Hilfswirtschaften in der Nähe der Kolonien soll die Bodenerwerbung fortgesetzt werden. Zur Erleichterung der Lage der Arbeiter und Handwerker sollen durch billige Kredite der Zionistischen Executive Hilfswirtschaften errichtet werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.