Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 29 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9178628--11839-9083910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
416 Das Jüdische Echo Nr. 29 den. Für den zionistischen Aufbau braucht man beides, man braucht Tatsachen und Leistung, aber stets ist es Vorbedingung des weitern Forschritts, daß man auch den politischen Kampf führt, um die Sache so zu gestalten, wie man sie will. Von diesem Standpunkt aus müssen wir die Lage in und um Palästina betrachten. Es ist selbstverständlich, daß der Optimistischeste oder der Extremste von uns sich nicht vorstellt, daß eine politische Lage bei den komplizierten Bedingungen Palästinas einmal ideell gut werden kann. Das Problem einer politischen Lage ist nicht die Frage ob sid ganz gut ist oder nicht, es ist die Frage, ob sie erträglich sei oder unerträglich, nicht Kritik dieses oder jenes Details. Es handelt sich um die klare Antwort auf die Frage: kann man auf dieser Grundlage die Arbeit hoffnungsvoll weiterführen oder nicht. Die Beziehung des Kongresses zum Statement of Policy, das Lord Paßfield im Oktober 1930 unterbreitet hat, ist, glaube ich, einstimmig ablehnend. Aber es bestehen noch Zweifel über den Brief Mac Donalds. Bei einem Vergleich mit Paßfields Statement enthält der Mac Donald-Brief gewiß Punkte, die wir selbstverständlich unparteiisch akzeptieren werden: die Anerkennung, daß die Regierung den Prozeß der Schaffung des jüdischen Nationalheimes nicht als zu Ende kristallisiert, sondern erst im Werden betrachtet, die Anerkennung, daß bei der Berechnung der landlosen Arbeiter in einem gewissen Sinne man nicht alle Araber berücksichtigen wird, sondern nur diejenigen, die beweisen können, daß sie ihre Pacht im Zusamenhang mit einem jiid. Landkauf verloren haben, daß bei den öffentlichen Arbeiten die Zahl der jüdischen Arbeiter so festgesetzt wird, daß mehr oder weniger der Anteil der Juden an den Steuern des Landes „in Acht“ genommen wird. Es gibt dagegen andere Punkte, und ich fürchte, daß sie überwiegen. Der Mac Donald-Brief beginnt mit der Anerkennung der Gültigkeit des Paßfieldschen Statements. Das bedeutet, daß diejenigen Punkte und Angelegenheiten des Weißbuches, welche in diesem Briefe nicht behandelt werden, doch gültig bleiben, weil das Weißbuch gültig bleibt. Sollen wir heute den Mac Donald-Brief als eine Basis für eine Kooperation anerkennen, so bedeutet das klar und logisch, daß wir damit auch das Paßfieldsche Weißbuch anerkennen. Das Gefährlichste ist der Wirrwarr, der dadurch entsteht, daß parallel verschiedene Dokumente das Mandat und die Politik der Regierung interpretieren, Dokumente, die einander widersprechen, die aber alle gültig sind. In diesem Dokument steht auch, daß die bestehende Regulierung der jüdischen Immigration künftighin „entsprechend“ angewendet werden muß. Weiter heißt es im Mac Donald-Brief, daß das Prinzip der jüdischen Selbstarbeit bei jüdischen Organisationen zwar anerkannt wird, daß aber die allgemeine Arbeitslosigkeit im Lande von der Regierung in Betracht gezogen werden würde. Ein gut informierter englischer Beamter sagte: „In diesem Briefe wird gesagt, daß Sie frei sind, in Ihren Anstalten jüdische Arbeiter zu benützen, aber wenn die Regierung zu der Überzeugung kommt, daß die Arbeitslosigkeit unter den Arabern nicht gemindert werden kann, so hat sie das Recht, das Prinzip zu übersehen, daß bei den öffentlichen Arbeiten auch Juden angestellt werden sollen.“ Der Mac Donald-Brief gibt dem arabischen Volk das Vetorecht, bei jedem Schritt, der in der Ausführung des Mandates von der Regierung unternommen wird. Was den Passus mit der Parlamentsdrohung betrifft, so glaubt man, daß es Möglichkeiten gibt, in Palästina eine Gesetzgebende Versammlung zu schaffen, die unschädlich bleibt. Das ist eine Illusion. Man kann eine Immigration ökonomisch auch unmöglich machen auch ohne Gesetze, die sich mit Immigration befassen. In der Frage der Zielsetzung, führt Jabotinsky weiter aus, habe weder der Begriff der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte, noch jener des Nationalheims juridische Tradition. Das Wort „Staat“ sei klarer und der Kern des Begriffes „Judenstaat“ liege in zwei Momenten: erstens Mehrheit und zweitens Selbstregierung. Das Moment der Selbstregierung sei ein elastisches Moment. Unelastisch sei aber das Moment der jüdischen Mehrheit. Wenn dies eine Schwärmerei sei, dann eine sehr edle. Wenn es ihr Recht ist, daß man den Juden die Rückkehr nach Palästina zuerkannt hat, dann ist jede Maßnahme, die diese Gerechtigkeit unmöglich macht, ungerecht. Nach diesen Betrachtungen bleibe es dem Kongreß überlassen zu beschließen, wie die heutige politische Lage sei. Die Wahrheit hat eine reinigende Wirkung. Jeder von uns ist des Ausweichens müde. Ich schlage Ihnen eine Resolution vor, die lauten soll: „Das Ziel des Zionismus, welches unter den Ausdrücken Judenstaat“, nationales Heim oder „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte4 zu verstehen ist, ist die Schaffung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit auf beiden Seiten des Jordan.“ (Anhaltender Beifall bei den Revisionisten.) Ich glaube, so naiv wie diejenigen, die im Kasino zu Basel, als ich noch ein kleiner Junge war, an die Ehrlichkeit der W/elt, an die Macht der wahren Tatsachen, des Volkes und der Zivilisation, ich glaube, daß die großen Probleme durch den Machtfaktor des moralischen Druckes entschieden werden und daß das jüdische Volk ein gewaltiger Faktor des moralischen Druckes ist. Nehmen Sie das an oder nicht — es ist mein Glaubensbekenntnis. (Stürmischer Beifall.) Beginn der zweiten Tagung des Council der Jewish flgency Dr. Cyrus Adler eröffnet Basel, 15. Juli. (JTA.) Am Dienstag, dem 14. Juli, hall) 9 Uhr abends, Iral der neugewählte. Council der Jewish Agency im Hause der Mustermesse zu Busei, in dem gleichen Saale, in welchem der XVII. Zionislenkongreß getagt hat, zusammen. Es ist dies die zweite Tagung des Council seil dessen Begründung. Die erste Tagung halle in der zweiten AuguslhäJfle des Jahres 1929 in Zürich unter dem Vorsitz des verstorbenen Führers der amerikanischen Juden Louis Marshall slatlgefunden. Die zweite Tagung des Council wurde durch Dr. Cyrus Adler, Präsidenten des Jewish Theological ■ Seminary of America, eröffnet, der, mehrmals durch Beifall unterbochen, ein eingehendes Referat über die Geschichte und die bisherige Tätigkeit der Jewish Agency und über ihre Zukunftspläne hielt. Im Saale, der ungefähr das gleiche Bild zeigt wie 1 ei der Eröffnung des Zionistenkongresses, nur daß der Besuch ein. etwas schwächerer ist, herrscht eine feierliche Stimmung. Präsident Sokolow hat neben Dr. Cyrus Adler auf der Präsidiumsestrade Platz genommen. Auf der Estrade sowie im Saale sitzen Zionisten und Nichtzionislen, nicht voneinander geschieden, sondern durcheinander.