Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-07-10 · 28 (10.7.1931) · p. Seite 402

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
28 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9178621--11824-9083895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

402 Das Jüdische Echo Nr. 28 jüdische Mehrheit zu schaffen, den Wunsch sehen kann, Araber aus dem Lande zu treiben. W;ir fordern deshalb den Präsidenten der Zionistischen Organisation auf, dem Kongreß unverzüglich Erklärungen bezüglich dieses zitierten Interviews zu geben.“ Weizmann, stürmisch akklamiert. von den Revisionisten mit Pfuirufen empfangen, gab darauf folgende Antwort: Gewisse Erklärungen, die ich bezüglich der Forderung einer jüdischen Majorität in Palästina abgegeben habe, wurden in einer unglücklichen Formulierung wiedergegeben. Zunächst möchte ich feststellen daß ich weder gesagt, noch jemals gemeint habe, daß irgendeine Gruppe dieses Kongresses die Absicht hat, die Araber aus Palästina zu treiben, oder daß die Forderung einer jüdischen Majorität von irgendeiner Kongreßgruppe in dieser Hinsicht verstanden wird. Wir haben aber im Verlaufe von zehn Jahren die Erfahrung gemacht, daß die Forderung nach einer jüdischen Majorität von unseren Gegnern in der Außenwelt so mißdeutet würde, als wollten wir die Araber beherrschen oder sogar aus dem Lande vertreiben. Wir als Zionisten wissen, daß dies nicht gemeint ist, und wir haben es immer wieder versichert. Aber es ist eine Tatsache, daß diese falsche Interpretation in der Öffentlichkeit, bei den Politikern, in der Presse immer wieder uns entgegenritt. Wir haben als Ihre Repräsentanten jahrelang in dieser Welt zu arbeiten gehabt, und ich sage nicht meine Meinung, sondern stütze mich auf diese Erfahrung, wenn ich darauf hinweiser daß die Proklamierung der Forderung einer jüdischen Majorität von einem feindlichen Teile der politischen Welt in der von mir erwähnten Weise aufgenommen werden wird. Darum habe ich gesagt, daß ich kein Verständnis habe für die Formulierung der Mehrheitsforderung als politische Parole. Ich wiederhole aber noch einmal mit aller Entschiedenheit, was ich bei vielen früheren Gelegenheiten gesagt habe, daß die Forderung nach irgendeiner Begrenzung des Umfanges und des Wachstums der jüdischen Bevölkerung in Palästina absolut unakzeptabel wäre. Ich glaube vielmehr, daß es unsere Aufgabe ist, möglichst viel Juden in wirtschaftlich gesicherter Position nach Palästina zu bringen und eine große wirtschaftlich und kulturell starke, politisch gesicherte und autonome Judensiedlung, die alle Funktionen eines echten Nationalheims erfüllen kann, im Lande zu verankern. Unsere ganze Arbeit ist darauf gerichtet, diesen Kern eines jüdischen Nationalheims in unseren Tagen zu* schaffen und zu verankern, und ich glaube, daß dieses Nationalheim so stark und lebensfähig sein wird, wie wir es machen werden. Ich habe gesagt, daß numerische Mäjorität allein noch keine ausreichende Garantie für die Sicherheit unsres Nationalheims ist, weil nach meiner Überzeugung diese Sicherheit in erster Linie durch ausreichende politische Garantien und durch ein freundliches Verhältnis zu der uns in Palästina umgebenden nichtjüdischen Welt geschaffen wird. Die Beziehungen unseres ständig wachsenden Nationalheims zu den palästinensischen Arabern sollen nach dem Grundsatz voller Parität beider Völker ohne Rücksicht auf ihre numerische Stärke geregelt werden. Ich habe wiederholt erklärt, daß wir in Palästina nicht Beherrschte sein wollen, aber auch nicht über ein anderes Volk herrschen wollen. Unser Wunsch ist es, durch Ausschaltung des Momentes der Furcht und durch Vermeidung jeder Sache, die — wenn auch auf Grund von Mißdeutungen — zu einer solchen Furcht Anlaß geben könnte, jene Atmosphäre der Ruhe und des Vertrauens in Palästina zu schaffen, die nach meiner Meinung die beste Basis für unsere Aufbauarbeit und für das ständige Wachstum des jüdischen Nationalheims ist. Eine sofortige Besprechung dieser Antwort wurde vom Kongreß abgelehnt, ein Antrag der Linken, zur Tagesordnung überzugehen, wurde zurückgezogen, ein Antrag Großmann* des Wortlauts: „Der Kongreß beauftragt die Politische Kommission, unverzüglich unter Zurückstellung sonstiger anderer Einzelfragen eine Resolution über die zionistische Zielsetzung auszuarbeiten und so rasch als möglich dem Plenum des Kongresses zu unterbreiten,“ mit 115 gegen 10 Stimmen bei Stimmenhalung der Linken angenommen. In der Sitzung sprachen noch Harzfeld (Arb. Pal.) Barth (Mis. Deutschi.), Lousoumne (Rev. Tunis). (Der Bericht wird in der nächsten Nummer fortgesetzt.) Weizmanns große Rede Weizmann begann seine Rede mit einem Rückblick auf das letzte Dezennium der Bewegung, knüpfte hieran eine Betrachtung über die politische Lage in der Gegenwart und schloß mit einer Darlegung der Arbeitslage und einer Bekundung des Glaubens an die zionistische Sache. Er führte aus: Meine Damen und Herren! Der XVII. Zionistenkongreß tritt in einer Zeit großer innerer und äußerer Schwierigkeiten zusammen. Im Verlauf der letzten zwei Jabre haben wir manche Enttäuschung erlebt. Die Lage der Judenheit hat sich in der ganzen Welt verschlechtert, stärker als andere wurden wir von der Weltwirtschaftskrise betroffen. Das Tempo unseres Wiederaufbauwerks in Palästina wurde in einer uns gefährlichen Weise verlangsamt. Der Kongreß wird vor dem ernsten Problem stehen, zu entscheiden, welche Mittel und Wege er ergreifen soll, um den Aufbau des Jüdischen Nationalheims zu schützen und ihn auf breitere und sichere Grundlagen zu stellen. Die drei Motive für das Mandat Bevor ich mich in diesem meinem letzten Bericht mit unserer gegenwärtigen Lage befasse, will ich einen Rückblick auf die Geschichte unserer Bewegung werfen, obwohl es mir nicht leicht ist, die Rolle des Historikers zu übernehmen. Welches waren die Motive, die britische Staatsmänner nach Beratung mit Staatsmännern der alliierten und assoziierten Mächte bewogen haben, in den Jahren 19*16/17 die Balfour-Deklaration zu formulieren und später das auf dieser Deklaration basierende Palästina- Mandat zu übernehmen. Das britische Interesse für Palästina und den Zionismus ist kein Kriegsprodukt. Ich brauche Sie nicht an die von britischen Konsuln seit jeher Juden in Palästina gewährte Hilfe oder an das Angebot Joseph Chamberlains im Jahre 1903 zu erinnern. Dieselben Motive, die die englischen Sympathie-Kundgebungen für die Juden in früherer Zeit inspiriert haben, liegen auch der Balfour-Deklaration zugrunde: Erstens ein „gefühlsmäßiges“ Motiv, das seine Wurzeln in einem eingehenden Studium der Bibel hat. Zweitens: Das Unheil des Weltkrieges batte das Gewissen der Welt wachgerüttelt. Präsident Wilson und andere führende Staatsmänner waren von dem Gedanken einer Tikun Haolam, der Gestaltung einer besseren Welt, beherrscht. Sie lenkten ihr Augenmerk auf die unterdrückten, kleinen Nationen und ethnischen Gruppen, unter ihnen auf die Juden, die in verzweifelt abnormalen Verhältnissen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.