Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 27 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Das Jüdische Echo 389 bungen auch Zeichen einer spezifischen antienglischen Tendenz zu entdecken. Nichts ist oberflächlicher und verkehrter, als ein solcher Trugschluß. Haben nicht hervorragende englische Staatsmänner, einflußreiche Parlamentarier ohne Unterschied der Parteien, gewesene Minister und ausgezeichnete Rechtsgelehrte zusammen mit uns aufs energischste gegen das uns zugefügte Unrecht protestiert? Wer würde sich unterstehen, deswegen an der Staatstreue und dem Patriotismus dieser Männer zu zweifeln? Und sind nicht junge englische Studenten in den schweren Stunden der Exzesse in Jerusalem unter Lebensgefahr in die Bresche gesprungen, um uns Hilfe zu leisten? Ja, wir sind ein dankbares Volk, aber wir sind keine Sohutzjuden, die gezwungen wären, ihre wirklichen Gefühle zu unterdrücken und in ohnmächtiger Unterwerfung eine falsche Loyalität zu heucheln. Das erwartet das große Volk der Briten von uns nicht! Wir sind seinerzeit vor die Friedenskonferenz getreten und haben das jüdische Nationalheim und das Mandat für Großbritannien im Namen unseres Volkes respektvoll und ehrerbietig verlangt. Daran halten wir unerschütterlich fest. Aber wo und wann immer uns Unrecht widerfährt, beschweren wir uns, bemühen wir uns mit allen Mitteln der Argumentation, zu belehren, aufzuklären,, Vorurteile zu zerstreuen, falsche Ansichten zu widerlegen. Nun zur Arbeit von außen. „Am Anfang war das Wort.“ Sowohl die Mandatsregierung, wie der Völkerbund haben, von Gerechtigkeitsgefühl beseelt, die gegen uns gerichteten Exzesse aufs schärfste verurteilt. Außerdem wurde das Festhalten am Mandat sowohl bei dieser feierlichen Gelegenheit, als auch bei anderen Gelegenheiten mehrfach proklamiert und beteuert. Wir atmeten erleichtert auf. Dann kam die Tat. Kommissionen, Untersuchungskommissionen. Selbstverständlich liegt uns der Gedanke fern, die absolute Ehrenhaftigkeit der Herren Kommissare oder ihre Kompetenz für Spezialfragen anzuzweifeln. Unsere Experten haben die Ansichten der Kommissionsexperten widerlegt. Anfang und Ende der Expertenweisheit ist mechanische Routine, Berechnung, Messung, Zerlegung des großen Problems in Detailfragen u. dgl. Bei dieser Zersplitterung gehen die gefühlsmäßigen, seelischen Energien und Imponderabilien verloren, die nicht nur unzureichende sachliche Gründe ergänzen, sondern auch zureichende mit dem Antriebe zur praktischen Realisierung ausstatten. Auch die tüchtigsten Experten sind manchen Irrtümern ausgesetzt, wie alle Sterblichen. Niemand hat die mechanische Erfahrung einer Renaissance-Bewegung. Der Idealismus ist eine Tugend der Unerfahrenheit. Das Genie eines Volkes wie das eines einzelnen Menschen ist immer unerfahren. Und dann die Tragik der Pogromkommissionen! Auf jeden Pogrom pflegte eine Kommission zu folgen. Und da wurde so lange debattiert und diskutiert, bis die Ankläger die Angeklagten geworden und eine ganz neue Frage entstanden ist, wie z.,B. ob man überhaupt den Juden gestatten solle,, auf dem Lande zu wohnen usw. So hat man die Spieße umgedreht und die Rollen verwechselt. Ein Jude in Kischinew sagte mir einmal: Gott schütze mich vor Kommissionen, vor Pogromen werde ich mich schon selbst schützen. Dann kam das Weißbuch, dann die Einstellung der Chaluzim-Einwanderung, dann die neue Enquete, neue Berichterstattung, Verhandlung mit der englischen Regierung, ein neues wichtiges Dokument — ein Lichtstrahl: der letzte Ruf des englischen Premierministers an Dr. Weizmann, Verhandlungen über ein Entwicklungsprojekt. Im. Zusammenhang mit diesem Projekt führen wir einen ehrlichen Kampf für unsere legitimen Interessen und stehen noch vor großen, bedeutungsvollen Arbeitsaufgaben. In dieser Beziehung blicken wir offenen Auges, aber auch zuversichtlich in die Zukunft. Hoher Kongreß! Über alle diese Fragen werden Sie genaue und ausführliche Exposes anhören. Wir stehen auf der Höhe einer historischen Aufgabe, die uns zuteil geworden ist. Wir kämpfen für das, was wir schon auf dem Wege internationaler Verhandlungen erreicht und was wir aufzubauen entschlossen sind: die „Heimstätte für das jüdische Volk“, wie es in unserem Basler Programm, oder „Jüdisches Nationalheim“, wie es im Mandat genannt wird. Die Heimstätte soll so groß werden, wie sie durch ehrliche Arbeit gemacht werden kann. Der humane friedliche Charakter wird durch den Beinamen „Heimstätte“ hervorgehoben, aber sie bezweckt nicht die Anpassung an ein bestehendes Milieu, um das Anderssein auf ein Minimum zu reduzieren, wie in der Diaspora. Welche Bedeutung hätte sonst die historische Verkniipftheit des jüdischen Volkes mit Palästina, die als Basis im Mandat erwähnt wird? Das ist doch kein Toleriertwerden, das schon früher unter dem Regime der Sultane bestanden hat. Gerade das Anderssein ist hier Zweck und Sinn. Das ist Anerkennung eines heiligen Rechtes, nicht einer Prärogative. Daran darf nicht gedreht und gedeutelt werden. Das Nationalheim ist kein Vorrecht für palästinensische Juden, es ist das anerkannte Recht des jüdischen Volkes auf einen historischen Kristallisationspunkt mit großen Pflichten. Selbstverständlich auch mit einer großen Verantwortlichkeit — „ohne Präjudiz gegen die nichtjüdischen Gemeinschaften“, wie es im Mandat heißt. Der Wohlstand und der kulturelle Fortschritt der arabischen Bevölkerung wachsen in dem Maße, wie der Kreis unserer Kolonisation sich ausdehnt.. Die ganze Bevölkerung profitiert automatisch von unserer Arbeit. Wir haben niemandem auch nur einen Zoll Boden wggenommen. Wir haben gekauft und horrende Preise gezahlt. Sind Menschen da, die hilfsbedürftig sind, sind wir die Ersten, ihnen beizustehen. Nicht los vom Orient ist unsere Devise, sondern wir wollen mit dem ganzen Orient vorwärtsschreiten. Die Einheit unseres Volkes soll zur Einheit von Völkern führen. Das engere Vaterland soll führen zum Vaterland ohne Grenzen: zur Menschheit. Das ist der höhere Zweck des jüdischen Nationalheims. Zu diesem Ziele kann nur Arbeit und Kulturtätigkeit führen. Erez Israel steht im Zeichen der Arbeit trotz der furchtbaren Weltwirtschaftskrise und der Not unserer Fonds. Allerorts springen die Knospen, überall keimt es und schießt in die Halme, alle Richtungen suchen Bahnen zu neuen Zielen. Die Elektrifizierung wird fortgesetzt, die Arbeit am Toten Meer beginnt, unsere Kolonisation wird konsolidiert. Die Kolonisierung von 1000 Familien ist in Angriff genommen. Das Erziehungswesen kämpft materiell, aber es hält sich und wird immer intensiver. Im Zentrum nationalen Schaffens steht der jüdische Arbeiter-Chaluz. Der Geist der Denker vereint mit der Kraft des arbeitenden Erez Israel baut unsere Heimstätte. Die Keren-Hajessod-Arbeit leidet unter der Weltkrise. Aber wir müssen unsere Anstrengungen verhundertfachen. Wir brauchen Eisbrecher. Innen harren unser außerordentliche