Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 27 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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388 Das Jüdische Echo Nr. 27 Direktor des internationalen Arbeitsamtes beim Völkerbund, Albert Thomas, wird am 5. Juli, nach Abschluß der Generaldebatte, eine Ansprache an den Kongreß halten. Die englische Regierung entsendet zum Zionistenkongreß als offiziellen Beobachter einen der höchsten Beamten des Außenministeriums. Der Name des britischen Beobachters ist noch nicht bekannt. Es verlautet jedoch, daß er bereits von London abgereist ist, um rechtzeitig zum politischen Referat Dr. Weizmanns einzutreffen., Die Rede Sokolows Basel, 1. Juli. (JTA.) Der Präsident der Zionistischen Exekutive,Nahum Sokolow, führte in seiner großen Rede in der Eröffnungssitzung des XVII. Zionistenkongresses u. a. aus: Hochverehrter Kongreß! Ich habe die Ehre, Ihnen unseren hebräischen Willkommgruß „Schalom“ zu entbieten. Fast zwei Jahre sind verstrichen, seitdem wir in Zürich den XVI. Zionistenkongreß abgehalten haben. Sie wissen alle, welche zwei Jahre hinter uns liegen. In den 34 Jahren des Bestehens unserer zionistischen Organisation war noch keine einzige Kongreßperiode so dramatisch bewegt und so schicksalschwer wie die letzte. Der gegenwärtige Kongreß ist in der Geschichte unserer Kongresse ein ganz besonderer Markstein. Er ist ein Kongreß der Realität. Schärfer denn je müssen wir der Wirklichkeit ins Gesicht schauen. Nur so können wir erfahren, wo wir stehen und wie wir vorwärtskommen können. Wir haben im Laufe der letzten zwei Jahre große Krisen überstanden. Diese Krisen haben zeitweise unseren Horizont dunkel umwölkt. Aber nur die Wilden glauben die Sonne gefährdet, wenn eine Sonnenfinsternis eingetreten ist. Kulturmenschen hingegen wissen, daß sie vorübergehend ist. Die Sonne der Gerechtigkeit und des Ideals kann vorübergehend verdunkelt, nie aber aus ihrem Triumphzug abgelenkt werden. Der Eintritt einer solchen Finsternis begann mit dem plötzlichen Überfall einer fanatisierten Pöbelmasse auf unseren Jischuw in den Augusttagen 1929. Die Tatsache, daß gewisse arabische Kreise gegen die Balfour-Deklaration auftreten, war nie ein Geheimnis. Wohl steht nach unserer tiefen Überzeugung eine solche Taktik im Gegenatz zu internationalen Verpflichtungen und zu den wohlverstandenen Interessen der Araber selbst: darüber wollen wir hier nicht streiten. Aber wenn es schon eine politische Auseinandersetzung geben muß, so muß sie auf jeden Fall auf dem Boden der Gesetzlichkeit geführt werden. Durch physische Vergewaltigung löst man keine politischen oder ökonomischen Probleme. In Ruhe muß man einander nähertreten. Das hat auch der vorige Zionistenkongreß mit unzweideutiger Klarheit zum Ausdruck gebracht. Hoher Kongreß! Unsere Organisation hat mehrfach absolute Unantastbarkeit der heiligen Stätten und religiösen Denkmäler des Christentums und des Islams als einen unserer kardinalsten Grundsätze erklärt. Unser unsterblicher Führer Theodor H-erzl hat mehrfach erklärt, daß der Wiederaufbau der Heimstätte sich räumlich außerhalb der geheiligten Sphäre vollziehen werde. Aber die Hetzer kümmern sich sehr wenig um Wahrheit und Wirklichkeit. Wohl gehörten zu diesem Pöbel nicht die achtbaren friedliebenden Schichten der arabischen Bevölkerung. Letztere haben zusammen mit uns die verbrecherischen Exzesse verdammt. Nur Elemente primitiven Barbarentums und wilder Anarchie sind dem Rufe gefolgt. Die Überrumpelung und der offensichtliche Plan einer brutalen Zerstörung kosteten viele teuere Menschenleben und viel kostbares Blut. Sie scheiterten hauptsächlich an der heldenmütigen Selbstwehr unserer Arbeiterschaft und unserer Jugend. Die ruhige, sichere, würdige Haltung des ganzen Jischuw zeugte von einer großen moralischen Kraft. Wir wollen nicht die Wunden aufreißen, sondern sie durch Zeit* Besonnenheit und Seelenstärke vernarben lassen. Friedliche Entwicklung ist unser größtes Ideal. Wias ist seit jenen Ereignissen als unmittelbare Folge geschehen? Ein Gemisch von Gutem und Bösem, von Versöhnung und Streit, Einigkeit und Trennung, Harmonie und Ausschließung. Zunächst die Schaffung eines Hilfsfonds; sie war richtig verstanden, der spontane Ausdruck jenes absolut subjektiven, fast mystischen Verhältnisses eines jeden Juden zu Erez Israel. Jeder Jude fühlte, daß er vor seiner eigenen Schicksalsfrage steht. Ist doch das jüdische Nationalheim das Werk, d i e Großtat jüdischer Solidarität Soll der jüdische Staat nicht verdorren und verkümmern, so müssen seine Wurzeln sicher gebettet sein, in der alten Heimatserde, aus der die Brunnen seiner idealen Kraft durch die Jahrtausende der Traditionen rauschen. Das jüdische Nationalheim, in dem jeder Baustein mit Schweiß und Tränen und Blut unseres Volkes festgekittet ist, angreifen — es nicht, uns ins Herz treffen zu wollen? Hierauf war der Hilfsfonds des jüdischen Volkes eine würdige Antwort. Gleichzeitig mit diesem aktiven Hilfswerk setzte die Protestbewegung ein. Das war keine künstlich geschaffene Bewegung. Das Herz des jüdischen Volkes war aufs tiefste erschüttert. Die Protestbewegung war selbstverständlich nicht gegen das arabische Volk gerichtet. Die allgemeine Ansicht kam zum Ausdruck, daß trotz augenblicklicher Vorurteile, Engherzigkeiten und Unduldsamkeit das arabische Volk unser natürlicher Bundesgenosse sei. Wir behaupteten, daß eigentlich Arabismus und Antisemitismus eine contradictio ln adjecto seien. Wir vertraten die Meinung, daß wir in wirtschaftliclher Beziehung den Fortschritt und den Wohlstand der Araber nicht weniger benötigen als unseren eigenen. In kultureller Hinsicht wiesen wir darauf hin, daß wir in ferner aber klarer Perspektive die großen Linien einer semitischen Synthese sehen, der eine bedeutende Mission in der Zivilisation der Menschheit beschieden ist. Der Protest des jüdischen Volkes entwickelte sich zu einem Weltprotest. Die ganze zivilisierte Welt hatte sich aufgebäumt. Flammende Entrüstung entlud sich in zahllosen Versammlungen in den größten Residenzen Europas und Amerikas, wo nichtjüdische Staatsmänner, Volkstribune und Parteiführer das Wort ergriffen. Seit 2000 Jahren leidet dieses Volk und hofft auf die Rückkehr nach dem Lande seiner Ahnen. Endlich einmal ist das erlösende Wort „Jüdisches Nationalheim“ offiziell proklamiert, bestätigt, ratifiziert worden! Mußte nicht dieses Volk endgültig an der Menschheit verzweifeln, wenn es, nachdem es jetzt wieder auf dem historischen Boden baut und arbeitet, aufs neue zum Gegenstand hetzerischer Anfeindungen gemacht wird, weil es baut und arbeitet und weil es an dem feierlichen Bündnis festhält und es zu verwirklichen sucht? Mißverstand und eine seichte, politisch ungebildete Denkart versuchten in den Protestkundge-