Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 26 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 379 die sozialdemokratische Fraktion dem Gesetzentwurf nicht zustimmen und werde sicli der Stimme enthalten. Auch der Abgeordnete Schräder gab die Erklärung ab, einen Gewissenszwang nicht mitmachen zu können und sich deshalb der Stimme zu enthalten. Trotz dieser Erklärungen zog niemand die gegebene Konsequenz, Vertagung bis zur Ermöglichung weiterer Feststellungen zu beantragen. Enter diesen abnormen Verhandlungszusländen hat es schließlich zum Ergebnis, daß der Gesetzentwurf mit den Stimmen der Nationalsozialisten und eines Teiles der bürgerlichen Einheitsfraklion unter Stimmenthaltung der Sozialdemokraten und des Abgeordneten der Volksnationalen Reichsvereinigung zur Annahme gelangte. Zum ersten Male ist nunmehr auch die Betäubung von Federvieh in einem deutschen Staate vorgeschrieben. Das Gesetz soll am 1. Juli in Kraft treten. Die Vorgänge in Braunschweig zeigen von neuem, welchen Zufälligkeiten des Parlamentarismus Verhandlungen und Abstimmungen ausgesetzt sind, wenn — wie im vorliegenden Falle — angesichts eines rohen Terrors die Energie zum entschlossenen Eintreten für die als erforderlich festgestellten Abänderungen eines Gesetzentwurfes erlahmt. Daß hiervon auch die Würdigung wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Achtung vor Gewissenskonflikten betroffen werden, ist nicht nur für das Judentum schmerzvoll und betrübend. Bemerkungen Der Hundertachte Wie die „Vossische Zeitung“ meldet, ist der Reichslagsabgeordnete Pfarrer Teutsch, der bisher zur christlich-sozialen Fraktion gehörte, zur Nationalsozialistischen Partei übergetreten, deren Fraktion nunmehr über 108 Mandate im Reichstag verfügt. Prinzipiell ist es sicher nicht von Belang, ob die Fraktion der Ausgezogenen ein Mandat mehr oder eines weniger innehat; an diesem Übertritt sind jedoch zwei Tatsachen interessant und symptomatisch. Herr Teutsch war Spitzenkandidat der Chrisllichsozialen im Wahlkreis Baden und Herr Teutsch ist Pfarrer. Baden war früher einmal ein vorwiegend liberal und freiheitlich gesinntes Land, es gab dort auch zu einer Zeit, wo das übrige Deutschland antisemitisch gesinnt war, keine ausgeprägt judenfeindliche Bewegung. Nun: schließlich wäre es ein Wunder, wenn sich in Deutschland eine Insel hätte erhalten können, die von den Stürmen des Judenhasses nicht erreicht worden wäre. Aber daß dieser hundertachte Nationalsozialist ein evangelischer Pfarrer ist, verdient wohl doch etwas mehr Beachtung, wie überhaupt die Stellungnahme der protestantischen Kirche und ihrer Führer. So hat vor kurzer Zeit der Landesbischof von Mecklenburg-Schwerin, 1). Dr. Rendlorff eine Erklärung über das Verhältnis der evangelischen Kirche zum Nationalsozialismus abgegeben, die ein unmißverständliches, ganz unzweideutiges Bekenntnis zum Nationalsozialismus darstellt. (End eben deshalb wurde sie vom Evangelischen Bund als geradezu vorbildlich bezeichnet.) Dieses bemerkenswerte Dokument lautet u. a.: „Viele. Glieder der evangelischen Kirche leben heute mit ihrem ganzen Denken und Fühlen in der nationalsozialistischen Bewegung. Die evangelische Kirche ist also durch ihren Beruf, den einzelnen zu suchen und ihm zu dienen, verpflichtet, sie in ihrem Lehenskreis zu suchen, das heißt eben in der nationalsozialistischen Bewegung. So ist die evangelische Kirche verpflichtet, um ihres Berufes willen die nationalsozialistische Bewegung in ihrem Wollen zu würdigen. Während andere politische Bewegungen sich offen gegen das Christentum oder ihm gleichgültig gegenüberstellen, bekundet sie ihren Willen, sich auf den Boden eines positiven Christentums zu stellen. Die Kirche ist durch ihren Beruf verpflichtet, diese Willenserklärung der nationalsozialistischen Bewegung ernst zu nehmen. . . . Die nationalsozialistische Bewegung bejaht mit Leidenschaft den sozialen Gedanken, den. Brudergedanken. Damit vertritt sie ein Anliegen, das auch ein solches der evangelischen Kirche ist. Es ist für die nationalsozialistische Bewegung eine Lebensfrage, ob sie ihre soziale Forderung bis zu der Tiefe durchführt, wo sie zum Angriff auf die innerste Haltung des Menschen wird. Die evangelische Kirche muß um ihres Berufs willen aus der nationalsozialistischen Bewegung das große Wollen heraushören und dankbar begrüßen, muß aber zugleich über dieses Wollen als ein menschliches, d. h. unvollkommenes und gebrochenes, den heiligen Willen Gottes verkündigen.“ Zwar haben nationalsozialistische Ideologen, besonders Alfred Rosenberg, geradezu gegen das Christentum agitiert, was auch der Herr Bischof wissen könnte, aber das ihm vorzuhallen, kann nicht unsere Aufgabe sein. Es würde auch nichts nützen. Wer gefühlsmäßig mit den Nationalsozialisten übereinstimmt, findet auch seine Gründe dafür und der Herr Bischof ist nicht der erste und nicht der einzige, der im Namen der evangelischen Kirche für den Nationalsozialismus eintritt. Der hundertachte Nationalsozialist kann nun die Gleichsetzung beider auch im Reichstag verkünden. Der Jude darf nicht spielen Es gibt viele Juden, die sportlich manches leisten, und manche Juden leisten sogar sehr viel. Einer hat es sich einfallen lassen, der beste Tennisspieler Deutschlands zu werden, der Berliner Jude Daniel Prenn. Das scheint eine große Vermessenheit gewesen zu sein. Denn der Deutsche Tennisbund hat Prenn das Auftreten in deutschen und internationalen Turnieren schon vor einigen Monaten untersagt. Natürlich nicht, weil Prenn Jude ist, sondern nur, weil er, wie behauptet wird, gegen den Amateurparagraphenverstoßen hat. Eine süddeutsche Sportartikelfirma prozessierte gegen ihn, er mußte wegen Beleidigung formal bestraft werden. Ein Disziplinargericht des Tennishundes aber hatte ihn, wie das B. T. in einem längeren Artikel über diese Angelegenheit ausführl, im Punkte Amateurfrage glatt freigesprochen und ihm einen Verweis erteilt. Im Laufe der Bernfungsmonale hatte aber ein wahres Kesseltreiben eingesetzt, das von einigen Provinzen und einem Teil des Bundesvorstandes ausging. Man wollte Prenn, den Halb-Ausländer, den erfolgreichen „Rassefremden“, sportlich unschädlich machen. End das Englaubliche geschah. Ohne den Entscheid der letzten Instanz abzuwarten, wurde Prenn durch einen Ekas des Bundespräsidenten Dr. Weber (Hamburg) plötzlich vom internationalen Tennis ausgeschlossen. Seit Monaten schon darf also Prenn nicht mehr spielen. Dafür hat er nun ausreichend Zeit, sich über jüdische Probleme den Kopf zu zerbrechen und er entdeckt vielleicht, daß sich auch im Sport die Judenfrage, ob mit oder gegen jüdischen Willen, nicht ausschallen läßt. Es gibt in dieser Sache keine Neutralität mehr und Juden tun gut daran, das nicht zu vergessen. Anmerkung: Es gibt immer noch Juden, die leidenschaftlich gegen jüdische Turn- und Sportvereine sind.