Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 22 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Das Jüdische Echo Nr. 22 der Macht“. Er unterscheidet u. a. Macht, Mächtigkeit und Gewalt. Er lehnt die Machtliebe der Nationalsozialisten ab, aber ebenso — wenigstens bedingt — die angebliche Machtieindschaft des Sozialismus. Er schließt: „Innere Mächtigkeit kann eine Gruppe nur in dem Maße erringen, als sie sich selbst unter die Norm stellt, die als Jenseits der Macht jeder Macht Bestand und Weihe gibt.“ Hunzinger und Dirks umreißen das Verhältnis des Nationalsozialismus zur protestantischen und zur katholischen Kirche. Schließlich folgen noch zwei weniger grundsätzliche Artikel von Usener und Muhle. Also eine reiche Auswahl. Viel Stoff zur Diskussion! Ich halte im übrigen die hier mitgeteilten Stellen und die ihnen zu Grunde liegenden Gedanken außer dem Aufsatz Mierendorffs im wesentlichen für irrig. Sie gehen, ungeachtet gewisser Widersprüche, zwischen den Einzelnen, fast alle von einer einheitlichen, im deutschen Sozialismus der Gegenwart offenbar vordringenden Grundstimmung aus; von dem wiedererstandenen utopischen Sozialismus. Dieser glaubt, mehr oder weniger religiös betont, statt der Interessen einer Klasse das Glück der Menschheit zu verwirklichen. Zu seinen schwächeren Vertretern ist es zu Bruderbünden mit der feindlichen Bewegung bereit, oder wenigstens zu ideologischen Kompromissen. Auf alle Fälle erwartet er die Verschmelzung von Angestelltenschaft und Arbeiterschaft. Und eben dies ist heute doch so fern. Wie breit die von den „Neuen Blättern“ vertretene Schicht eigentlich ist, läßt sich schwerlich schätzen. Zu wünschen wäre, daß diese Schicht verschwinde. Denn in der Vertei-’ digungsstelle, die wir Gegner des Nationalsozialismus beziehen mußten, können wir utopischen Geist nicht brauchen. F.P. Vom hebräischen Schulwesen Die Jesaia-Loge hatte Herrn Dr. Biram, den Direktor des hebräischen Gymnasiums in Haifa zu einem Vortrag über „Die pädagogischen Probleme unserer Zeit und das Schulwesen in Palästina“ eingeladen. Herr Dr. Biram faßte dieses Thema so, daß er vor allem über die Probleme des palästinensischen Schulwesens sprach und einzelne Probleme der abendländischen Pädagogik zum Vergleich heranzog. Von den 32 000 jüdischen Schülern Palästinas 40 Prozent der Gesamtschülerzahl des Landes, während die Juden nur 18 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden — besuchen 22 000 hebräische Schulen. Dieses hebräische Schulwesen hat in kürzester Zeit einen ungeheuren Aufschwung genommen. Vor 70 Jahren wurde die erste jüdische weltliche Schule in Palästina eröffnet, in den Jahren 1880—90,entstanden die ersten hebräischen Schulen. Als 1904 der Lehrerverband gegründet wurde, war es noch zweifelhaft, ob man alle Fächer in hebräischer Sprache unterrichten könne, bis dann 1906 mit der Gründung der ersten Mittelschule diese Frage entschieden wurde und seitdem die Entwicklung in ständigem Aufstieg begriffen war. Wie jedes Erziehungssystem nur aus den tragenden Volksverhältnissen zu verstehen ist, so hat auch das palästinensische Schulwesen zwei Voraussetzungen: die alte jüdisch-geistige Tradition und die neue palästinensische Heimat. Es ist dort nie ein staatlicher Schulzwang notwendig gewesen: denn der Schulgedanke, die Idee der Thorah und des Lernens um seiner selbst willen ist altes jüdisches Gut. Da es im Judentum nie eine Standesschule gegeben hat, hat in Palästina auch nicht etwa im Strome der neueren abendländischen Entwicklung erst die allgemeine, demokratische Schule geschaffen werden müssen. Nur einen großen, allerdings entscheidenden Bruch mit der jüdischen Tradition hat die palästinensische Schule — soweit, wie hier, nicht von den Misrachi-Schulen die Rede ist — vollzogen: Sie ist verweltlicht, hat den religiösen Inhalt abgeworfen. Es ist ein rein nationaler, oft sogar antireligiöser Maßstab, der an die neue Schule angelegt wird. Aber als Mittel dieser Verweltlichung hat schon seit den Zeiten Mendelssohns und der Haskalah dieselbe Sprache gedient, in der die jüdische Religion niedergelegt war: das Hebräische hat die Juden über das traditionelle Judentum hinaus mit den europäischen Kulturgütern bekanntgemacht. Doch heute in Palästina läßt sich wieder eine rückläufige Entwicklung feststellen: das Hebräische ist wieder zum Inhalt, ja zum Hauptinhalt der Bildung geworden und macht die Juden in gewissem Sinne wieder jüdischer, indem es sie zu der Bibel und der nachbildenden Literatur zurückführt. In Palästina vollzieht sich die Rückkehr der Juden zur Arbeit, zur Produktivität. Der Stand, der dem Lande sein Gepräge gibt, ist der der Poalim. Der Gedanke der Chaluziuth, des Pioniertums, hat seine Wirkung auch auf die heranwachsende Jugend in den Schulen, die anspruchsloser, opferfreudiger, weniger egoistisch ist als ihre Altersgenossen in Europa. Der Tendenz der Schüler, in sich den Geist der großen Chaluzalijah zu erneuern und sich zum Dienst am Aufbau vorzubereiten, kann die heutige Schule noch nicht genügen. An einigen Stellen erzieht man zwar bewußt in diesem Geist für das Land und die Arbeit, in den Kwuzoth gibt es ganz im Sinne der russischen produktiven Erziehung Kinderhäuser, die von den Kindern selbst gebaut und verwaltet werden und die Handarbeit in Haus und Garten ist ein wichtiger Teil des Lehrplans. Aber diese Anfänge, zu denen in Palästina die Bedingungen des Lebens unabhängig von pädagogischen Theorien in Europa geführt haben, müssen noch konsequent weitergeführt und ausgedehnt werden. Wie die Industrialisierung der Welt uns nach dem Kriege die Berufsschule und den Gedanken der Arbeitsschule gebracht hat, so hat auch ln Palästina die Schule seit der Balfourdeklaration und dem allgemeinen Aufschwung neue Aufgaben bekommen. Es steht fest, daß das Land selbst die existierenden zehn höheren Schulen nicht braucht. Wenn nun auch die Juden auf eine solche höhere Bildung nicht verzichten wollen, so muß doch die weitere Entwicklung auf die Erziehung zur produktiven Arbeit gerichtet werden. In diesem chaluzischen Geiste muß das Technikum und das Agricultural College auch den Notwendigkeiten des Landes angepaßt werden. So ersteht die neue Schule in Palästina aus dem Vorhandensein neuer Menschen. Die Kinder des Landes sind ganz voraussetzungslos. Sie haben nicht in sich die europäische Tradition der Antike, des Christentums, des Mittelalters usw. Der Inhalt der neuen Schule muß aus dem neuen Geist der Menschen, dem Geist der Arbeit und des Aufbaues geboren werden. Aus Europa, woher sie kommen, können und müssen die Juden den Geist der Ordnung und der Disziplin nach Palästina, diesem Stück Orient, bringen und dort verwirklichen. Wenn sich so in der Erziehung jüdische Tradition, europäische Zucht und palästinensische Arbeit verbinden, dann stellt diese Schule einen entscheidenden neuen Faktor in der jüdischen Geistesgeschichte dar. E.