Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 22 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- Seite 325 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9176176--11741-9083812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 22 Das Jüdische Echo 325 volutionären Gesten (S. 6). Er sucht dann nach den Entstehungs- und Wachstumsgründen des Natiomalfaszismus. Er findet sie nicht etwa in der persönlichen Wirkungskraft der „Führer“; von diesen erwähnt er überhaupt nur Mussolini und Pilsudski, und auch sie nur als Getriebene, nicht als Treiber (S. 12). Er entwickelt vielmehr zunächst folgendes (S. 6—17). Im Anschluß an Kracauer u. a., nach einer heute kaum mehr zu bezweifelnden Lehre, sind die Ursachen (auch) der bürgerlich-reaktionären Bewegung als wirtschaftlich-sozial zu erkennen. Nationalsozialistische Wähler sind (neben unwesentlicheren Gruppen: Teilen der Anhängerschaft des ancien regime, der uniformliebenden Weiblichkeit usw.) vor allem die Angehörigen des mit Proletarisierung bedrohten oder schon proletarisierten „Mittelstandes“, und sie mit einer Art wirtschaftlich-psychologischer Notwendigkeit. Denn diese Schicht, zusammengesetzt aus den noch „selbständigen“, aber verarmten kleinen Geschäftsleuten und Landwirten einerseits und den von Handzu Kopfarbeit „vor“-gerückten, aber abhängig gebliebenen Werkmeistern, Angestellten und kleinen Beamten anderseits, verharrt zwar in ihrem Sein in hilfloser Abhängigkeit vom Kapitalisten; die gleiche Schicht aber hegt (vielleicht weil bürgerliches, individualistisches Leben das Wunschziel jedes vorwiegend geistigen Durchschnittsarbeiters ist?) noch oder schon ein bürgerliches Bewußtsein: ein falsches bürgerliches Bewußtsein freilich iin Anbetracht ihres wahren proletarischen Seins. Sie klammert sich an alte bürgerliche Ideologien, scheut den geistigen Schritt in die Arbeiterbewegung, der ihr als Abstieg erschiene, flieht in den Nationalismus und findet hier, im Nebel des Heroismus, des Ressentiment und der Utopie die Erlösung vor der quälend klaren Wahrheit. Noch ein zweiter Umstand wirkt nach de Man politisch intelligenzhemmend (S. 44—48): die durch die Rationalisierung der Betriebe bedingte Entrationabsierung, Entgeistigung der individuellen Arbeit. Während de Man den vorher genannten, wohl wichtigeren Tatsachen ebenso macht- und ratlos gegenübersteht, wie alle Welt, predigt er hier den Unternehmern Ethik. Und zwar sollen sie, um die geisttötende Arbeitswirkung ausschalten zu helfen, nicht etw.a die Betriebsrationalisierung abbauen, sondern sie zu einer „Planwirtschaft“ steigern. Was de Man da meint, ist mir schleierhaft. Letztlich führt der Verfasser aus: der (durch die angeführten irrationalen Momente an die Stelle klaren sozialpolitischen Eigenstrebens geschobene) Nationalismus übt selbst weiterhin zerstörende Wirkung auf die Urteilskraft; er ist als Kollektivaffekt, als Gruppeneitelkeit, ein Exzeß (S. 17—40). Mit scharfen, gewiß unerschrockenen Worten, wie man sie auch von sozialistischer Seite nur selten hört, verdammt de Man den Nationalismus; und zwar ausdrücklich den von jeder Färbung, wenn auch besonders den staatsvergötternden (S. 31 f.). — Eine bedauerliche Entgleisung scheint es mir nur zu sein, wenn de Man meint, der heutige bürgerliche Nationalismus sei die Endstufe eines „Abstiegs“ von Voltaire, Kant, Lessing und Goethe bis auf „den heutigen Tag“ (S. 34 f.). Diese Männer standen zu hoch, als daß ein .Abstieg“ von ihnen zu unserem „Mittelstand“ führte. Der Weg zu diesem läuft ganz eben aus der Region der damaligen Bürgerschicht her. Konsequent ist es, wenn de Man Niederlegung der wirtschaftlichen und politischen Grenzen und kulturelle Welteinheit fordert (S. 38). Die Affektfeindschaft selbst jedoch will schlecht zu der alten Forderung de Mans passen, die Arbeiterschaft solle sich abwenden vom trockenwissenschaftlichen Geist des Marxismus und solle Mythen und Utopien, Heroisierung der eigenen Haltung in sich aufnehmen (hier S. 54 f.). De Man scheint zu meinen, daß sich dergleichen künstlich herbeiführen lasse; und, was bedenklicher ist, er soheint zu meinen, daß die selbstwertenden Kollektivaffekte beim Proletarier ohne weiteres rational sein können und nur beim proletarisierten Bürger in Exzesse ausarten müssen (S. 55). Doch er bleibt uns jeden rationalen Beweis dafür schuldig; er denkt hier selbst inkonsequent, affektbetont. Der Gruppenaffekt nimmt, sich selbst überlassen, seinen geisttötenden, vernunftwidrigen Lauf, gleichgültig, ob deutscher oder italienischer oder auch jüdischer Nationalismus oder Sozialismus sein „utopisches“ Ziel ist. Deshalb scheint es mir im höchsten Sinn gefährlich, wenn de Man gegen das sozialistische Dogma anrennt, statt es zu verbessern: das ist Imitation der nationalfaszistischen, der feindlichen und im Grund verachteten Kampfmethode, unwürdig des siegessicheren und des denkenden Kämpfers. Ich kann aber auch de Mans glühenden Haß gegen den Nationalismus nicht teilen: wohl manche „wertvolle“ geschichtliche Bewegung', ist mit durch Selbstwertaffekte entstanden; und gelenkt, von außen her kontrolliert, kann der Affekt auch in der Weiterführung der Bewegung wertvoll wirken. Schwerlich aber kann eine nur affekterfüllte Arbeiterschaft sich kontrollieren. Sie kann es ebensowenig, wie der Nationalfaszismus es kann, und wie ein nur nationalistischer Zionismus es könnte. Sie bedarf in breiten Schichten ihrer Anhängerschaft der rationalen, nicht utopischen Erkenntnis von der Notwendigkeit und Erreichbarkeit ihres Zieles, das demnach natürlich selbst rational formuliert sein muß. Wohl sollte sie von ihren Feinden und Freunden lernen, aber nicht durch Nachahmung ihrer Fehler. F.P. * Kritik am Nationalsozialismus versucht das Aprilheft der „Neuen Blätter für den Sozialismus“. Wir hören da viel über die Gründe, weniger über die richtige Bekämpfung der nationalsozialistischen Revolution. H e i m a n n s stellt These auf., der Nationalsozialismus komme aus der von den Sozialisten erkämpften Demokratie, da in dieser das bisher private Schicksal des Verelendens zum Gruppenschicksal werde und sich seinen — nationalsozialistischen — Ausdruck schaffe. Mierendorff schreibt’wesentlich einleuchtendere Sätze und gibt viel interessante Literatur an. Etwas optimistisch meint er, was sich bei der nationalsozialistischen Angestelltenschaft jetzt abspiele, sei nur die Wiederholung eines Prozesses, den das Handarbeiterproletariat in seiner Frühzeit durchgemacht habe: die Wirrungen vor dem Erwachen zur Klasse. Heller beweist, wenig überzeugend, daß der Nationalsozialismus gar nicht national ist, da er geistesgeschichtlich auf Gobineau und Chamberlain zurückgeht. Dagegen könne die Sozialdemokratie ihre Politik national nennen und sie müsse das in Zukunft mehr tun. T i 11 i c h versucht eine ganze philosophische Grundlegung des „Problems