Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 22 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- Seite 324 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Das Jüdische Echo Nr. 22 der Nationalsozialisten sind, wirken nicht überzeugend. Gesetzt den Fall, wir wären keine hellhäutigen Juden, sondern schwarze Botokuden. Wäre es alsdann nicht natürlich, daß wir mit aller Vehemenz unsere Menschenrechte verteidigen? Müßten wir, um darzutun, daß wir Gleichberechtigung verlangen, uns vorher weiß pudern? Für die Haltung unserer Gegner ist es wahrlich irrelevant, als was wir uns ausgeben. Sie wollen uns als unterscheidbare Einheit betrachten und als solche unter Ausnahmsbehandlung und Ausnahmsgesetz stellen. Wenn wir unsere Beweisführung darauf konzentrieren, darzutun, daß wir nicht zu unterscheiden sind, so geben wir unseren Gegnern damit inplicite recht. Denn für den Fall, daß wir nur im geringsten anders sind als sie, dann konzedieren wir ihnen das Recht, mit uns nach ihrem Willen zu verfahren. Wir müssen auf dem Standpunkte stehen, daß wir Anspruch auf Gleichberechtigung haben, einerlei! ob wir anders sind oder genau so sind wie die übrigen Bewohner der Länder, in denen wir leben. Ob wir tatsächlich faktische Gleichberechtigung genießen, hängt ja leider nicht von der Rechtslage allein ab. Das ist ein Ergebnis zahlreicher Faktoren, der politischen Verhältnisse, der wirtschaftlichen Struktur, der internationalen Stellung des betreffenden Landes usw. Die Rechtslage aber dürfen wir unter keinen Umständen selbst verschieben. Gleichberechtigung von einer Gesinnung abhängig zu machen, ist das Dümmste, was wir tun können. Denn für Gesinnungen gibt es keine objektiven Maßstäbe. Eine Gesinnung, die dem Reichstagspräsidenten Loebe genehm ist, ist schon Herrn Dr. Bredt verdächtig, von Hitler ganz zu schweigen. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten richtet sich gegen alle Juden ohne Unterschied der Gesinnung und der Herkunftsländer, einerlei ob diese Juden In- oder Ausländer sind, Orthodoxe oder Liberale, Kapitalisten oder Sozialisten, Zionisten oder Assimilanten. In der neuen Antisemitenbibel der Nationalsozialisten, in der „Rassenkunde des jüdischen Volkes“ von Günther, der von Frick zum Ordinarius an der Universität Jena gegen den Willen des dortigen Senats ernannt wurde, wird von einer Inferiorität aller Jüdischblütigen schlechthin gesprochen. Die nationalsozialistischen Banden, die im Berliner Wannseebad Juden belästigen, fragen nicht darnach, ob der Belästigte aus dem Rheinland oder aus Tarnopol stammt, ob er aus der Judengemeinde ausgetreten ist oder sich einen Konservativen hennt. In zahlreichen Publikationen der Nationalsozialisten wird ausdrücklich festgestellt, daß der nationalsozialistische Antisemitismus sich vom bürgerlichen Antisemitismus grundsätzlich dadurch unterscheidet, daß es für ihn irrelevant ist, ob der einzelne Jude anständig und wertvoller ist als irgend ein Nichtjude. Das Hepp-Hepp des Mittelalters wird von den Nationalsozialisten als ein Gefühlsausbruch gedeutet, der heiligen Artquellen entspringt. Da der Angriff des Nationalsozialismus gegen das Judentum als solches gerichtet ist, so folgt daraus mit zwingender Notwendigkeit, daß die Abwehr dieser Erscheinungsform des Judenhasses vom Judentum ohne Unterschied der Parteieinstellung erfolgen muß. Die jüdische Gesamtheit wird angegriffen, die jüdische Gesamtheit muß sich zur Wehr setzen. Es ist bei aller Würdigung der Arbeit und der Verdienste einzelner Persönlichkeiten und Organisationen im Abwehrkampf gegen den Judenhaß der Nationalsozialisten nicht zu verstehen, warum bisher die gesamtjüdischen Organisationen Deutschlands in der Aktion gegen den Nationalsozialismus noch nicht auf den Plan getreten sind. In der praktischen Arbeit zur Bekämpfung der wüstesten Ausschreitungen gegen die Juden ist es zunächst gleichgültig, wie man sich zum Problem des Antisemitismus in seiner Totalität stellt. Der Gegensatz zwischen unterscheidbarer jüdischer Minderheit und der nichtjüdischen Umwelt ist nicht auf Deutschland allein beschränkt. Er ist manifest oder latent in der ganzen W.elt und bildet einen wesentlichen Bestandteil des jüdischen Weltproblems. Auf diese unerquickliche Situation der Weltjudenheit versucht der Zionismus eine Antwort zu geben, deren Verwirklichung viel Mühe und lange Zeitläufte beansprucht. Man mag die zionistische Lösung als zureichend oder als ungenügend ansehen, sicher ist, daß keine andere bessere vorhanden ist. In der praktischen Arbeit aber, zum Zwecke der Milderung der schlimmsten Begleiterscheinungen des Judenhasses, können diese letzten Ziele ausgeschaltet werden. Ob man aber an eine endgültige Liquidierung des Judenhasses in der Diaspora glaubt oder sie für unwahrscheinlich und unmöglich hält, ist für die Organisierung und Durchführung des momentan notwendigen Abwehrkampfes zunächst ohne Belang. Sicher ist, daß eine rationelle Abwehr größere Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie von der jüdischen Gesamtheit ohne Beschönigung und Verschleierung geführt wird. Wir leben im Zeitalter der neuen Sachlichkeit. Die Welt hat sich daran gewöhnt, was ist. Die Angriffe der Nationalsozialisten richten sich gegen die Juden als Juden. Es geht um die Juden und diese handeln am aufrichtigsten und besten, wenn sie die Abwehr als Juden für die Juden organisieren. Zur Kritik des Nationalismus1 De Man ist Führer einer sozialistischen Gruppe, die den Ablauf der Geschichte nicht grundlegend aus wirtschaftlich-rationalen, sondern daneben aus psychologischen Ursachen herleiten will und die demzufolge das marxistische Dogma, die materialistische Geschichtsauffassung, bekämpft, wobei neben der neueren psychologischen Wissenschaft auch die alte Philosophie des Idealismus in einer ihrer zahlreichen Abwandlungen eine Rolle spielt, über all dies hinweg aber natürlich die sozialistischen Grundtendenzen im wesentlichen gewahrt bleiben. De Mans Ansichten sind in seinen Schriften „Zur Psychologie des Sozialismus“ und „Die Intellektuellen und der Sozialismus“ niedergelegt. Sie sind bewußt eigen in Inhalt und Form, aber zweifellos von tiefem Ernst, Willen und Können getragen. Dieser Mann schreibt nun über das Thema Nationalfascismus. Als Nationalfaszismus scheint de Man — er deutet den Sinn seines interessanten Schlagwortes nur an — den deutschen Nationalsozialismus mit dem Faszismus der Siegerstaaten wie Italien und Polen zusammenzufassen (S. 5). Seltsam ist es, daß er der Bewegung in Deutschland die „größten Fortschritte“ zuschreibt (S. 6) Er geht, wohl mit Recht, von vorn herein davon aus, daß die Bewegung in allen Ländern sozial und wirtschaftlich reaktionär ist, trotz ihrer re- 1 Hendrik de Man, Sozialismus und Nationalfaszismus. Alfred Protte Verlag, Potsdam, 1931. 61 S. RM. 1.50.