Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 22 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 22 29. Mai 1931 18. Jahrgang Es geht um alle Juden Von Moses Waldmann Die Vorgänge in Deutschland stehen im Mittelpunkte /des Weltinteresses. Insbesondere verfolgen die Juden in Amerika die Entwicklung der jüdischen Schicksale in der deutschen Repuoiik. In Deutschland lebt ein einziges Prozent kulturell hochstehender, in ihrem Benehmen der Gesamtbevölkerung in einem sehr hohen Maße angepaßten Juden, und trotzdem ist Deutschland heute das Zentrum des theoretischen und politischen Antisemitismus, und von Deutschland beziehen die Antisemiten der ganzen Welt die Parolen in ihrem Kampfe gegen die Juden. Man wundert sich darüber, daß in Deutschland nicht die Vertretungen der Gesamtjudenheit die Aufgabe, dem Judenhaß entgegenzutreten, übernommen haben. In dieser Hinsicht ist ein Beschluß von großer Bedeutung, den der Rat des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden am 14. Mai gefaßt hat. Nachdem der Verbandstag im März sogar einen von den Volksparteilern eingebrachten Antrag, daß der Preußische Landesverband den Schutz der Juden vor der Regierung, den Verwaltungs- und Gerichtsbehörden wahrzunehmen habe, abgelehnt hatte, hat nunmehr der Rat, in dem die Liberalen auch die Mehrheit besitzen, diesen Antrag angenommen. Zwischen Verbandstag im Monat März und der Ratstagung am 14. Mai ist offenbar im Bewußtsein der deutschen Juden eine tiefgehende Wandlung vor sich gegangen. Wir registrieren diesen Beschluß mit großer Befriedigung. Denn darin ist die Erkenntnis zum Durchbruch gelangt, daß es Aufgabe der jüdischen Gesamtvertretungen ist, einzugreifen, wenn sich umfassende antisemitische Angriffe gegen alle Juden richten und diese Arbeit innerjüdischparteilos zu führen. In welchem Maße die Existenz und die Wirksamkeit der nationalsozialistischen Partei das Schicksal Deutschlands zum Bösen beeinflussen wird, ist eine Erage, die hier ununtersucht bleiben soll. Es ist nicht unseres Amtes und auch nicht die Aufgabe eines Juden, der die Frage des Nationalismus vom! jüdischen Standpunkte aus betrachtet, so zu tun, als ob er garnicht für sich redete, sondern nur allgemein menschliche und gesamtstaatliche Interessen im Auge hätte. Sicherlich ist jeder in Deutschland lebende Jude in allerstärkstem Maße an Wohl und Wehe Deutschlands ideell und materiell interessiert. Und es ist recht und billig, wenn Juden in den einzelnen deutschen Parteien als Mitglieder jener Parteien und als deutsche Staatsangehörige mit aller Leidenschaft auf die Gefahren hinweisen, welche einer friedlichen Entwicklung der politischen Verhältnisse in Deutschland durch die Nationalsozialisten drohen. Wenn aber Juden in ihrer Eigenschaft als Juden sich anschicken, Stellung zum Nationalismus zu nehmen, so tun sie b jcser daran, auf Rheotorik zu verzichten und nicht wie Katzen um den Brei zu gehen. Sie sollen dann das Kind beim rechten Namen nennen und nicht als Sachwalter eines echten Volkstums, eines blütenreinen Sozialismus und anderer Ideale auftreten. Sie sollen klipp und klar sagen, daß es sich in diesem Falle um die Juden handelt, daß sie als Juden die Gefahr des Nationalsozialismus für die Judenheit erkennen und entschlossen sind, mit allen gesetzlichen Mitteln diese Gefahr zu bekämpfen. Denn das eine ist doch sicher: Ob der Sozialismus der Nationalsozialisten echt oder falsch ist, darüber kann es Meinungsverschiedenheiten geben; der Judenhaß der Nationalsozialisten ist sicherlich hundertprozentig echt. Und dieser Gefahr von nationalsozialistischer Seite muß von den Juden die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Jeder Angegriffene hat die natürliche Legitimation, sich zu verteidigen, jeder Überfallene hat das Recht der Notwehr und es bedarf erst nicht langer Erklärungen dafür, daß er sich zur Wehr setzt. Ist seine Sache gerecht und gut, so wird er bei anderen Rechtdenkenden Verständnis und Unterstützung finden. Die Tatsache, daß man Staatsbürger ist oder auf ordnungsmäßigem Wege die Erlaubnis erhalten hat, in einem Staate zu leben, genügt vollkommen, um den Anspruch auf Schutz durch die Gesetze zu erheben und, im Zeitalter der Demokratie, Gleichberechtigung zu verlangen. Es wirkt immer peinlich, wenn ein Kaufmann dauernd versichert, er verkaufe eine Ware nur zu dem Zwekke, um dem Käufer zu nützen. Ebenso peinlich wirkt es immer, wenn Juden ihre Abwehr gegen den Antisemitismus damit begründen, daß es sie in der Seele schmerzt, wenn sich die Antisemiten durch das unedle Gefühl des Judenhasses in den Augen der fortschrittlichen Welt herabsetzen. Die Sorge, ob die Nationalsozialisten durch Betätigung des Judenhasses Schaden an ihrer Seele und ihrem Rechtsgefühl erleiden, ist für Juden tatsächlich eine Sorge letzten Ranges, und sie sollten darum von diesen letztrangigen Dingen nicht überlaut reden, wenn sie etwas anderes meinen. Und wir meinen ausdrücklich, daß der Nationalsozialismus für uns eine unmittelbare direkte Bedrohung in jeder Beziehung ist. Die Reaktion auf diese Gefährdung ist das Primäre, das uns veranlaßt, in entschiedenster Weise uns zur Wehr zu setzen. Wir wissen, daß wir bei diesem Kampfe um unser Recht auf die Unterstützung gerecht denkender Parteien angewiesen sind. Wir glauben aber, daß für Parteien, die gewillt sind, uns in unserem Kampfe zu helfen, die Begründung vollständig genügt, daß wir in unserer menschlichen und jüdischen Existenz bedroht sind. Die langen Vorreden, daß wir eigentlich nicht um unsretwillen, sondern um der Allgemeinheit willen unseren Kampf führen, die Beteuerungen, daß wir wohlgesittete, mit besten Ansichten und Absichten ausgestattete, uns durch nichts von den anderen unterscheidende Volksgenossen auch