Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 21 (22.5.1931)
- Date
- 1931-05-22
- Page
- Seite 312 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Das Jüdische Echo Nr. 21 keit alles Irdischen bleibt die sittliche Tat als die Auswirkung, der Gesetzgebung am Sinai, die nicht um irgend eines Lohnes, sondern um ihrer selbst willen zu geschehen hat. Wenn ein später Philosoph den kategorischen Imperativ theoretisch aufgestellt hat, so ist dieser praktisch längst in dem , Du sollst“ und „Du sollst nicht“ des jüdischen Sinaigesetzes dagewesen. Wenn nach dem Midrasch alles, was später die Propheten in ausdrücklichen Reden verkündet haben, potentiell bereits in den Worten am S'inai enthalten gewesen ist, so ist damit gesagt, daß die größte Tat der jüdischen Kulturschöpfung an ihrem Anfänge liegt, und daß auf ihr alles andere, so groß und so erhaben es ist, aufgebaut ist. Keine noch so große religiöse Wucht und kein noch so gewaltiger Schwung ethischer Hingebung und religiöser Begeisterung haben jemals die fundamentale Bedeutung erreicht, die dem sinaitischen Gesetz für die jüdische und menschliche Kultur zukommt. Am Sinai, am Berge in der Wüste, ist die nationale Kultur des Judentums, die zugleich eine allmenschliche ist, begründet und verankert. Wie das jüdische Volk am Pessachfeste seiner Entstehung gedenkt, so feiert da die jüdische Volkskultur ihren Geburtstag am Schawuothfeste H. L. Schöpferischer Pessimismus ln den letzten Monaten sind in vielen jüdischen Zeitungen Deutschlands und auch in größeren Publikationen (vgl. das Aufsehen erregende Buch von Dr. Alfred Marcus „Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden“, Verlag Georg Stilke, Berlin) mit besonderem Nachdruck die Verfallserscheinungen innerhalb des deutschen Judentums beschrieben worden. Man wies auf die verschiedenen Formen der Krise innerhalb des deutschen Judentums hin. Zunächst lenkte man die Aufmerksamkeit auf die allen sichtbare Wirtschaftskrise, die sich auf die Juden in einer spezifischen Art auswirkt; ferner betonte man besonders eindringlich die geradezu fatale bevölkerungspolitische Entwicklung innerhalb des deutschen Judentums, die es gerechtfertigt erscheinen läßt, wenn man mit vollem Ernst die Frage stellt: Stehen wir vor dem Untergang des deutschen Judentums? Naturgemäß wirkte diese Publizität ein wenig übertrieben, weil sie die Gesamtheit der deutschen Juden im Auge behaltend, notwendigerweise darauf verzichten mußte, einzelne günstige Momente innerhalb des deutschen Judentums hervorzuheben. Das geschah, weil diese günstigen Momente, an und für sich erfreulich, jedoch nicht imstande sind, das düstere Gesamtbild, welches sich dem Auge des unvoreingenommenen Untersuchers bietet, zu erhellen. Sicherlich gibt es eine ganze Anzahl von erfreulichen Ansätzen innerhalb der jüdischen Jugend; unzweifelhaft gelingt es, trotz der allgemeinen Misere jüdischer Findigkeit, neue Erwerbsgelgenheiten zu entdecken — aber trotzdem können diese erfreulichen Erscheinungen nicht darüber hinwegtäuschen, daß die allgemeine Tendenz innerhalb des deutschen Judentums nicht nach oben sondern nach unten führt. Vor einigen Tagen hat Fritz N a p h t a 1 i, einer der bedeutendsten Wirtschaftstheoretiker der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Hauptreferent für wirtschaftliche Fragen auf dem letzten Kongreß der zweiten Arbeiterinternationale und dabei ein bewußter nationaler Jude, Mitglied zentraler zionistischer Instanzen, in Berlin einen Vortrag gehalten, der als Einführung bei der Eröffnung des Sommersemesters der von der Zentralwohlfahrststelle der deutschen Juden veranstalteten Lehrgänge für jüdisch-soziale Ausbildung und Fortbildung gedacht war. In diesem Vortrag kam Naphtali auch auf die spezifische Wirtschaftsnot der deutschen Juden zu sprechen. Hierbei gab er der Meinung Ausdruck, daß das Schwergewicht der jüdischen Notlage in der außerordentlich starken Erschütterung selbständiger Existenzen im Handel und in akademischen Berufen liege. Anderseits gebe es für die Juden gewisse Kompensationsmöglichkeiten,^ wie die modernen Entwicklungsformen im Einzelhandel (Warenhäuser, Spezialgeschäfte, Kettenläden, Einheitspreismagazine usw.) und die neuen Industrien wie Film und Radio. Die Behauptung, daß die Juden in ihrer Gesamtheit proletarisiert würden, sei eine arge Übertreibung. Manches, was Fritz Naphtali in diesem Zusammenhänge gesagt hat, ist durchaus zutreffend. Sicherlich gibt es noch heute eine ziemlich große Anzahl von Juden, die in altgewohnten Wirtschaftsformen Erfolge erzielen. Anderseits aber ist eine Verschiebung der Lebenshaltung bei der großen jüdischen Masse nicht zu leugnen. Während einst das Wirtschaftsideal des deutschen Juden Selbständigkeit und materieller Aufstieg war, hat sich das Wirtschaftsdenken der großen Menge gewandelt. Man ersehnt als weitest gestecktes Ziel die Stelle eines Abteilungsleiters in einem Warenhaus. In Naphtalis Vortrag, ebenso wie in Äußerungen mancher ausländischen Korrespondenten jüdischer Zeitungen, die über die deutschen Juden berichten, steckt ein Vorwurf, daß man die Schwere der jüdischen Situation in Deutschland übertreibe und einem Zweckpissimismus huldige. Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Denn Hauptmotiv nüchterner illusionsloser Darstellungen der Situation der deutschen Juden ist nicht die Absicht, eine verzweifelte Stimmung zu erregen und zu sagen, daß alle Anstrengungen von jüdischer Seite überflüssig und aussichtslos sind, sondern die Absicht geht vielmehr dahin, Erkenntnisse zu verbreiten, die Gewissen aufzurütteln und die jüdische Tatkraft anzuspornen. Zu sehr wirkt in jedem bewußten Juden der ewige jüdische Geist der Lebensbejahung, als daß man selbst angesichts größter Schwierigkeiten bereit wäre, die Flinte ins Korn zu werfen und zu erklären, nun sei das Ende gekommen. Der Pessimismus, der sich in schwarzfärbenden Artikeln, Vorträgen und Büchern äußert, ist ein schöpferischer Pessimismus, der für einen bestimmten Zeitraum durchaus angebracht ist, um Denkfaulheit und Gewohnheitstrott zu vernichten. Wie die Lage der deutschen Juden in einer Zeitung des Auslandes gesehen wird, belehrt die Einleitung zu einer Artikelserie, deren Publikation im „Israelitischen Wochenblatte für die Schweiz“ begonnen hat. Diese Ausführungen lauten: „Die 425 jüdischen Gemeinden Deutschlands sind seit der Kriegszeit aus ihrem materiellen wie geistigen Gleichgewicht gerissen Schon die Abtrennung von beträchtlichen Gebieten brachte eine ganze Reihe von kleinen und größeren Gemeinden zum Verschwinden und ihre Mitglieder in schwierigste Situationen. Die Wandlungen und Umbildungen, denen sämtliche Schichten des deutschen Volkes in den Nachkriegsjahren unterworfen waren und die sich im Leben der jiidi-