Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9176173--11717-9083788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 303 i Das Jüdische Echo daß im East Siele stecken zu bleiben, hieß, auf Dauer verdammt zu sein. Im ganzen aber schien Amerika wenigstens Möglichkeiten wirtschaftlichen und bürgerlichen Aufstiegs zu bieten. Und es ist ja auch kein Zweifel, daß sich die jüdische Einwanderung diese Möglichkeiten zunutze gemacht hat — heute ist das amerikanische Judentum groß, geachtet, angesehen, von ausschlaggebender Bedeutung in jüdischen Angelegenheiten. Seine Sonderstellung aber in der jüdischen Welt, gekennzeichnet durch das Nichlvorhandeosein judentcindlicher Bewegungen, hat das amerikanische Judentum längst verloren. Auch in Amerika: gibt es heule ausgeprägten Antisemitismus, eine antisemitische Bewegung sowohl, wie den Verwaltungsantisemilismus, der sich streng in den Formen der Legalität hält und eben darum der schlimmste ist. Neue Meldungen aus Neuyork besagen, daß sich die Aktion gegen unberechtigte Einwanderer, die die amerikanische Regierung in der letzten Zeit veranstaltet, hauptsächlich gegen die Juden richtet. Die amerikanische Wirtschaftskrise hat eine heftige Strömung gegen diese illegale Einwanderung nicht nur, sondern überhaupt gegen alle nicht hundertprozentigen Amerikaner hervorgerufen, denen man die Schuld an der Wirtschaftskrise beimißt.' So werden also richtige Jagden nach illegalen Einwanderern veranstaltet, d. h. nach solchen, die ohne gültige Visen meist auf dem Wege über Kanada oder Mexiko ins Land kamen. Wer sich nicht entsprechend ausweisen kann, oder über die in Amerika besonders nötigen Verbindungen zu pol it scheu Cliquen verfügt, wird mitleidlos außer Landes gejagt. Allwöchentlich werden in Ellis Island ungefähr 1500 Menschen zusammengetrieben und in die alte Heimat zurückverschickt. Selbslerständlich stellen Juden das Hauptkontingent. Die amerikanischen Behörden sind eben nicht besser als die europäischen. Auch ihnen bereitet es eine Freude, an gänzlich ungefährlichen Wesen ihr antisemitisches Liistchen kühlen zu können. Und Proteste? Sie sind sehr schüchtern, aus Gründen, die nicht näher untersucht seien, und sie würden auch dann nichts nützen, wenn sie weniger schüchtern wären. So flutet ein Strom jüdischer Wanderer zurück in die Länder des europäischen Ostens, hauptsächlich mich Polen und Rumänien. Aber diese unglücklichen Vertriebenen sind nicht einmal die einzigen jüdischen Rückwanderer aus Amerika. Die wirtschaftliche Not ist so groß, daß es sogar freiwillige Rückwanderer gibt. Obwohl es ihnen bekannt genug ist, daß sie in der alten Heimat noch weniger Arbeit und Betätigungsmöglichkeiten finden können, verlassen sie, in der Hoffnung auf Hilfe ihrer Verwandten das Land, in das sie mit den größten Hoffnungen gezogen waren. Amerika kann nicht mehr als Gebiet jüdischer Einwanderung angesehen werden. Wie richtig das ist, beweisen verschiedene Vorgänge in Mexiko. Dort hat man am 1. Mai in der Stadt Mexiko auf Grund einer Regierungsverordnung alle ausländischen Händler und Budenbesilzer, die ein Einreisevisum nach Mexiko als Lohnarbeiter erhalten haften und sich dann dem Handel zuwandten, polizeilich vom Marktplatz vertrieben. Die meisten dieser Ausländer sind eingewanderle Juden. Jüdische Einwanderer, die als Kaufleute eine Einreiseerlaubnis erhalten hallen, wurden gleichfalls verjagt. Man hatte diesen jüdischen Kaufleuten ihre Handelslizenzen nicht erneuert, obwohl in der erwähnten Regierungsverordnung bestimmt war, daß nach einer Überprüfung der Lizenzen diese bis zum 2i7. April aufs neue verliehen werden sollten. Merkwürdigerweise wurde jüdischen Markthändlern die Erneuerung der Handelserlaubnis nicht bewilligt. Es braucht kaum festgestellt zu werden, daß zweifellos schon bei diesen Vorgängen der Judenhaß eine große Rolle gespielt hat. Weitere Nachrichten zeigen, daß die antisemitische Bewegung sich ständig ausbreitet. Nach der Vertreibung der jüdischen Händler von den Marktplätzen in Mexiko-City haben die mexikanischen Marklhändler eine Versammlung abgehalten, an der etwa 5000 Personen teilnahmen. Es wurden heftige antisemitische Reden gehalten, in denen man die Deportierung der Juden aus Mexiko forderte. Der Präsident; der mexikanischen Republik Rubio, der ebenfalls an der Versammlung teilnahm, nahm diese antisemitischen Reden mit Beifall auf. Einer der Redner richtete an den Präsidenten den Appell: „Die jüdischen Herzen mit der mexikanischen Flagge zu durchbohren“. Dadurch hat die Lage der von den Märkten vertriebenen jüdischen Händler eine neue Verschärfung erfahren. Es wird ihnen nicht nur der Zutritt zu den öffentlichen Märkten, sondern auch die Errichtung von Ständen in gemieteten Hallen verweigert. Auch in anderen mexikanischen Städten wurden die jüdischen Händler von den Märkten ausgeschlossen. Die Handelskammern des ganzen Landes haben die Registrierung der jüdischen Händler angeordnet. Ein Verzeichnis dieser Händler, die als unerwünschte Einwanderer bezeichnet wurden, soll dem Einwanderungsamt übergeben werden. Die herrschende antisemitische Stimmung wird weiter blitzlichtartig beleuchtet durch die Tatsache, daß in einer Schule der Stadt Mexiko-City der aus Rußland stammende zwölfjährige jüdische Waisenknabe Boris Rabinowitz von einem mexikanischen Mitschüler niedergeschossen wurde. Von mexikanischer Seife wird zwar behauptet, daß es sich um einen unglücklichen Zufall handle, aber auch dann noch wäre der Vorfall bezeichnend für die überaus traurige Lage der mexikanischen Juden. „So ist der Jude für die Lebenden ein Toter, für die Eingeborenen ein Fremder, für die Einheimischen ein Landstreicher, für die Besitzenden ein Bettler, für die Armen ein Ausbeuter und Millionär, für den Patrioten ein Vaterlandsloser, für alle Klassen ein verhaßter Konkurrent.“ Das hat Leo Pinsker gesagt, im Jahre 1882. Die Juden haben noch immer nicht recht begriffen, was er sagte, aber sie sollten endlich klug werden und anerkennen, daß die Hilfe wirklich nur da liegt, wo sie Pinsker schon mit voller Deutlichkeit gesehen hat, in ihrer Autoemanzipation. I. E. Das Cecil-Bankett des Hnglo-Palestine-Club Erneute Bekenntnisse englischer Staatsmänner zum Gedanken des jüdischen Nationalheims London, 6. Mai. (JTA.) Der Anglo-Palestine- Club gab am Dienstag, dem 5. Mai, zu Ehren Lord Cecils ein Bankett, das sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims und für den nationalen Frieden in Palästina gestaltete. Den Vorsitz führte der Präsident des Clubs, James de Rothschild. Außer dem Ehrengast, Lord Cecil, dem Vertreter der englischen Regierung, Dr. Drummond Shiels, und dem Präsidenten der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Dr. Chaim Weizmann, waren zahlreiche hervorragende Vertreter des gesellschaftlichen und politischen Lebens Englands anwesend. In seinem Trinkspruch auf Lord Cecil legte James de Rothschild dar, warum ein Staatsmann vom Range Lord Cecils eine Bewegung wie die