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Das jüdische Echo · 1931-05-15 · 20 (15.5.1931) · p. Seite 302

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
20 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
Seite 302 (sequence 6)
Language
German
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I 302 Das Jüdische Echo Nr. 20 aufgehört und das Unglück der „Kollektivisierung“ der Landwirtschaft hat den Haß gegen die Juden vermindert. In der Tat haben die Juden zu handeln aufgehört. Sie sind jedenfalls in großem Maß den nichtjüdischen Händlern gewichen, insoweit man eben im allgemeinen in Sowjetrußland von einer Kaufmannsklasse sprechen kann. Die Juden begriffen schließlich, daß es sich nicht verlohne, ein paar Monate oder ein paar Jahre lang auf dem Seil zu tanzen, Geld zu sammeln, um zu guter Letzt doch verhaftet, aller Rechte beraubt und auf die Solowiejtsky-Inseln oder nach Narim verschickt zu werden. Den Händen der Tscheka war jedenfalls nicht zu entschlüpfen. Man ergab sich in sein Schicksal und zog so die entsprechenden Konsequenzen. Die Mehrheit der sogenannten unproduktiven Elemente unter den Juden würde sich gerne produktivisieren lassen, aber das ist nicht so leicht. Bis in die zweite Generation hinein wird vermerkt, daß der und der nicht von der proletarischen Adelsklasse stamme, und er wird weder in die Fabrik noch in die Kolonie hineingelassen. Die Juden wollten in ihrer Mehrheit schließlich doch nicht mehr handeln und füllten die Reihen der Lastträger, Schwarzarbeiter, kurz taten alles, um nur der steten Tscheka-Angst zu entrinnen. Als vor kurzem in Moskau z. B. ein Prozeß gegen 15 Krämer stattfand, die der Spekulation mit Petroleum angeklagt waren, gab es unter ihnen nur einen Juden, und das ist sympathisch. Wir sagten uns: Der Bürger leidet Not; er muß, kauft er etwas auf dem freien Markt, unerhörte Preise zahlen, der Verkäufei war häufig der Jude. So haßte der Käufer den Krämer, der größtenteils mit dem Juden identisch war. Jetzt hat sich die Lage geändert, der Jude als Händler ist weniger sichtbar,, der Antisemitismus ist schwächer. Und dann: die Kollektivisierung! Jedes Stück Boden, das die Juden vor ein paar Jahren bekamen, war verbunden mit dem Haß seitens der nichtjüdischen Bauern, denen es schien, daß man ihnen ihr Eigentum, den Boden, auf den sie ein Recht haben, wegnehme. Aber es kam die Kollektivisierung und nahm faktisch den Boden allen weg, Juden und Nichtjuden. Die „Brot-Saat“ kam und die Regierung begann, allen Brot „abzukaufen“, zu den offiziellen Preisen, um Groschen. Alle waren in gleicher Weise leidtragend. Wenn auf der Wolga Schwarzbrot fehlt, so hungern jüdische Kinder auch in der Krim. Sie hungern so, daß sie auf die Versorgung mit Nahrungsmittel durch ausländische jüdische Gesellschaften warten. Die Juden verloren die Lust am Boden. In die Krim gingen im Jahre 1930 2000 jüdische Familien und mehr als 1000 flüchteten zurück. Im heurigen Frühjahr wurde der Überwanderungsprozeß nicht einmal zur Hälfte ausgeführt. Von den vorgemerkten 3500 Familien für die Krim, wurden mit Not 1300 zusammengesammelt und viele von ihnen strömen jetzt schon zurück. Und von den vorgemerkten 2200 Familien für Boden in der Ukraine fanden sich nicht einmal 250 Bereitwillige. Man verzichtet auf die Gnade. Man will nicht ein Jahr lang arbeiten, um der Regierung den Weizen für einen Rubel das Pud abzugeben, zu hungern und dann von der Regierung für 3 Rubel das Pud Korn zu kaufen. Einen Unterschied in dieser Beziehung gibt es zwischen Juden und Nichtjuden nicht. Und wir nehmen an, das Volk habe endlich eingesehen, wie es den Juden geht, und verstehe die Grundlosigkeit eines Judenhasses in der sozialistischen Republik. Eine so bequeme Theorie haben wir uns geschaffen und wollten glauben, daß wir recht haben, und wollten hoffen, daß die einstigen antisemitischen Zeiten nicht so rasch wiederkehren werden. Wir haben uns geirrt. Ein Sturm des Judenhasses wütet wieder. Wenn man nur die Liste der Exzesse gegen die Juden vom letzten Monat betrachtet — alles berichtet und bestätigt von der Sowjetpresse — so stehen einem die Haare zu Berge. Entweder war unsere Theorie irrig, oder es sind neue Momente im russichen Leben aufgetaucht, die einen Sündenbock verlangen, ein Opfer, das jüdische Opfer. * Ich frage mich selbst: Ist vielleicht eines dieser Momente das. daß die Juden sich wieder als Spitzen der Sowjetverwaltung zeigen? Es gab eine Periode, da alle jüdischen Führer „abgebaut“ wurden. Sie gingen in die Verbannung, wurden langsam von ihren Posten entfernt, aus ihrer Machtstellung geworfen. Trotzky, Kamenew, Sinowjew, Radek, die ganze jüdische „Garde“ des Bolschewismus, gab ihre „Demission“. Die Sowjetregierung war eine Periode hindurch fast judenrein. Jetzt ist es anders. Wir haben in der Sowjetregierung vier jüdische Minister: Litwinow, den Volkskommissär für Äußeres, den Verkehrskommissär Richimowitsch, den Handelsminister Rosenholz, den Landwirtschaftsminister Jakowlew. Und die Stellvertreter der Volkskommissäre in der Regierung sind größtenteils Juden. Der Präsident der Staatsbank ist der Jude Kalmanowitsch. seine beiden Stellvertreter Juden. Das springt in die Augen, das reizt auf. Das ist die Wiederholung eines Zustandes, der bereits verschwunden war. Er ist wieder da, mit ihm auch der Antisemitismus. Es ist natürlch keine restlose Beantwortung der Frage. Der Antisemitismus hat tiefere Wurzeln und objektivere Gründe sogar in der sowjetistischen Union. Und sogar, wenn die Regierung wirklich die Judenexzesse ausrotten will und über die besten Kräfte zu deren Bekämpfung verfügt! Aber auch dieses äußere Moment darf nicht bagatellisiert werden, ebenso wie die verstärkte Anteilnahme der Juden an den Regierungsgeschäften. Wohl bekommt das nicht in einer Zeit, da das Land hungert. Wenn ein Volk nackt und barfuß einhergeht und ein Schuldiger da sein muß, spielt jede „Belastung“ jüdischerseits eine Rolle. Wieviele Fünfjahrpläne wird man bei Gott in der sozialistischen Union noch brauchen, um wenigstens hier den primitivsten, wildesten Exponenten der Judenfrage, den Antisemitismus, loszuwerden? Juden in Amerika Jahrzehntelang haben di« Juden das Goethe’sche Wort: „Amerika, du hast es besser“ besonders auf die amerikanischen Juden bezogen. In Amerika schienen die Juden tatsächlich eine bessere Welt gefunden zu haben; dorthin zu kommen, war die Sehnsucht vor allem der Juden aus dem Osten. Was sie dort gefunden haben, vor allem in kultureller Beziehung, war nicht immer, verglichen mit dem Lehen in osteuropäischen Ländern, besser; ja die Lektüre eines Buches, wie des unlängst erschienenen von Michael Gold: „Juden ohne Geld“ (Neuer deutscher Verlag), das wir noch ausführlich besprechen werden, zeigt, daß es oftmals eine Hölle war und

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