Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 301 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 301 der „Revisionismus“ verkündet. Es lebt und wuchert in ihm das jugendliche „Himmelhoch jauchzend — zu Tode betrübt“. Solches Fühlen ist das Recht der Jugend — aber das Urteilen die Pflicht der Gereiften. Wir beugen uns mit Achtung vor dieser Jugendlichkeit des Revisionismus. Sie ist unter jungen Leuten ein Lebensrecht und schön. Aber ihr Inspirator, Herr Jabolinsky, ist ein Mann von fünfzig Jahren. Zweitens: Dieser sympathische, in vielen anderen Zusammenhängen erfreuliche, aber in politischen Dingen zerstörende Überschwang tritt auch in vorstehenden Ausführungen des Herrn Dr. Kern deutlich hervor, ln solchen Augen ist ein Gegner des Herrn Jabolinsky „eben kein Zionist“. Kommt uns die Melodie nicht recht bekannt vor? Wer hat die Sozialisten „vaterlandslose Gesellen“ genannt? Nicht Jabofinsky, aber doch Wilhelm 11. In solchen Augen „ist ja schließlich die jüdische Existenz keine ganz einzigartige Erscheinung“ — „auch die Z i g e u ne r existieren“ — in solchen Augen ist nun mal der liehe Gott „hei den stärkeren Bataillonen“. (Gleichwohl erkennen die gleichen Augen nicht den „militaristischen“ Charakter einer solchen Betrachtungsweise.) Hat nun aber „der liehe Gott“ mit den Juden (auf Wunsch: einschließlich der Zigeuner) wirklich keine „Ausnahme“ gemacht? Ist er wirklich „hei den stärkeren Bataillonen“? An diesen Fragen scheiden sich die Geister. 3. Daneben sind alte Einzelheiten unwesentlich. Völlig unwesentlich sind die einzelnen Ausstellungen, die im Detail gegen meine Kritik erhoben werden. Seihst wenn ich in Einzelheiten Unrecht hätte — wie etwa in der jüdischen Besiedlung des Rheinlandes im ersten Jahrtausend, die nicht ich allein, sondern der Historiker Dubnow als „Kolonisation“ betitelt — darauf kommt es nicht an. Ich lege noch nicht einmal darauf besonderen Wert, daß die „Politik“ in ihrem Gewicht für die Erneuerung des Judentums von anderen höher eingeschätzt wird, als von mir. Politische und Kullurbestrebungen ergänzen einander und sind b e i d e unerläßlich. Auch Kulturheslrehungen sind Politik, an richtiger Stelle und in richtiger Weise gepflegt. Es ist doch eine schwere Verkennung, gerade in jüdischen Angelegenheiten die politische Politik mit Einschluß etwaiger militärischer Notwendigkeiten zum Allerheiligsten und die Kulturpolitik zum Aschenbrödel zu machen. Aber seihst das ist für das gesunde Gleichmaß bis zu gewissem Grade notwendig und erwünscht. Was gänzlich unerwünscht und uns schädlich ist, das ist die Tatsache, daß Erörterungen, wie die vorliegenden, sofort von einer völlig unbegründeten Aufregung beeinträchtigt werden. Aus jeder Zeile des Herrn Dr. Kern spricht ein Fufer, der für (‘ine sachliche Erörterung geradezu gefährlich ist. Meine Kritik an Jabolinsky war hei aller ihrer Schärfe — die Redaktion halle mich zu einer Kritik, nicht zu einem Bericht eingeladen — völlig sachlich. Sie hätte eine sachlich s c h a r f e , aber keine spitzige Erwiderung verdient. Eine wirkungsvolle zionistische Politik — gleichgültig welcher Art — bleibt an ungestörtes, sachliches FTkennlnisvermögen geknüpft. Dr. Raphael Straus Der Rückfall Notizen über Sowjetrußland von J. K 1 i n o w (Berlin) Ich stelle meinen Radioapparat auf Rußland ein und höre den Serienvortrag über den Kampf gegen den Antisemitismus auf dem Territorium der sozialistischen Union. Moskau, Welle 1304, Charkow, Welle 938, Kiew, Welle 800. Die Sowjetsender haben nahezu miteinander in Dingen des Interesses an jüdischen Fragen zu konkurrieren begonnen. Ich weiß: Wenn ich Glück habe, so werde ich aus der Ukraine, aus Weißrußland, aus verschiedenen Zentren der Sowjetrepublik neue „angenehme Botschaften“ über einen neuen unerhörten Kreuzzug gegen die Juden in den Fabriken, Kolonien, Städten und Dörfern hören. Ich höre den offiziellen Referenten, der ein hübsches Stück Moral auf die Antisemiten, die Konterrevolutionären, losläßt, und ich bin über die Grundursache nicht verwundert, darüber, daß sich solche belehrende Radiovorträge als nötig erwiesen haben. Der Antisemitismus in Sowjetrußland ist letztens wieder aufgeblüht, leider in seinem vollen einstigen Glanz und in all seiner Pracht. Jede Zeitung, die aus Sowjetrußland kommt, enthält in den letzten Tagen Klagelieder, an die wir nicht mehr gewöhnt waren. Im Don-Becken beklagt sich der Radiosender in einem speziellen Appell an die Jungkommunisten. In der Kertzscher großen Fabrik, so meldet mit Triumph die russische „Tribuna“, das offizielle Organ des Ozet, ist es endlich gelungen, das dortige Antisemitennest zu zerstören. Ein jüdischer Arbeiter namens Schammes, ein jüdischer Zeichner Farner, ein jüdischer Arbeiter Levy, ein jüdischer Ingenieur Wissotzky, eine Unzahl anderer von den paar hundert jüdischen Industriearbeitern in Kertzsch, haben von den russischen Ingenieuren, die Kommunisten eingeschlossen, Schreckliches auszustehen. Man hat jetzt zwei der Beschuldigten entfernt, nachdem die .russische Zeitung .„Das rote Krim“ auf die inquisitorische Behandlung, die die jüdischen Arbeiter im Kertzscher Betrieb zu erdulden haben, aufmerksam gemacht. Aber bildet Kertzsch eine Ausnahme? Das Radio bestätigt, daß die Arbeiter von Tula, unter dem Deckmantel des Kampfes gegen die Religion offene Pogromagitation gegen die Juden betreiben. In Sebastopol kommt es im Schiffsbaubetrieb dazu, daß jüdische Arbeiter ins Meer geworfen werden. Das erfahren wir immer später so nebenbei aus keiner anderen Zeitung als aus dem „Emess“ selbst. In Chabarowsk, dem nahen Zentrum des „jüdischen Landes“ Birg-Bidschan, werden Antisemiten schwer verurteilt, einer sogar zum Tode. Das Hauptorgan für den sowjetischen Fernen Osten, hält es für seine Pflicht, zur Bekämpfung des Chauvinismus und Pogromnationalismus aufzurufen. Und auf dem Sowjetkongreß in Moskau muß sich der Vorsitzende der weißrussischen Regierung, Collolid, gegen die Lüge, die Verleumdung verteidigen, daß die Juden in Weißrußland Privilegien genießen. Von Osten nach Westen, von Norden nach Süden das gleiche Bild. Die Regierung alarmiert, schägt Lärm, tadelt, denn sie weiß, daß mit dem Antisemitismus auch überall der Antisowjetismus verbunden ist, sie bekämpft das Unheil, sie bestraft — und der Antisemitismus wächst und wächst ohne Halt und ohne Ende. Woher kommt auf einmal diese neue judenfeindliche Welle? * Daß die Welle neu ist, daß wir es mit einem Rezidiv zu tun haben, ist außer Zweifel. Vor einem oder zwei Jahren hatte sich die Lage in dieser Hinsicht kardinal geändert. Wir hatten uns damals eine sehr bequeme Theorie zurechtgelegt zur Begründung des verschwundenen Antisemitismus. Wir sagten damals: Die Juden, haben zu handeln