Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9176173--11714-9083785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
300 Das Jüdische Echo Nr. 20 Da ist nun rnal der liebe Gott „bei den stärkeren Bataillonen“. Jede seiner Behauptungen hat Jabotinsky mit schlagkräftigen Beispielen und geschichtlichen Analogien belegt. Aber Dr. Straus sagt „verfehlt“ — jedoch ist er vorsichtig: er tritt den Beweis für seine Behauptung nicht an. An anderer Stelle finden wir folgenden Satz, den wir doch ganz dem vielleicht flüchtigen Leser ins Gedächtnis zurückrufen wollen. Er lautet: „Anders war es dagegen bei der Kolonisation der Iren in den U. S. A., vor allem aber derjenigen der Juden selbst in den west- und mitteleuropäischen Ländern, während eines vollen Jahrtausends (bis etwa 1000 n. Chr.).“ Wo sind, wenn man fragen darf, die Ureinwohner Amerikas? Man hat sie systematisch ausgerottet. — Dann aber kommt das schönste, und diesen zweiten Teil des obigen Satzes wollen wir so bald nicht vergessen. Die Juden als Kolonisatoren West- und Mitteleuropas? üh, daß es so gewesen wäre, dann bräuchten wir uns hier nicht herumzustreiten und der Kritiker säße als freier Bauer vielleicht in Tuntenhausen. Aber wahrscheinlich verstehen wir uns auch hier nicht in den Urbegriffen. Vielleicht bedeutet Kolonisation wirklich: Freie Einwanderung bis auf Widerruf, Gründung von Religionsgemeinden, Schützling sein von Graf, König oder Stadt, Berufe auszuüben nach Ermessen der Wirtsvölker? Es existieren nicht viel Dokumente aus diesem frühen Mittelalter und es ist geschichtlich nicht erwiesen, ob es wirklich so war — damals konnten die einwandernden Juden alle Berufe ergreifen — kann man das die Kolonisation Mittel- und Westeuropas nennen? Dann könnte man mit viel größerem Recht sagen die Litauer hätten die Vereinigten Staaten von Nordamerika kolonisiert; denn es sind viele Litauer dorthin ausgewandert und durften ungehindert dort leben. Solche Behauptungen aufstellen, heißt die Urteilskraft des Lesers sehr gering einschätzen. Jabotinsky sagte und belegte es: Eine Garnison von 2000 Mann genügt um die Ruhe aufrecht zu erhalten und den Kolonisator vor Exzessen zu schützen. Will England einmal aus irgendwelchen Gründen seine Garnison zurückziehen, so soll an ihre Stelle eine jüdische Polizeitruppe treten. Denn — Jabotinsky beweist das aus der Geschichte — es ist unmöglich, bei einer Kolonisation den Landesbewohner als Freund zu haben — jede gelungene Kolonisation hatte die Macht eines Staates hinter sich, oder schuf sich selbst einen bewaffneten Schutz. Was macht man aus dieser verständlichen Forderung? Es soll eine Politik der starken Faust, Gewaltpolitik, kriegerischer Militarismus, ultimative Agressivität sein und man zieht — —offenbar um ganz besonderen Geschmack und Takt zu beweisen — einen Vergleich mit Wilhelm II. Wir kommen zum Schluß und fragen uns wieder: Wie sind solche Mißverständnisse möglich? Und da finden wir sogar eine Äußerung, die Licht zu bringen vermag in dieses Dunkel. Da schreibt man vom jüdischen Volke: „Das machtlose Volk Israel steht in einem Glanze da, wie wenige andere Völker.“ Wenn dies so ist und wenn diese Behauptung richtig sein soll, dann ist freilich eine Diskussion nicht mehr möglich. Dann ist es nötig sich einmal über die Grundideen des Zionismus zu unterhalten. Zionismus heißt aber, die „glorreiche“ jüdische Geschichte als die Geschichte eines Märtyrervolkes zu betrachten, als die Aufzählung von Pogromen und Mißhandlungen, von schmählicher Duldung und Vertreibungen, von heroischem Widerstand und passivem Heldentum. Zionismus heißt unzufrieden sein mit dem Lose des jüdischen Volkes, heißt dieses Volk als ein Volk ohne Heimat und Ruhe, ohne Land und Freude anzusehen. Wer zufrieden ist mit dem Lose, das Israel seit 2000 Jahren durch die Fremde irren läßt, wer diese Rolle beispiellosen Märtyrertums gar eine glanz- und segensvolle nennt, der ist in unseren Augen eben kein Zionist. Wir sind die Letzten, die die geistigen Leistungen des Judentums in Vergangenheit und Gegenwart unterschätzen — aber wir überschätzen sie auch nicht — denn schließlich können wir über dem Schulchan Aruch nicht die Pogrome des Mittelalters und über der Relativitätstheorie nicht die Massakers in der Ukraine vergessen. Und darum würden wir für ein gesundes jüdisches Volk auf eigener Scholle gern etwas von dem Glanze seiner Geistigkeit abgeben. Dr. A. Kern. Ein kurzes Nachwort Zwei Fragen erweisen sich als die wesentlichen, wenn man die vorstehende Erörterung zu Ende gelesen hat. Die erste Frage lautet: Ist Politik mehr eine Sache des Temperaments oder eine Sache der Einsicht? Die zweite Frage lautet: Darf die Politik die Eigenart der Gemeinschaft, von der und für die1 sie gemacht wird, außer Betracht lassen? Eine Antwort auf die erste Frage: Man verlangt offenbar, daß die zionistische Politik ohne schwere Gedankenfracht, frisch, fröhlich und frei sei. Diese Forderung pflegt, auch außerhalb jüdischer Kreise, von zwei Menschensorlen gestellt zu werden: von Jugendlichen und von Soldaten. Damit sind die Grenzen ihrer Berechtigung festgelegl. Jene Forderung gehört zu den Lebensbedürfnissen der Fordernden, aber nicht zu den politischen Bedürfnissen der Gesamtheit. Der Jugendlichen und — in gewissem Umfang — des Wehrslandes kann keine Nation enlraten. Sie sind die Reserven der ungebrochenen Kraft. Aber kann sie ihnen ihr Schicksal anvertrauen? Antwort auf die zweite Frage: Die politischen Bedürfnisse der Gesamtheit werden maßgeblich durch deren tatsächliche Beschaffenheit bestimmt. Der politische Zustand der Judenheit ist nicht befriedigend. Das war er nur in wenigen und kurzen Zeitabschnitten der Diaspora. Wir alle hoffen, daß es besser werden wird, wenn es gelingen sollte, die Diaspora zu überwinden. Aber ist es wirklich so, daß diese „Galulh“ wirklich nur Unwerte wie das ,,Schutzjudentum“ gebracht hat? Sind die starken Kompensationen, die das jüdische Martyrium im jüdischen Volkscharakter hervorgerufen hat, wirklich nur Unwerte? Goethe, kein Freund der Juden, aber zu großherzig und zu klug, um Judenfeind zu sein, erkannte die „beispiellose Tapferkeit“, die sich gerade im jüdischen Martyrium offenbart. Es ist schlimm um uns bestellt, wenn wir uns die Mängel, aber nicht die Vorzüge unserer Stellung im Leben sichern. Denn diese Diasporaexistenz wird auch bei den kühnsten Hoffnungen das Schicksal der meisten von uns und ihrer Nachkommen bleiben. Selbst das erfolgreichste revisionistische Programm könnte daran nichts ändern. Es gibt keinen jüdischen Lebensmut, auch keinen zionistischen („Mut verloren — alles verloren“), wenn man in der eigenen Art nichts anderes als Entartung zu erblicken vermag. Tatsachläch mischen sich in der revisionistischen Auffassung auf der Grundlage eines herzhaften jüdischen Grundgefühls ein betont hervorgekehrler geradezu abenteuerlicher Optimismus für die zionistische „Politik“ mit versteckter, „verdrängter“ Verzweiflung am Judentum. Es ist die Botschaft des Untergangs, die