Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 20 (15.5.1931)
- Date
- 1931-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 20 15. Mai 1931 18. Jahrgang Revisionistische Politik Zum Hrtikel von Dr. R. Straus Jabotinsky hat in seiner Rede logisch und sachlich aus der Geschichte der Völker und aus dem vergangenen Jahrzehnt jüdisch-zionistischer Politik zu beweisen versucht, daß grundlegende Fehler gemacht worden sind und daß es notwendig ist die Methoden zu ändern. Die Frontstellung ist so: Der Revisionismus will Judenstaatspolitik, ununterbrochene Bearbeitung des offiziellen Englands und der öffentlichen Meinung der Welt in dieser Richtung, immerwährendes Erinnern an das Versprechen Englands: Kurz, er glaubt noch an eine umfassende, politische Lösung der Judenfrage. Auf der anderen Seite heißt die Losung: Infiltration, langsame, gefährliche, wenig aussichtsreiche Kolonisation unter Aufwendung unverhältnismäßig großer Mittel. Nicht als ob der Revisionismus die Kolonisation aufgeben wollte, aber hinter ihr muß eine aktive Staatsidee dem Ansiedlungswerk mächtige Impulse geben. Nicht als ob wir glaubten, die Exekutive denke nicht an das größere Ziel des Judenstaats — aber ihre politische Taktik ist eine solche des Augenblickes, des nächsten Tages, ist eine Vogel-Strauß-Politik des Leisetretens und dagegen wendet sich der Revisionismus. Die endgültige Zielsetzung ist die gleiche, darum konnte Jabotinsky alle Zionisten als Brüder am gleichen Werke begrüßen, konnte er sagen, daß nur die Methoden uns trennen, nicht das Ziel. In ruhiger Sachlichkeit widerlegte er alle diese Argumente gegen den Revisionismus: ob sie nun Militarismus oder Faschismus, Arbeiterfeindlichkeit oder Araberfeindlichkeit, sinnlose Negation oder politisches Vabanque-Spiel heißen. Und gewaltiger Beifall lohnte den Redner. Als Äußerung auf diese große geistige Leistung finden wir nun diesen Artikel des Herrn Dr. R. Straus, der dem Vortrag so wenig gerecht wird, daß es nötig ist, sich ein wenig mit ihm zu beschäftigen. Es ist nur eine große Frage, ob die Revisionisten es nötig haben, sich vor Jabotinsky zu stellen und Angriffe so abwegiger Art abzuwehren. Wir hoffen Gelegenheit zu finden in diesen Blättern gelegentlich ein Bild des Politikers und Kämpfers Jabotinsky geben zu können. Wir glauben nicht, daß diese Art des politischen Kampfes dem Zionismus neue Freunde zuführen wird. — Man wirft Jabotinsky vor, das Hauptproblem als Nebenproblem behandelt zu haben. Hauptproblem ist nach der Meinung des Kritikers die Araberfrage und da duldet er keine andere Meinung. Jabotinsky hat aber diese Frage als Nebenproblem behandelt; er hat es vielfach gesagt, warum es nach seiner Überzeugung so ist. — Für den Kritiker gibt es keine gegenteilige Auffassung — darum ist Jabotinsky für ihn nur ein geschickter Agitator, ein fragwürdiger Politiker. Für den Revisionismus ist aber nun einmal das Araberproblem nicht das entscheidende — die zentrale Aufgabe der jüdischen Politik liegt in London und in Genf und in allen Hauptstädten der europäisch-amerikanischen Welt. Wenn die öffentliche Meinung Englands und der Welt auf unserer Seite, bei der Balfourdeklaration und ihrem ursprünglichen Sinn steht, dann rückt die in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Araberfrage an die zweite Stelle. Und diese Überzeugung wird sich Jabotinsky, der immerhin ein wenig Urteilskraft auch besitzt, nicht nehmen lassen; selbst auf die Gefahr hin als ein widersinniger Agitator apostrophiert zu werden. Wenn man das Bild vom Krankenbett ein wenig variieren darf: Der alte, gute, aber eigensinnige Hausarzt hat Appetitlosigkeit diagnostiziert und behandelt demzufolge. Der hinzugezogene junge, unvoreingenommene Arzt aber sagt: „Magenleiden, nur völlig andere Behandlungsmethoden können retten.“ Aber der alte Arzt weicht und weicht nicht, er will und muß recht behalten. W i r wollen dem alten, eigensinnigen Arzt keinen Kurpfuscher nennen. Es scheint uns auch ein sonderbares Verlangen im Laufe von zwei Stunden alle zionistischen Probleme erschöpfend behandelt zu sehen. An anderer Stelle in der Presse und auch bei seinem Aufenthalt hier hat Jabotinsky noch vieles treffende über das Araberproblem gesagt. Wir werden darüber einmal ausführlich referieren und laden schon hier herzlichst dazu ein. In Wirklichkeit war man ergriffen und konnte sich der fundamentalen Logik nicht entziehen —• aber man will es nicht wahr haben und verdreht das Problem ganz geschickt: Die arabische Gefahr ist riesengroß und weil sie so ist, hat Jabotinsky unrecht — während es in Wahrheit heißen müßte: Die Auffassungen über die arabische Gefahr gehen weit auseinander — Jabotinsky hält sie für geringer und zieht daraus seine politischen Folgerungen. Der Kritiker hält sie für groß und spricht darum Herrn Jabotinsky politisches Verständnis ab. Den Revisionisten geht es bald ähnlich wie den Juden in Deutschland. Man wirft ihnen die sich widersprechendsten Sünden vor. Bald sollen sie nationalistische Militaristen, bald schwunglose Fatalisten sein, und dies letztere deshalb, weil sie nicht glauben, daß „Gott mit den Juden eine Ausnahme macht“. Die jüdische Existenz ist ja schließlich keine ganz einzigartige Erscheinung. Auch andere Völker haben Jahrhunderte eine Diaspora überdauert — auch die Zigeuner existieren. Auf das „Wie“ kommt es an. Der Revisionismus glaubt nun einmal nicht, daß es im Gebiete der praktischen, aktiven Politik für die Juden ein anderes Gesetz des Handelns gibt als für die anderen Völker. Man schlage die jüdische Geschichte auf — man denke an die immer wieder zusammengebrochenen messianischen Bewegungen — hat Gott da eine Ausnahme gemacht? Sie scheiterten, weil die Juden nichts hatten als ihre Begeisterung und ihren Glauben — damit kann man als Paria unter den Völkern durch die Jahrtausende wandern, nicht aber praktische Politik treiben.