Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 19 (8.5.1931)
- Date
- 1931-05-08
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 287 tung eines Bodenfonds. 2. Freie Einwanderung der Kolonisatoren. 3. Schutz der nationalen Wirtschaft durch Protektionszölle. 4. Schutz der Kolonisatoren durch eine Garnison oder Legion. Daß England dieses Kolonisationsregime selbst aus eigenem freien Willen gewährt, kann man nicht erwarten, ebenso wie wir einem Bekannten, der zu uns kommt und uns um eine Gefälligkeit bittet, die uns im Augenblick unbequem ist, erst dann behilflich sind, wenn er uns durch dauernde Vorstellungen quasi dazu drängt, diese Unbequemlichkeit auf uns zu nehmen. Das Gleiche gilt von uns Zionisten. Nur durch Anwendung eines dauernden moralischen Druckes kann England dazu gebracht werden, sein Versprechen uns gegenüber einzulösen. Durch systematische und unaufhörliche Bearbeitung der englischen Regierungskreise ist es möglich, uns Freunde in allen Parteien zu sichern. Auch die Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist nicht zu unterschätzen. Zehn Jahre lang hat die öffentliche Meinung in England von der zionistischen Leitung nichts gehört, als: „Die Lage ist befriedigend“, und hat deshalb auch die Maßnahmen der Regierung gutgeheißen. Es ist natürlich begreiflich, daß nach solchen wiederholten lakonischen Erklärungen das zweifellos vorhandene Interesse der Engländer an unserer zionistischen Sache erlahmte. Nur dadurch, daß wir auch unsere Unzufriedenheit durch Proteste in der Presse, durch öffentliche Reden usw. ausdrücken, kann dieses Interesse wieder wachgerufen und verlorener Boden wiedergewonnen werden. Man wird sich dann auch in der Öffentlichkeit mit unseren Problemen beschäftigen und es wird auf diese Weise möglich sein, wieder neue Freunde zu gewinnen. Die Richtigkeit unserer Methode erhärtete gerade in der jüngsten Zeit ein kleiner Erfolg. Auf den nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Shaw- Kommission entstandenen Proteststurm machte die englische Regierung im MacDonald-Brief einen deutlichen Rückzieher. Wenn dieser Brief auch an der Lage nicht viel änderte, so war er doch in einem viel versöhnlicherem Tone abgefaßt, als wir es bei englischen Dokumenten über zionistische Angelegenheiten in der letzten Zeit gewöhnt waren. Doch nützen alle diese gelegentlichen Duelle nichts, sie müssen durch dauernden Druck ersetzt werden. Die Revisionisten übersehen auch nicht, daß sich dabei Schwierigkeiten in den Weg stellen wrerden, aber sie überschätzen diese auch nicht und glauben, daß durch Änderung der Methoden vieles erreicht werden kann. Im zweiten Teile seines Referates behandelte Jabotinsky die Araberfrage. Er erklärte ausdrücklich, daß er eine etwaige Verdrängung der Araber aus Palästina in jeder Form für absolut unmöglich hält. Es gäbe auch keine Juden, die daran dächten, gegen irgendein anderes Volkstum auf dem Wege der Gewalt vorzugehen. Auch hat die jüdische Kolonisation den Arabern unermeßliche ökonomische Vorteile gebracht. Aber bekanntlich gehören zu gegenseitigen Beziehungen zwei, und die Frage unserer Beziehungen zu den Arabern wird fast ausschließlich bestimmt von der Einstellung der Araber zum Zionismus, d. h. zur jüdischen Kolonisation. Jabotinsky erklärte, daß vom arabischen Standpunkte aus eine augenblickliche freiwillige Versöhnung mit dem Zionismus nicht möglich sei. Eingeborene, gleichgültig ob zivilisiert oder unzivilisiert, haben, wie es die Geschichte beweist, immer hartnäckig gegen Kolonisatoren gekämpft; dabei hat das gute oder schlechte Verhalten der Kolonisatoren nur einen sekundären Einfluß auf das Verhalten der Eingeborenen gehabt und sich höchstens in der Art und Weise der gegenseitigen Bekriegung ausgedrückt. Die Gefährten eines Cortez und Pizarro und auch unsere Vorfahren unter Josua benahmen sich wie Räuber. Aber die englischen und schottischen „Pilgerväter“, die ersten wirklichen Kolonisatoren Nordamerikas waren Leute von hohem ethischen Niveau, die die Bibel nicht nur in der Hand, sondern auch im Herzen trugen und die bei der minimalen Bevölkerungsdichte des Landes mit Fug und Recht glauben durften, daß genügend Platz für die Weißen und die Roten vorhanden sei. Auch unsere zionistische Kolonisation können wir als eine absolut friedliche, ethisch hochstehende und für die Eingeborenen ökonomisch vorteilhafte bezeichnen. Trotzdem haben in beiden Fällen die Eingeborenen gegen ihre Kolonisatoren gekämpft und zwar ganz einfach darum, weil eine Kolonisation dem Eingebornen niemals, nirgends und unter gar keinen Umständen annehmbar erscheinen kann. Jedes einheimische Volk, gleich ob es zivilisiert oder wild ist, betrachtet sein Land als sein nationales Heim, wo es der einzige Herr ist und möglichst für immer bleiben will. Nicht nur neue Wirte, auch neue Mitbeteiligte oder Partner in der Wirtschaft wird es nicht freiwillig zulassen. Die Einbildung mancher Zionisten, daß die Araber freiwillig in eine Verwirklichung des Zionismus einwilligen werden, quasi als Gegenwert für die materiellen Bequemlichkeiten und die ökonomischen Fortschritte, die ihnen der jüdische Kolonisator mitbringt — diese kindische Phantasie stammt aus einer Art voreingenommener Verachtung des arabischen Volkes, das man für fähig hält, seine nationalen Ideale zu verkaufen. Jedes Volk kämpft gegen die Kolonisation und zwar so lange als es noch die Hoffnung hat, die Kolonisatoren eines Tages verdrängen und die Kolonisation vernichten zu können. Zur Beleuchtung des psychologischen Verhältnisses zwischen Eingeborenen und Kolonisator brachte Jabotinsky das Beispiel des Eisenbahnkoupees, welches in seiner primitiven Deutlichkeit wirklich den Nagel auf Kopf trifft. Eine Verständigung mit den Arabern ohne Aufgabe des Zionismus wird daher erst in dem Augenblicke möglich sein, in dem das jüdische Aufbauwerk auch quantitativ derart erstarkt ist, daß ein Angriff auf dasselbe den Arabern als aussichtslos erscheint, und mit dem Konkurrenten, den man durch Kampf nicht los werden kann, setzt man sich bekanntlich gerne an den Verhandlungstisch. Im übrigen hält Jabotinsky auf Grund seiner Erfahrungen eine akute Gefahr für das jüdische Siedlungswerk nicht für gegeben, solange die englische Garnison in ganz Palästina nicht unter die Stärke von 2000 Mann reduziert wird. Außerdem hat gerade der letzte Aufstand bewiesen, daß der palästinensische Jischuw imstande ist, sich wenigstens für einige Zeit selbständig und erfolgreich zu verteidigen. In diesem Zusammenhang beleuchtete er auch die Vorwürfe, die dem von ihm vertretenen „Nationalismus“ und „Militarismus“ gemacht werden. Mit diesen beiden Schlagworten wird von Übelwollenden ein frevelhaftes Spiel getrieben, indem sie diesen Worten je nach Bedarf einen hypertrophierten Inhalt unterschieben. Unser „Nationalismus“ stellt eine Bewegung dar, die es dem seit Jahrtausenden heimatlosen und geknechteten jüdischen Volk ermöglichen soll, zu einem normalen und freien staatlichen Leben auf eigener