Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 18 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Das Jüdische Echo 269 Trommlerparaden immer wieder neue Nahrung zu geben. Der Weg, die erstrebte jüdische Majorität im Lande in 50 oder 75 Jahren — nach Jabotinskys eigener Schätzung! — zu gewinnen, ist nicht der, am Verhandlungstisch immer wieder, wie Jabotinsky es verlangt, auf dieses höchste Ziel hinzuweisen. Es war kein Fehler, sondern politische Klugheit der zionistischen Exekutive, daß sie im allgemeinen solche demonstrativen Erklärungen, die nur Schaden stiften können, unterlassen hat. Die Infiltration jüdischer Kolonisten in Palästina kann nur dann mit wenig Störungen vor sich gehen, wenn sie ohne Trara und Tamtam erfolgt. Herr Jabotinsky dagegen meint, daß sich langfristige politische Geschäfte abrollen wie der Kauf von Handschuhen: England verspricht die Zulassung des Anbaues einer jüdischen Majorität, die Zionisten sorgen für die Einwanderung. Sonst pflegt man selbst in größeren Handelsgeschäften, geschweige denn in politischen, die letzten Wünsche erst kurz vor dem Ziele zu offenbaren. Dazu besteht besonderer Grund, wenn man von ihrer Erfüllung um so viele Jahrzehnte entfernt ist. Man kann nicht annehmen, daß die Kenntnis dieser politischen Selbstverständlichkeit einem so klugen Manne wie Jabotinsky abgeht. Mit der Frage, wie Jabotinsky zu dieser zunächst nur einfach töricht klingenden Forderung kommt, dringen wir ins Geheimnis seiner letzten politischen Weisheit vor. Er beabsichtigt nämlich eine ultimative Politik der „starken Faust“, er möchte „fordern“, so fordern wie nur derjenige es kann, der seine Bataillone zum Vormarsch bereitstehen hat. Aber sollten hierzu nicht auch die Bataillone selbst gehören? Zweifellos: Jabotinsky hat sie zwar nicht, aber er „fordert“ auch sie. Wenn man ausreichende militärische Kräfte bereits besitzt, kann man, wenn man Hazard spielen will, es mit der Faustpolitik versuchen. Aber kann man diese Politik propagieren, wenn man die Kräfte erst „fordert“? Jabotinsky wehrt sich dagegen, des „Militarismus“ und damit der Kriegslust verdächtigt zu werden. Er hat recht. Der kriegerische Militarismus liegt ihm für den Augenblick noch fern, aber dem spielerischen Militarismus, der nahezu ebenso gefährlich ist, ist dieser Schöpfer der jüdischen Legion mit Leib und Seele verfallen. In ganz ähnlicher, aber doch in Anbetracht der Machtmittel des Deutschen Reiches weit gefährlicherer, weniger kindlicher Weise hat der letzte Kaiser seine Regierungsjahre verspielt. Wilhelm II. in russischjüdisch! Und da sollte die Geschichte keine „Ausnahmen“ machen? Innerhalb des Bereiches der Politik im landläufigen Sinne sind die Mittel, die Jabotinsky vorschlägt, so großartig verfehlt, daß sie keine Gefahr darstellen. Mit der größten Deroute dieser Hazardpolitik wäre kein jüdisches Elsaß zu verlieren, denn es ist keines da. Aber etwas anderes, viel größeres, spezifisch Jüdisches könnte verloren gehen, eben das, was die Geschichte mit soviel jüdischem Blut seit zwei Jahrtausenden geschaffen hat, jene Geschichte, auf die Jabotinsky sich sonst zu berufen pflegt. Während die erfolgreichsten Kriegsmaßnahmen, die vielfach zuerst mit Jabotinskys „defensivem“ Militarismus begonnen haben, zu Mißerfolg und Untergang führten, steht das machtlose Volk Israel in einem Glanze da^'wie wenige andere Völker der Welt. Herr Jabotinsky und seine Freunde können diesen Glanz nicht sehen. Sie sehen nicht, daß das jüdische Volk bis heute seinen Fortbestand und seine Fortentwicklung nicht den patriotischen „Dolchmännern“ verdankt, die die Stadt Jerusalem mit Todesmut verteidigten, sondern jenen Männern, die im Sinne des Bibelworts lebten: „Nicht mit Heeresmacht und nicht , mit Körperkraft, sondern mit meinem Geiste, spricht der Herr.“ Der Agitator Jabotinsky hat uns einen sehr genußreichen Abend verschafft. Er hat uns gezeigt, daß die Agitation am besten bei den großen Rednern und die Politik am besten bei den sachlich Urteilenden aufgehoben ist. Dr. Raphael Straus. Die Studentenkonferenz in Nyon Auseinandersetzung über Judenfrage und Antisemitismus Assimilatorische, zionistische und antisemitische Referate Auf der zweiten internationalen Studentenkonferenz, die vom Weltstudentenwerk (International Student Service) einberufen und am 13. April abends in Nyon eröffnet wurde, hielt der Dekan der theologischen Fakultät der Genfer Universität, Prof. Auguste Gampert, eine Ansprache, in der er die besonderen Schwierigkeiten der jüdischen Frage hervorhob. Die Schweiz, auf deren Boden die Konferenz abgehalten wird, sei das Musterbeispiel eines Landes, dessen Bewohner ungeachtet ihrer Verschiedenheit nach Glauben, Volkszugehörigkeit und Weltanschauung in Frieden und Brüderlichkeit Zusammenleben. Die Konferenz befaßte sich am zweiten Verhandlungstage mit der Frage der Stellung der jüdischen Studenten an den europäischen Universitäten. Das einleitende Referat hielt der Leiter der Kulturabteilung des Weltstudentenwerkes, James Parkes, der u. a. ausführte: Die jüdische Hochschulfrage ist ein modernes Problem. Im Mittelalter wurden christliche Universitäten von Juden nicht besucht. Diese besaßen ihre eigenen rabbinischen Hochschulen, an denen ihnen in der Regel viel größere Bildungsmöglichkeiten geboten war. Erst im 19. Jahrhundert begannen die Juden die europäischen Universitäten zu besuchen, und am Ende des 19. Jahrhunderts entsteht der Hochschulantisemitismus. Ursprünglich eine politische Bewegung, hat dieser unter dem Einfluß der rassenantisemitischen Theoretiker, u. a. Houston Stuart Chamberlains, den Charakter einer Rassenbewegung angenommen. Nach dem Krieg tritt eine Verstärkung der antisemitischen Bewegung ein, die sich zwar noch immer auf politische und Rassenlösungen beschränkt, deren wichtigste Triebkräfte aber wirtschaftlicher Natur sind. Der Redner befaßt sich sodann mit den verschiedenen Anschuldigungen, die von antisemitischer Seite gegen die Juden vorgebracht werden. Das Hauptübel erblickt der Referent in der Tatsache, daß Anklagen gegen jüdische Individuen oder Gruppen auf das gesamte jüdische Volk ausgedehnt werden. Sodann geht er auf die historischen Ursachen ein, die zu einer Konzentrierung der Juden in bestimmten Berufen geführt haben. Im Zusammenhang mit einer Besprechung der Überproduktion an Intellektuellen bei den Juden erwähnte er auch die auf berufliche Umschichtung gerichteten Bestrebungen. An der nunmehr folgenden Debatte nahmen jüdische und nichtjüdische Studenten teil. Besonderes Interesse erweckten die Ausführungen des deutschen Delegierten Schmadel, der Jahre hindurch Führer der gesamten deutschen Studentenschaft war. Er führte u. a. aus: Der Antisemitismus trat an den deutschen Universitäten erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf. Damals begannen die Juden in alle Gebiete