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Das jüdische Echo · 1931-05-01 · 18 (1.5.1931) · p. Seite 268

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
18 (1.5.1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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268 Das Jüdische Echo Nr. 18 Es ist wahrscheinlich richtig, daß die von Jabotinsky bekämpfte zionistische Parteileitung die englische Bereitwilligkeit viel zu optimistisch betrachtet hat. Es ist auch sicher richtig, daß der Redner selbst — wie mancher andere gleichfalls — dies schon seit geraumer Zeit erkannt und ausgesprochen hat. Aber es ist nicht richtig, daß die Gegenmittel, die er seit Jahren unentwegt empfiehlt, beträchtliche Wirkung versprechen. Diese vermeintlichen Gegenmittel, das heißt Protest und wieder Protest, Vorstellung und wieder Vorstellung bei der englischen Regierung, der englischen Öffentlichkeit und dem Völkerbund, hätten solange ohne Wirkung bleiben müssen, als die Krankheit selbst, also das Araberproblem, nicht in Behandlung genommen war. Damit sprechen wir schon von den sachlichen Mängeln des Vortrags. Jabotinsky legte besonderen Wert darauf, daß er eine illusionslose „Realpolitik“ erstrebe. Immer wieder erklärte er es als das Gebot der Stunde, sich vor „Übertreibung“ wie vor „Unterschätzung“ in gleicher Weise fernzuhalten. Immer wieder versicherte er: so ist die Welt nun einmal und „Gott macht für die Juden keine Ausnahme“. In diesen Ausführungen lag, wenn man sich durch das bloße physiche Temperament des Redners nicht täuschen ließ, eine Schwunglosigkeit, daß man sich in fataler Weise an die deutsche Politik der Ära Biilow erinnert fühlte. Die ganze jüdische Geschichte ist nichts anderes als eine solche „Ausnahme“, deren Möglichkeit Jabotinsky leugnet. Jeden Tag bringt der Reichtum der schaffenden Natur solche Ausnahmen in Fülle hervor. Kein Mensch, kein Volk, kein Schicksal gleicht dem anderen. ,Erst recht gleicht keine Kolonisation der anderen. Gerade bezüglich der Kolonisation brachte Jabotinsky eine Anzahl vermeintlich beweiskräftiger Beispiele vor. Aber leider bewiesen sie das Gegenteil. Niemals in der Geschichte, erklärte er wiederholt und mit Emphase, hat es eine friedliche Kolonisation gegeben. Die Cortez und die Pizarro. die Holländer und die Iren in Amerika, die Engländer, Franzosen und Deutschen in Afrika und Asien stießen bei jeder Kolonisation auf die bewaffnete Gegenwehr der Eingeborenen und mußten darum selbst zu den Waffen greifen. Darum sei auch die Gegenwehr der Araber gegen die jüdische Kolonisation Palästinas selbstverständlich und unvermeidlich. Nehmen wir vorerst einmal an, diese Analogien seien richtig — sie sind in Wirklichkeit völlig verfehlt —, selbst dann käme man zu völlig anderen Folgerungen als Jabotinsky. Dann nämlich, wenn die Abwehr der Araber unvermeidlich wäre, dann könnte die jüdische Kolonisation nur unter dem Schutz britischer Kanonen erfolgen, die ihr nicht zur Verfügung stehen, d. h. sie wäre aussichtslos. Aus Jabotinskys eigenen Auffassungen — wenn sie richtig wären — ließe sich niemals Grund zu seinem hundertprozentigen Optimismus, sondern allein zu einem neunundneunzigprozentigen Pessimismus folgern, ln einer außerordentlich geschickten, aber gar zu wendigen Art hat Jabotinsky diesen Sachverhalt verschleiert. Er bezeichnet die „arabische Gefahr“ als eine starke Übertreibung; seien doch bei den Kämpfen im August 1929 gegenüber 120 Juden —■ wovon die Hälfte wehrlose Rabbiner und Talmudschüler — auch 106 wehrfähige Araber gefallen! Jabotinsky hätte vielleicht recht, wenn wirklich der palästinensischen Kolonisation nur die palästinensischen Araber gegenüberständen, ln Wirklichkeit gibt es aber seit Jahren eine panarabische Bewegung, und diese ist leider auch gegen die jüdische Palästinakolonisation bereits mobilisiert worden. Dergleichen geht ja heute, wo die Schlagwörter sich mit Windeseile verbreiten, ungeheuer schnell. Dieser Sachverhalt ist Herrn Jabotinsky genau bekannt. Durfte er ihn verschweigen? Durfte er unter solchen Umständen behaupten: 2000 Mann, die die Ruhe im Lande sichern, genügen, um die arabische Abwehr der jüdischen Kolonisation hintanzuhalten? Wenn wirklich die militärische Abwehr, wie Jabotinsky unter Berufung auf die Kolonisation im Laufe der Geschichte behauptet, eine Notwendigkeit wäre, dann wäre ein hundertprozentiger, aber auch nur ein fünfzigprozentiger Optimismus nichts anders als eine reine Pose. Die britische Regierung, die die Kolonisation gegen den Willen der viele Millionen starken mohammedanischen Bevölkerungen des Empire durchsetzen wollte, würde sich an ihrer nächsten Aufgabe, der Regierung des Empire, erheblich versündigen. So lägen die Verhältnisse, wenn Jabotinskys Behauptung wahr wäre, daß jede Kolonisation die blutige Abwehr der Landesbewohner hervorrufen muß. Aber ist es wahr? Lehrt die Geschichte wirklich diese angebliche Unvermeidlichkeit? Nein. Sie lehrt aber folgendes: Wenn’die Kolonisatoren als Eroberer ins Land kamen, wie Cortez, und dessen Gold und Sklaven mitnehmen — wenn sie durch Bedrückung und Ausbeutung der Bevölkerung (Holländische Compagnie in Indien, Indianerpolitik in den U.S.A.) den Widerstand hervorriefen, dann waren sie zur Gegenwehr genötigt. Anders war es dagegen bei der Kolonisation der Iren in den U.S.A., vor allem aber derjenigen der Juden selbst in den west- und mitteleuropäischen Ländern, während eines vollen Jahrtausends (bis etwa 1000 n. Chr.). Wäre eine friedliche Verständigung mit den Arabern wirklich ernsthaft versucht worden und wäre sie nachhaltig und nach menschlichem Ermessen endgültig mißglückt, erst dann wäre Jabotinskys fragwürdiger Fatalismus berechtigt. Es war ein folgenschwerer Fehler der zionistischen Organisation, daß sie die Notwendigkeit einer Verständigung mit den Arabern in blindem Vertrauen auf England nicht ins Auge faßte. Gerade von diesem Fehler hat Jabotinsky in seiner sonst so herben Kritik nichts erwähnt, sondern sich auf die viel geringeren bloß taktischen Fehler beschränkt. Wenn wirklich jede andere Kolonisation unter Gewaltanwendung erfolgt wäre — was in dieser Allgemeinheit behauptet falsch ist — so hätte doch die jüdische Kolonisation ein anderes Gesicht. In den vierzig Jahren, in denen von 1880—1920 eine nur langsam fortscheitende, aber doch immerhin lebenskräftige Kolonisation in Palästina bestand — Tel-Awiw, das Wahrzeichen des jüdischen Palästina, war schon damals eine ansehnliche Stadt-—, gab es keine arabische Gegenwehr. Diese kam erst dann, als der Rausch der Balfour-Deklaration, bei Leuten, die nicht warten wollten, eine nationalistische Aufputschung der Kolonisation hervorrief, die bei den Arabern Argwohn erregen mußte. Es ist zweifellos unbillig, die Schuld an diesen großen Torheiten, wie man es getan hat, bloß den Revisionisten, d. h. Jabotinskys Gefolgschaft, beizumessen. Man darf nicht vergessen, daß die politischen Aufgaben mit der Balfourerklärung über Nacht einem Volke aufgeladen wurden, das seit Jahrtausenden keine Politik gekannt hatte und wahrscheinlich wenig natürliche politische Begabung besitzt. Aber, so sagte Herr Jabotinsky mit Recht, man kann doch zulernen und braucht begangene Fehler nicht zu wiederholen! So ist es! Darum ist es das einzig richtige, nicht weiterhin dem arabischen Argwohn durch propagandistische

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