Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 18 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 18 1. Mai 1951 18. Jahrgang Jabotfnskys Vortrag Die Redaktion des „jüdischen Echo“ hat, um eine allen Seiten gerecht werdende Berichterstattung über den Vortrag Jabotinskys zu gewährleisten, einen Freund und einen Gegner seiner Anschauungen um Äußerungen gebeten. Ausführlich liegt heute leider nur der Bericht vor, der sich mit einer Schärfe und mit Argumenten gegen die revisio-' nistischen Auffassungen wendet, die keineswegs Gemeingut der nichtrevisionistischen Zionisten sein dürften. Jedoch wird gerade nach Vorliegen auch des revisionistischen Artikels die Abwägung der gegensätzlichen .Standpunkte ein richtiges Bild der Sache und der Persönlichkeit Jabotinskys vermitteln können. D. Red. Am Samstag, dem 25. April, sprach vor einer ungewöhnlich großen jüdischen Flörerschaft im vollbesetzten Konzertsaale des „Bayerischen Flofes“ der Führer der Zion.-Revisionistischen Bewegung, Vladimir Jabotinsky. Sein Name und seine große Vergangenheit als Politiker und Kämpfer lockten nicht nur Zionisten, sondern in viel höherem Maße die jüdische Öffentlichkeit Münchens an. Eine ausführliche Besprechung des Inhaltes dieses Vortrages erfolgt unsererseits in der nächsten Nummer des „Jüdischen Echo“. Heute in aller Kürze unser Eindruck: Wohl selten hat ein Vortrag in München eine so einhellige und begeisterte Aufnahme gefunden. Hat der Vortragende doch an die brennendsten Probleme des Zionismus und darüber hinaus der gesamten jüdischen Existenz gerührt und als einer der ganz wenigen jüdischen Führer der Gegenwart Wege in die Zukunft gezeigt. Fern von jeder persönlichen Aggressivität zeigte er die Irrwege der zionistischen Politik der Nachkriegsjahre und stellte ihnen — vornehm und sachlich —■ die gegensätzliche Anschauung des Revisionismus gegenüber. Hier sprach ein Mann, der es verstand, der zionistischen Bewegung neue Freunde zu gewinnen, weil er der passiven und schönfärberischen Politik der letzten Jahre ein in allen Einzelheiten positives und reales Programm entgegenzusetzen vermochte. Wir können mit Genugtuung buchen, daß es über den Vortrag im wesentlichen nur eine Meinung gab: Es war das größte zionistische Ereignis der letzten Jahre in München. Münchener Gruppe der Zion.-Revisionisten „Realpolitik66 Zum Vortrag VI. Jabotinskys Ein kluger Mann hat mir einmal gesagt: Ein wirklich ganzer Kerl ist eo ipso auch ein guter Redner. Es ist etwas Wahres daran. Aber umkehren kann man das Wort nicht. Nicht jeder Redner ist auch ein fähiger Mensch. Aber von Jabotinsky, den wir soeben in zweistündigen Ausführungen hören durften, gilt vielleicht sogar die Umkehrung. Das männliche Temperament, die große Gewandtheit, die Wärme und Uubeirrtheit, mit der er seine Gesinnung vertrat, überzeugten den Flörer von den Eigenschaften des Menschen Jabotinsky, der hinter seinen rednerischen Ausführungen stand. Dieser Umstand versöhnt damit, daß diese Ausführungen selbst, nach Aufbau und Inhalt, in höchstem Grade anfechtbar waren. Von diesen Mängeln soll infolge einer freundlichen Einladung der Redaktion in folgendem gesprochen werden mit derselben sympathischen Aufrichtigkeit, die Herr Jabotinsky selbst besitzt und darum auch beanspruchen darf. Warum war der Aufbau des Vortragenden fragwürdig? Weil er nicht den Erfordernissen der Sache, sondern den Erfordernissen agitatorischer Geschicklichkeit entsprach. Der Vortrag zerfiel in zwei Teile: 1. Die Zionisten und die Briten, 2. Die Zionisten und die Araber. Beide Betrachtungen erfolgten völlig unabhängig voneinander und überdies mit völlig verschiedenen Mitteln. Der erste Teil wurde mit einer gewissen Gründlichkeit behandelt, die an einigen Stellen bis ans Zitieren reichte. Der zweite Teil erfuhr nur eine völlig summarische Behandlung im Plauderton; ihre Stütze war fast gar nicht die vorgebliche nüchterne Thtsachenbetrachtung. sondern eine Fülle stets hübscher und meistens falscher Anekdötchen und Analogien. Hiervon soll in folgendem noch mehr gesagt werden. Wegen dieser Mängel entsprach die Behandlung nicht den Erfordernissen der Sache. Aber warum glauben wir, ihre agitatorische Geschicklichkeit rühmen zu dürfen? Darum, weil der Redner — sachlich völlig widersinnig — die Hauptaufgabe zur Nebensache machte und umgekehrt. Die Hauptsache ist die Araberfrage, über die der Redner nur wenig Einleuchtendes zu sagen wußte. Die Nebensache hingegen, auf die er an erster Stelle und mit großer Gründlichkeit einging, sind die zionistischen Beziehungen zu der englischen Regierung. Diese haben sich nur darum so fragwürdig gestaltet, weil es eine Araberfrage in Palästina gibt. Diese Frage ist die Grundlage und hätte zuerst und mit gebührendem Ernst behandelt werden müssen. Dagegen ist der Konflikt mit der englischen Regierung nur eine Folge und nichts anderes als ein bloßes Symptom. Wenn Jabotinsky dieses Symptom in den Anfang seiner Erörterungen stellte und mit besonderem Nachdruck behandelte, dagegen der Krankheit erst nachher geringere Aufmerksamkeit widmete, so handelte er — ich hatte den Eindruck — nicht mit Bewußtsein, sondern aus einem bewundernswerten agitatorischen Instinkt heraus. Das verpflichtet zu einer besonderen Vorsicht gegenüber seinen Ergebnissen. Er handelte wie der Kurpfuscher, der die Appetitlosigkeit des Kranken mit großem Aufwand bekämpft, und das Magenleiden hinter dieser Betriebsamkeit zurücktreten läßt. Durch diese künstliche Schaffung von zwei Problemen, wo in Wirklichkeit nur eines vorliegt, kam Jabotinsky in die angenehme Lage, gleich zu Anfang seiner Erörterungen einige treffende Worte über das Symptom, die Appetitlosigkeit, zu sagen und sich den Ruf eines tüchtigen Arztes zu sichern.