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Das jüdische Echo · 1931-04-17 · 16 (17.4.1931) · p. Seite 244

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
16 (17.4.1931)
Date
1931-04-17
Page
Seite 244 (sequence 12)
Language
German
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244 Das Jüdische Echo Nr. 16 Kleiderherstelluug tätig gewesen, darunter trifft ein rundes Drittel auf Ausländer. Noch stärker sind diese in der Schuhmacherei und Schuhindustrie beteiligt, denn von den 1976 darin Beschäftigten waren 44 Prozent Ausländer. Eine geradezu überwiegend ausländische Branche ist die Kürschnerei und Rauchwarenzurichtung. Dort waren 54 Prozent der 939 Beschäftigten nicht' deutsche Juden. Weit unter dem Durchschnitt dagegen ist der Anteil der Ausländer im Bank- und Börsenwesen, wo nur 9 Prozent Ausländer sind. Noch schärfer ist dieses Verhältnis bei dem Fleischereigewerbe, bei 4000 hier beschäftigten Juden sind nur 214 Juden, die Ausländer sind. Von den 1526 in der Verwaltung, der Rechtspflege und im Strafvollzug tätigen Juden waren naturgemäß nur wenige, nämlich 46 Ausländer. IV. Berlin und Frankfurt Berlin ist ein altes jüdisches Zentrum. Silbergleit geht zurück bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts und stellt dort einen Anteil der Juden mit annähernd 2 Prozent fest, und um diesen Anteil hat lange Zeit der jüdische Einschlag in der Fandeshauptstadt —- und zwar etwa 100 Jahre — gependelt, also bis etwa in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Von da ab steigt der Prozentsatz ständig; bei der letzten Volkszählung — im Jahre 1925 — bekannten sich etwa 5 Prozent der Berliner Bevölkerung (173 000) zum Judentum. Die überragende Bedeutung der Berliner Großgemeinde für das preußische Judentum geht daraus hervor, daß über 40 Prozent dort vereinigt waren. Gegenüber diesem Ansteigen tritt Frankfurt immer mehr zurück. Die letzte Volkszählung hatte mit 29 385 Juden einen Anteil von 6,3 Prozent ermittelt, während in früheren Jahrzehnten der Anteil teilweise bis auf 10 Prozent gereicht hatte. Iri der Zwischenzeit scheint Berlins Judenheit weiter gestiegen, die Frankfurter aber relativ und absolut eine nicht unerhebliche Abnahme erfahren zu haben. Immerhin ist Frankfurt auch heute noch die zweitgrößte preußische und damit auch die zweitgrößte deutsche Gemeinde. Erst nach einem gewissen Abstand folgt in Preußen mit 23 000 Juden Breslau und mit 16 000 Köln. Wenn man nun die Frankfurter Verhältnisse näher ins Auge faßt, so hat man den Eindruck, daß auch hier die Überalterung außerordentlich beträchtlich ist, indem etwa nur 27 Prozent der jüdischen Bevölkerung unter 20 Jahren war, gegenüber 36 Prozent bei der Gesamtbevölkerung. Auch in Frankfurt war — zum mindesten 1925 — der Anteil der ausländischen Juden mit 5753 außerordentlich groß: auf vier inländische Juden kam ein ausländischer Jude; in der Zwischenzeit mag das Verhältnis sich freilich durch die starke Abwanderung etwas verschoben haben. Die Frankfurter Ziffern ermöglichen aber die weitestgehenden praktischen Rückschlüsse für die Gemeindepolitik. Unverkennbar ist die hier ansäßige Judenschaft derartig gegliedert, daß die Zahl der jüdischen Schüler in den nächsten Jahren sehr stark abnehmen muß, daß ferner die Zahl der Eheschließungen scharf sinken wird und im Zusammenhang damit die äußerst spärliche Geburtenziffer erneuten Rückgang erfahren muß. Umgekehrt aber muß man auf ein ständiges Ansteigen der Sterbefälle rechnen, da gerade die hohen Altersklassen bei den Juden in Frankfurt ungewöhnlich stark besetzt sind. Es sind wenig mehr als Stichproben, die hier aus dem Silbergleitschen Werk gegeben werden konnten; es wird nun Sache der Gemeinden und sonstigen an jüdischen Dingen interessiertejn Personen sein, auf Grund des Werkes die notwendigen Rückschlüsse für ihre Politik zu ziehen. Darüber freilich muß man sich klar sein, daß auch dieses Werk die außerordentlich bedrohliche Situation der deutschen Judenschaft unterstreicht und bestätigt. Jude oder Europäer Porträt von Georg Brandes von Henri Nathansen (Verlag Rütten & Foeningr Frankfurt am Main). Diese Biographie des großen dänischen Fiteraturkenners und -Entdeckers trägt mit vollem Recht den Haupttitel „Jude oder Europäer“. Denn von der Tatsache seiner jüdischen Abstammung und den daraus entspringenden Konflikten her erklärt Nathansen den Menschen Brandes, dessen Wesen er in ganz eigenartiger Weise deutlich macht. Das Buch ist nämlich keine vollständige Biographie im herkömmlichen Sinne, sondern setzt mosaikartig aus vielen Zeugnissen einer engen Freundschaft, Briefen und persönlichen Erinnerungen, ein in höchstem Maße lebendiges Gesamtbild der Persönlichkeit voti Brandes zusammen. Man kann vom jüdischen und zionistischen Gesichtspunkt aus den Wert dieses Buches nicht hoch genug einschätzen. Denn es gibt — in ähnlicher Weise wie Theodor Fessings Buch „Der jüdische Selbsthaß“ — einen äußerst aufschlußreichen praktischen Beitrag zu einer Frage, deren theoretische Behandlung leicht zu lebensfernen Abstraktionen führen kann: zu dem Problem der Zugehörigkeit des Juden zu der Kultur- und Febensgemeinschaft des Volkes, in dem er lebt. Daß Brandes, der Vorurteils- und respektlose, an keine Tradition gebundene Jude, in seinem Vaterland nur auf Verständnislosigkeit und Ablehnung stieß, erzeugte in ihm eine Verbitterung, die sich in seinem Charakter aufs stärkste ausprägt. Wie sich diese Ächtung in seiner Stellung zum Judentum auswirkt, dafür gibt Nathansen unzählige Belege, nicht aus einer bestimmten Tendenz heraus, sondern in der richtigen Erkenntnis, daß hier das zentrale Problem in Georg Brandes’ Feben liegt. Mit leidenschaftlichem, oft hysterischem Haß reagiert er auf alles, was ihn an seine jüdische Abstammung erinnert, die ihm nichts bedeutet, als ein unbegreifliches Vorurteil der Umwelt. Sein Feben ist Flucht vor dem Judentum, Flucht in die Arbeit, in das Reich der Erkenntnis, Flucht in die Idee des Europäertums, aber auch Flucht im wörtlichen Sinne, in dem friedlosen Umherjagen von Ort zu Ort. „Immer zorniger, immer wilder, immer schneidender wird sein Protest, so daß er mit den Jahren zu einer Art Verfolgungswahn steigt, der in den Ohren von Juden und Nichtjuden schnarrend nach Abfall und Verleugnung klingt. — Ein heimatloser, wurzelloser, ja friedloser Ton schleicht sich in sein Feben und seine Arbeit ein, seine Arbeitslust und seine Arbeitsfähigkeit steigern sich zu einem fieberhaften Kampf, die wilde Unruhe des Gemüts zu verscheuchen, ein gejagter, ja gehetzter Zug seelischen Feidens verzerrt seine Physiognomie, wenn die jüdische Frage seine Nerven streift.“ Daß er in spätester Zeit in einem Aufsatz „Das neue Judentum“ (Nathansen bezeichnet ihm irrtümlich als bisher unveröffentlicht, er ist jedoch bereits in „Der Jude“

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