Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-04-17 · 16 (17.4.1931) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
16 (17.4.1931)
Date
1931-04-17
Page
Seite 242 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9176169--11652-9083723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

242 Das Jüdische Echo Nr. 16 auf seinem Boden angesiedelten Kolonisten werden nunmehr nach dem Muster der vor kurzem im Distrikt von Reclioboth geschlossenen Verträge auch in den Nationalfonds-Siedlungen der Pflanzungszone abgeschlossen. Die Kontrakte zwischen den Siedlern der bei Reclioboth gelegenen neuen Kolonien Beth Hanan und Vatikin und dem Nationalfonds wurden bereits unterzeichnet. Den Vertragsbestimmungen zufolge ist von den Siedlern in den ersten fünf Jahren nach Übernahme des Bodens bloß ein unbedeutender Anerkennungszins zu entrichten. ln der Folgezeit beträgt der Pachtschilling zwei Prozent des Bodenwertes. Der Vertrag ist ein Erbpachtsvertrag, Rechte und Pflichten gehen automatisch auf die Erben des Siedlers über. Die Nebi-Musa-Prozession in Jerusalem Jerusalem, 17. April. (JTA.) An der anläßlich des Nebi Musafestes veranstalteten Wallfahrt zu der bei Jericho gelegenen Stätte, an der die Mohammedaner das Grab Mosis vermuten, nahmen viele Tausende Araber teil. Der Zug bewegte sich in feierlicher Prozession durch die Straßen Jerusalems, in denen über 10 000 Zuschauer, vorwiegend schwarz gekleidete und verschleierte mohammedanische Frauen, das Schauspiel verfolgten. Es wurden wilde judenfeindliche Rufe laut, die an die Tage des Massakres im August 1929 erinnerten. Viele Pilger riefen: „Schlagt, verwundet und tötet ohne Furcht.“ Andere beschränkten sich darauf, „Nieder mit der Balfour-Deklaration und dem Mandat“ zu rufen. Die Behörden hatten außerordentliche Maßnahmen zur Verhütung des Ausbruchs von Unruhen getroffen. Ein Heer von Polizisten war auf den Beinen, Panzerwagen versperrten den Zugang zur Jaffastraße und starke berittene Polizeikräfte eröffneten und beschlossen den Pilgerzug, um vor allem die tanzenden Derwische, die den verdächtigsten Teil der Prozession bildeten, im Auge zu behalten. Nur der Wachsamkeit der Behörden ist es zu danken, daß es nicht zu dem befürchteten Zusammenstoß zwischen Anhängern und Gegnern des Mufti kam. Immerhin war die Erregung der beiden Parteien außerordentlich stark, und so oft ein Anhänger des Großmufti ein Hoch auf diesen auszubringen versuchte, kam er über die Worte „Lang lebe ...“ nicht hinaus. Er wurde dann durch Rufe wie „Der böse Geist fahre in den Vater des Mufti!“ niedergeschrien. Die Pilger übernachteten auf dem Platze vor der Omar-Moschee und vereinigten sich am nächsten Tage mit den Pilgerzügen aus Lifta und Ain Karen. Professor Ahroni in Kiryaten eingetroffen Jerusalem, 13. April. (JTA.) Dr. Sclilößinger, der stellvertretende Kanzler der Hebräischen Universität hat von Prof. Ahroni, der eine wissenschaftliche Expedition in die syrische Wüste unternommen hatte und seit einiger Zeit als verschollen galt, ein Schreiben erhalten, aus dem hervorgeht, daß der Gelehrte und seine Gattin wohlbehalten in Kiryaten eingetroffen sind. Großer Erfolg der Habimah in Ägypten Jerusalem, 10. April. (JTA.) Das Habimah- Ensemble hat soeben eine ungemein erfolgreiche Gastspieltournee durch eine Reihe von Städten Ägyptens abgeschlossen. Die Habimah hatte fast überall ausverkaufte Häuser. Die Vorstellungen wurden vom Publikum mit Enthusiasmus aufgenommen. Der Zeppelin über Jerusalem Jerusalem, 11. April. (JTA.) Unter dem Jubel der Bevölkerung überflog am Sonnabend das Luftschiff „Graf Zeppelin“ die Stadt Jerusalem. Das Luftschiff senkte sich so tief herab, daß es fast die Dächer der Gebäude dis Hauptbüros der Jewish Agency und des Postamtes berührte. 43 Autobusse in Tel-Awiw verbrannt — Der Verkehr lahmgelegt Jerusalem, 11. April. (JTA.) In der Nacht vom Freitag auf Samstag wurden 43 Autobusse in Tel-Awiw durch Feuer vernichtet. Der Verkehr in der Stadt ist hierdurch fast völlig lahmgelegt. Die Ursache des Brandes ist bisher unaufgeklärt. Der Schaden wird auf 20 000 Pfund geschätzt. III | Feuilleton | II IIIIIIIIIIIIIIIIII Ein jüdisches Standardwerk Von Ernst Kahn Im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt finden wir den folgenden bemerkenss werten Artikel. Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte — das Charakterbild nämlich des Juden. Daß die anderen, die Nichtjuden, in ihrem Urteil schwanken ist begreiflich — denn woher sollen sie die Tatsachen kennen? Wie aber steht es mit unserem eigenen Urteil? Was wissen wir denn über uns? Weniger, wesentlich weniger als wir uns vielleicht einbilden. Fast jeder urteilt auf Grund seines zufälligen und immer beschränkten Gesichtskreises. Niemand unter uns war bisher imstande, die Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit zu überblikken und zu ordnen. Heute kann man das. Und das ist das Verdienst der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und des Altmeisters der Statistik, Prof. Dr. Heinrich Silbergleit. Aus seiner Feder nämlich liegt der erste Teil eines schon äußerlich imponierenden Standardwerkes vor über die Bevölkerung und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich (dieser I. Teil umfaßt das wichtigste Gebiet unseres Vaterlandes, den Freistaat Preußen). Statistik ist weder populär noch allzu angesehen. Man traut ihr nicht. Begreiflich genug. Denn wie wird 'diese Wissenschaft mißhandelt und mißbraucht von Parteigängern und vor allem von Ignoranten: Einwandfrei Statistik zu treiben erfordert neben einem selten anzutreffenden charakterfesten Willen zu häufig unbequemen Arbeiten eine noch viel seltener vorhandene Kenntnis der Methoden und der hinter den Zahlen verborgenen Wahrheit, d. h. also: ein ungeheures Maß von Fleiß, wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Erfahrung. Wir können uns beglückwünschen, daß ein Mann, der alle diese Eigenschaften in sich vereinigt, der langjährige Direktor des Berliner Statistischen Amtes, mit der Paarung eines Blickes für das Wesentliche und einer bewundernswerten Liebe für die Akribie, uns, die deutschen Juden, zum Objekt seines Forschungswillens gewählt hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.