Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- Seite 229 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 229 gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen? Bietet die Bewegung ihren Gegnern nur so schmale Angriffsflächen, wie ihre vage formulierte und schwankend ausgelegten Programmsätze es sind? Man kann doch erkennen, daß die Bewegung in dem entscheidenden Punkt, der Innenpolitik,, in der Arbeiterfrage, die Arbeiterschaft hintergeht. Unruh erkennt das auch und spricht es aus. Aber wie soll er und wie soll die „Frankfurter Zeitung“, in der die Aufsätze zuerst erschienen sind, in dieser Sache vorgehen? Unruh und die „Frankfurter Zeitung“ sind weder christlich-gewerkschaftlich noch sozialistisch in irgendwelcher Tönung. So begnügen sie sich denn mit leisen Warnungsrufen an die Adresse der Arbeiterschaft. Laute, überzeugte, wütende Entrüstung hören wir von dieser Seite her vielleicht gegen den Radauantisemitismus protestieren. (Unruh hält übrigens auch hier viel Maß.) Aber solcher Protest ist noch kein wirksamer Kampf gegen den Nationalsozialismus. Denn hier sind ihrerseits die Mittel¬ und Linksparteien gelassen. Hier hat der Nationalsozialismus nichts ernstlich zu befürchten; darum wird er hier auch deutlicher, als in der anderen Frage! Herr von Unruh aber ist sicherlich sofort und entschieden gegen jeglichen Radau, während man über Antisemitismus wird lange mit ihm diskutieren können. Und mit dem jüdischen Volk könnte man, wenn es dergleichen Aussprachen gäbe, ebensolange über soziale Fragen diskutieren. Es bejaht auch mancher von uns Juden einen primitiv-konsequenten Nationalismus. Um so diskutabler wird der Nationalsozialismus! Wenn man überhaupt nationalistisch denkt, ist man heute fast gezwungen, Primitivitäten mit in Kauf zu nehmen; denn gemessen an der Unfähigkeit der Masse ist der Nationalismus noch blutjung. So ist denn heute weder spezifisch jüdischer Kampf gegen den Nationalsozialismus möglich, noch hat es — ebenfalls heute — Aussicht auf beträchtlichen Erfolg, wenn man nichtjüdische Mitkämpfer anfordert. Herrn von Unruh müssen wir für seine menschlich feine Gesinnung aufrichtige Anerkennung zollen; ihm für etwas zu danken, besteht kein Anlaß. Vielleicht kommt es auf irgend einer Etappe des Kampfes gegen den Antisemitismus zu einem Bündnis zwischen Parteien und Gruppen, . die aus verschiedenen Gründen gegen den Nationalsozialismus sind. Eine Voraussetzung dafür aber ist — wenn auch nicht gerade der Geist Goethes und Kants — Klarheit, weit stärkere Klarheit über die eigene Stellung, als sie sich bei Herrn von Unruh oder sonst in den Spalten der „Frankfurter Zeitung“ gegenwärtig findet. F. P. Religionsgesellschaften und Weltanschauungs- Vereinigungen im Volksschulrecht. Von Dr. Max Stiefelzieher. Preis RM. 6.—. Verlag B. Heller, München, Plinganserstraße 64. Die schwierigen Fragen des Volksschulrechts nach der Reichsverfassung haben schon nach verschiedenen Richtungen ihre Darstellung gefunden; doch sind dabei eine ganze Reihe von Problemen, namentlich soweit die Religionsgesellschaften, und unter diesen die jüdische, und Weltanschauungsvereinigungen betroffen sind, unerörtert geblieben. Die vorliegende Arbeit unternimmt es nun erstmals, das auf diesem Gebiete geltende Recht erschöpfend darznstellen. Im ersten Hauptteil werden, nach, einer guten historischen Einleitung, der Grundsatz der ausführlichen staatlichen Schulverwaltung nach dem Prinzip des Art. 144 der Reichsverfassung mit der geschlossenen Zahl von sieben Ausnahmen, dann die Rechte der Religionsgesellschaften in der Verwaltung des Volksschulwesens nach dem bayerischen Konkordat vom 29. März 1924 behandelt. Der zweite Hauptteil, der der Arbeit ihre Sonderbedeutung gibt, hat zum Gegenstand das Recht der jüdischen Volksschule und des jüdischen Religionsunterrichts in der Volksschule nach Reichsrecht und den Hauptlandesrechten. Schließlich wird die rechtliche Stellung der Weltanschauungs- Vereinigungen im Volksschulrecht dargestellt. Für alle jüdischen Gemeinden, Vorstandsmitglieder, Lehrer und Verwaltungsbeamten, die überhaupt mit Schul- und Unterrichtsfragen befaßt sind, dürfte das Buch unentbehrlich sein. Prinz, Helden und Abenteuer der Bibel. Paui Baumann Verlag, Berlin. — Es hat bisher immer an literarisch vollwertigen biblischen Erzählungen gefehlt. Es haftete an fast allen bisher bekannten Wiedergaben der biblischen Geschichte etwas Muffiges, Unfreies und Unjugendliches an. Zum erstenmal wird hier versucht, in einwandfreiem heutigen Deutsch die Geschichten zu erzählen, wie es die Psyche des Kindes verlangt. Man muß diesen Versuch als überaus gelungen betrachten. Zum erstenmal ist hier ein Kinderbuch nicht geschrieben worden, sondern auf eine neuartige und bisher noch nicht erprobte Methode Kindern erzählt und während der lebendigen Erzählung aufgezeichnet worden. So haben diese alten Geschichten die Ursprünglichkeit der Bibel behalten und an neuer Lebendigkeit gewonnen. Eltern und Kinder werden dem Verfasser dafür Dank wissen. F. M. Feiler; Antisemitismus. Versuch einer psycho-analytischen Lösung des Problems. Verlag des Archivs für angewandte Psychologie, Berlin 1931. — Wir bedauern, dieser Broschüre ein günstiges Urteil nicht ausstellen zu können. Die Ablehnung resultiert nicht ewa aus dem Umstande, daß dem Verfasser antisemitische Motive zu unterstellen seien. Vielmehr werden in dieser Broschüre klare Begriffe verdunkelt, falsch angewandt, Probleme verkleistert und mit einem Dilettantismus sondergleichen durch die Zeiten gezerrt. Nein, so geht es nicht! Wir wollen uns dagegen verwahren, auch wenn es ein Buch ist, das uns freundlich gesinnt ist. Peinlich die Vereinfachung der Begriffe „Zivilisation“ und „Kultur“, peinlich die unwissenschaftliche Einteilung in arische und jüdische Zivilisation, peinlich, wenn man diesen Satz liest: „Als Vorbild für die Welt arischer Zivilisation können wir das alte Griechenland (Athen) und das alte Rom betrachen.“ (Dabei gilt seit Jahrzehnten der Einfluß der assyrischen Kultur auf die hellenische, der ägyptischen auf die römische als wissenschaftlich einwandfrei festgestellt!); am peinlichsten, wenn behauptet wird, der Jude Christus habe das Chritentum erfunden. Erfunden! Das ist sehr grober Dillettantismus, Verkennung einfachster historischer Vorgänge. Nein, das geht nicht! Dr. K. Eine „Geschichte des Chassidismus“, der bedeutsamsten religiösen Bewegung im neuzeitlichen Judentum, aus der Feder von Prof. Simon D n b n o w , dem Verfasser der zehnbändigen „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“, beginnt jetzt im Jüdischen Verlag, Berlin W 50, zu erscheinen. Das zweibändige Werk ist die erste zusammenhängende historische Darstellung des Chassidismus, die auch zahlreiches, bisher unbekanntes Material im Privatbesitze von Prof. Dubnow verwertet. Soeben erschien der erste Band, der zweite Band gelangt im Mai d. Js. zur Ausgabe.