Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- Seite 228 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Das Jüdische Echo Nr. 15 ohne den Bau des Ganzen, die erstrebte Gesamtwirkung zu gefährden. Nicht durch einzelne als „hygienisch“ erkannte Teile allein wirkt das Gesetz lebensspendend, sondern in seiner Ganzheit, und niemals erscheint die körperliche Gesundheit allein Selbstzweck, sondern als ein Effekt. Ewig, überzeitlich, in die fernsten Entwicklungszonen der Menschheit hineinprojiziert, durchzittert vom warmen Lebenshauch des Schöpfers, umwittert vom Sturmwind der geistigen Bergeshöhen, wo die ganz großen Gedanken geboren werden, und doppelt geheiligt von den Meeresfluten jüdischen Blutes, das in mehr als zweitausend Jahren um seinetwillen geflossen ist, steht das Gesetz da und bedarf zu seiner Vollendung nur wieder einer Generation, die die Größe besitzt, sich zu ihm durch die Tat zu bekennen, es wieder zu leben. Und so das Zweite: Den Juden der Gegenwart kann nicht oft und nicht eindringlich genug vor Augen geführt werden, was sie an seelischen und für ihre geistige und körperliche Gesundheit bedeutsamen, unersetzbaren — und auch unersetzt gebliebenen — Werten eingebüßt haben, als sie ihren religiös-kulturellen Eigenbesitz im 19. Jahrhundert in dem „Assimilation“ genannten großen Prozeß aufgegeben haben. Mit der Abkehr von dem „Baum des Lebens“, wie das Gesetz sinnvoll und im tiefsten Grunde wahrheitsgemäß genannt wird, schwinden auch die Lebenskräfte des jüdischen Stammes. Alle noch erzielte Leistung von überragender Bedeutung zehrt nur noch aus dem Reservoir, das die Väter durch Hochzüchtung in 100 Generationen angelegt und in hohem Pegelstand erhalten hatten, das jetzt aber vor der Gefahr des Austrocknens steht. Der — von den besten Juden aller Gruppen und Richtungen — erstrebte seelische Gesundungsprozeß des deutschen und Weltjudentums kann nie das Resultat irgendwelcher Experimente, sondern nur Folge der Wiedervermählung modern jüdischen Geistes mit der lebenspendenden Atmosphäre des Gesetzes der Thora sein.“ Der Abschnitt „Das Religionsgesetz als Grundlage“ enthält u. a. Beiträge von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach-Altona (Religionsgesetz oder hygienische Vorschrift?), Gemeinderabbiner Dr. Felix Goldmann-Leipzig (Die hygienische Bedeutung des jüdischen Ritualgesetzes). Der Abschnitt „Die Ausstrahlungen des Gesetzes“ enthält u. a. Beiträge von Rabb. Julius Samuel-Oslo (Der Sabbath), Dr. ined. E. Schlüssel-Berlin (Hygienische Auswirkungen der Beschneidung), Dr. med. Gustav Löffler-Frankfurt a. M. (Von jüdischer Sexualhygiene), Dr. Else Rabin-Breslau (Sexualethische Prinzipien und jüdischer Volksgeist), Dr. Jacob Segall-Berlin (Die sozialhygienische Bedeutung der jüdischen Ehegesetzgebung), Dr. J. Kallner- Spandau (Schächtvorschriften und Volkshygiene), Dr. Alfred Nossig-Berlin (Die jüdische Volkshygiene als Erzieherin zur seelischen Vervollkommnung), Rabb. Dr. Max Eschelbacher-Düsseldorf (Das Morgengebet und die geistige Gesundheit), Prof. Dr. A. Baginsky-Berlin (Dreieinhalb Jahrtausend alte und doch modernste Hygiene). Im Abschnitt „Das talmudische Schrifttum als Ouelle der Hygienevorschriften“ schreiben Rabb. Dr. Bamberger-Schönlanke über „Jahrtausende alte lebendige Weisheit“, Dr. Max Grunwald-Wien über „Biblische und talmudische Quellen jüdischer Eugenik“, Dr. med. Oskar Wolfsberg-Berlin über ..Einiges über die Hygiene des Säuglings- und Kindesalters im Talmud“, Dr. W. Rappaport-Berlin gibt „Bemerkungen“. Der Abschnitt „Aus großer Vergangenheit“ enthält Beiträge von Ernestine Eschelbacher-Berlin (Die jüdische Frau als Mitarbeiterin in der Hygiene), Dr. Jacob Jacobson- Weidmannslust, Dr. Hermann Vogelstein, Sanitätsrat Dr. Simon Scherbel. Der Abschnitt „Im Wandel der Zeiten“ bringt Aufsätze von Dr. med. Felix A. Theilhaber-Berlin (Die Sterblichkeit des jüdischen Nachwuchses und die Geburtenfrage), Prof. Dr. W. Hanauer-Frankfurt a. M. (Die bevölkerungspolitische Lage der deutschen Juden), Dr. med. Saul Mezan-Sofia (Morbus judaicus, Versuch einer jüdischen Sozialpolitik). Der Abschnitt „Praktische Hygienearbeit — Zukunftsaufgaben“ hat folgenden Inhalt: a) Deutschland: 1. Die doppelte Wurzel der modernen jüdischen Sozialhygiene. Von Eugen Caspary, Leiter des Wohlfahrtswesens der Jüdischen Gemeinde; 2. Zedakah und Sozialversicherung. Von Dr. Georg Baum; 3. Einrichtungen und Aufgaben der Gesundheitsfürsorge der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Von Frieda Weinreich-Berlin, b) Der Osten: 1. Die Grundlagen der Tätigkeit der Gesellschaften für Gesundheitsschutz der Juden „Ose-Toz“. Von Dr. L. B.; 2. Neue Formen der Mädchenerziehung im jüdischen Osten. Von Eva Landsberg-Krakau, c) Das neue Palästina: 1. Die jüdischen sanitären Institutionen. Von Isi Eisner; 2. Der Gesundheitsstand der Juden Palästinas. Von Josef Burg; 3. Die Heilquellen Palästinas, Von Sanitätsrat Dr. Lachmann-Bad Laiideck. Nationalsozialismus. Von Friedrich Franz v. Unruh und Dr. C. Busemann. Societätsverlag Frankfurt a. M., 1931. 66 S. RM. 1.—. Unruh brandmarkt in seinen journalistisch ausgezeichneten Artikeln die Führer wie die Mitläufer des Nationalsozialismus, ihm ist das Unmögliche, Unaufrichtige der Ideologie ehrlich verhaßt. Doch scheint er mir in Wahrheit nur über den Menschen des Nationalsozialismus, nicht über dem Nationalsozialismus selbst zu stehen. Er verspottet den urteilslosen Arbeiter (16), verbeugt sich aber vor Ebert und Rathenau (43), er schmäht den feigen Juden (35) und lobt den tapferen (10), er liebt den Deutschtumsverkünder Gundolf (12), er sympathisiert relativ mit Otto Straßer (24), er erklärt einen Teil des nationalsozialistischen Erfolges aus Stresemanns Tod (39) und er vermittelt menschliches Verständnis mit dem anfänglich „mutigen“ und „unbeirrten“ Hitler (21). In alledem liegt vielleicht psychologische Feinfühligkeit und Kultur, politisch aber nichts als allerhöchster Heroenkult, gebändigte, doch unbesiegliche Sehnsucht nach dem starken, voranschreitenden Manne, alles ohne eigenen Leitfaden. Die elementaren realen Notwendigkeiten der Politik sind Unruh selbstverständlich geläufig; unfähig aber ist auch er zu konstruktiven, organisatorischen Kampfplänen gegen den Nationalsozialismus. So kann er nur mit dem Aufruf schließen: „Stellen wir der brutalen, willkürlichen Diktatur die kategorische des Gewissens entgegen; der Herrschaft der Phrase die der Vernunft. Dem Hurra- Nationalismus wirkliches Deutschtum im Sinne Luthers und Lessings, Goethes und Kants, des Freiherrn vom Stein.... Kurz: der Reaktion — die Liebe zur Republik.“ Dr. Busemann kämpft im Anhang gegen die 7 wirtschaftlichen „Programmpunkte“ des Nationalsozialismus, besser: gegen ebensoviel Windbeutel, an. So begrüßenswert das Erscheinen der Broschüre auch ist, so wenig stellt sie eine wirkliche Bekämpfung des Nationalsozialismus dar. Ist es nun tatsächlich ganz unmöglich, wirksam