Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- Seite 225 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 225 Das Jüdische Echo genden Dörfer gebracht wurde, ist auf der Fahrt erfroren. Die Mutter des Kindes hat nunmehr gegen die Bäuerin die Beschuldigung erhoben, daß sie das Kind um den Preis von 500 Lit den Juden zur Blutentziehung ausgeliefert habe. Diese Legende findet unter der bäuerlichen Bevölkerung des Bezirks Keidan Glauben. Die jüdische Bevölkerung sieht mit begreiflicher Spannung dem Ergebnis der Obduktion entgegen, die feststellen soll, ob das Kind erfroren oder eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Ein ähnlicher Vorfall spielte sich in dem im gleichen Bezirk gelegenen Dorf Airogolo ab, wo ein Mädchen, das ihr uneheliches Kind getötet hatte, die Schuld an dem Mord den Juden in die Schuhe schieben wollte. Glücklicherweise konnte der wahre Sachverhalt bald festgestellt werden, so daß ernste Folgen vermieden wurden. Die jüdische Tageszeitung „Folksblatt/ in Kaunas gibt den Vermutung Ausdruck, daß die beiden im gleichen Distrikt gegen die Juden erhobenen Blutbeschuldigungen von einer im Geheimen arbeitenden Stelle aus lanciert wurden. Ein jüdisches Städtchen in Litauen durch Feuersbrunst vernichtet. — Tausende obdachlos Kaunas,, 1. April. (JTA.) Durch eine Feuersbrunst wurde das Städtchen Plungiany im Bezirk Telschi vollkommen zerstört. Es brannten 250 Gebäude, darunter 228 jüdische Wohnhäuser, die Synagoge, die jüdische Schule und andere öffentliche jüdische Gebäude, ab. Über 1000 jüdische Bewohner des Städtchens sind obdachlos geworden und haben all ihre Habe verloren. Da nur 20 Prozent der vernichteten Werte versichert waren, muß damit gerechnet werden, daß diese litauischjüdische Ansiedlung auch wirtschaftlich vollkommen zugrunde gerichtet ist und kaum aus eigener Kraft an den Wiederaufbau des Städtchens schreiten dürfte. Vor den Augen des an die Brandstätte geeilten Berichterstatters der JTA spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Der Bewohner des zerstörten Städtchens hatte sich eine wilde Panik bemächtigt. Viele waren vor Schrecken wahnsinnig geworden. Die aller Habe entblößten Abbrändler sehen bitterster Not entgegen. Zwangssonntagsruhe für die Slowakei ab Mai 1931 Prag, 1. April. (JTA.) Die Regierung hat eine Verordnung erlassen, der zufolge von Mai 1931 angefangen zunächst in der von zahlreichen Juden bewohnten Stadt Bratislava (Preßburg) und späterhin im gesamten Gebiete der Slowakei die absolute Zwangssonntagsruhe eingeführt werden soll. In der Kommentierung der neuen Regierungsverfügung weist die jüdische Presse darauf hin, daß die ungeachtet der in den letzten zwölf Jahren von jüdischer Seite immer wieder erhobenen Proteste nunmehr von der Regierung getroffene Entscheidung eine bittere Pessachgabe für die jüdische Bevölkerung der Tschechoslowakei darstellt. Durch die Verordnung werden die jüdische Religion und das jüdische Wirtschaftsleben in der Slowakei schwer gefährdet. Vormarsch der Nationalsozialisten in Österreich Wien, 1. April. (JTA.) Die nationalsozialistische Bewegung nimmt auch in Österreich an Ausdehnung zu. Die weitgehende Hilfe reichsdeutscher, insbesondere bayerischer, Mandatare und sonstiger nationalsozialistischer Politiker kommt den österreichischen Nationalsozialisten besonders in der Provinz sehr zustatten. Bei den vor kurzem stattgefundenen Gemeindewahlen im Lande Salzburg konnten die Hitlerleute die verhältnismäßig große Zahl von 64 Mandaten erlangen. Der österreichische Nationalsozialismus greift auch die christlichsoziale Partei als „Katholische Internationale mit starkem jüdischen Einschlag“ scharf an. Französische Pazifisten schlagen Antisemiten und Nazionalisten in die Flucht Paris, 29. März. (JTA.) Während die deutschen Nationalsozialisten in ihrer Presse den französischen Antisemiten schmeicheln und sie zu ermuntern suchen, sind für die französischen Nationalisten Antisemitismus und Antigermanismus noch immer synonym. Das zeigte sich wieder anläßlich der wiederaufgenommenen Aufführung des Theaterstücks „Die Affäre Dreyfus“ im Theatre Ambigu. Radautruppen der Action Francaise und der Camelots du Roi schleuderten im Theatersaal Stinkbomben und riefen „Nieder mit Dreyfus!“, „Hinaus mit den Boches!“, „Hoch Frankreich!“. Diesmal aber hielten die Theaterbesucher stand. Mitglieder des neu gegründeten Verbandes der pazifistischen Kriegsteilnehmer verabreichten den Störenfrieden kräftige Ohrfeigen und warfen sie zum Saale hinaus. Ihrem Führer wurde eine exemplarische Strafe zuteil. Kriegsteilnehmer schleppten ihn auf die Bühne, zogen ihm die Hosen aus und verabreichten ihm eine Tracht Prügel. Die Vorstellung konnte alsdann zu Ende gespielt werden. Neuer Landesrabbiner für Belgien Brüssel, 30. März. (JTA.) Das Konsistorium der jüdischen Gemeinden Belgiens wählte den Antwerpener Oberrabbiner Dr.Wiener zum Grand Rabbiner von Belgien. Während die bisherigen belgischen Landesrabbiner der nationalen jüdischen Bewegung ablehnend gegenüberstanden, ist der neue Grand Rabbin einer der Führer des belgischen Zionismus. Seit 27 Jahren übt er das Rabbineramt in Antwerpen aus. Eine 1000-Pfund-Hinterlassenschaft für den jüdischen Nationalfonds Brüssel. 30. März. (JTA.) Die Erben des unlängst verstorbenen Herrn Sylvain Kleinberg haben dem Büro des Keren Kajemeth mitgeteilt, daß Kleinberg in seinem Testament eine Summe von 1000 Pfund dem Jüdischen Nationalfonds vermacht hat. Ein Festtag des englischen Judentums Jubiläen der United Synagogue, des Jews‘ College und des Jewish Religious Education Board London. 25. März. (JTA.) Anläßlich des 75jährigen Jubiläums des Jews’ College, der theologischen Lehranstalt der englischen Judenheit, des 70jährigen Jubiläums des aschkenasischeu Synagogenverbandes (United Synagogue) und des 60jährigen Jubiläums des jüdisch-religiösen Frziehungsausschusses (Jewish Religious Education Board) fand in London unter dem Vorsitz des Präsidenten der United Synagogue Lionel de Rothschild ein Festbankett statt. Der Hauptredner des Abends war der Minister für die Dominions j. H. Thomas. Weitere Ansprachen hielten der französische Großrabbiner Dr. Israel Levi, Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz, der Vizepräsident der United Synagogue Sir Robert Waley Cohen, der Präsident des Verbandes der spanischen und portugiesischen Synagogen Sir Francis Montefiore und der Präsident des Jews’ College S. Japhet.