Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- Seite 224 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Das Jüdische Echo Nr. >5 suchen, auf Grund des neuen Gemeindegesetzes, wonach Personen, die öffentlich gegen die Religion auftreten.. des Wahlrechtes verlustig gehen können, vier Mitgliedern der jetzigen Gemeinderepräsentanz, und zwar dem Führer des „Bund“, Stad^rat Ehrlich, und den Führern der Poale Zion in Polen Jacob Witkin, Zerubowel und Stadtrat Jizchak Lew, das aktive und passive Wahlrecht abzusprechen. Der Brief war von den Agudahfiihrern 1. M. Lewin, S. Friedmann und E. B. Lekermann unterschrieben. Nach mehrstündiger Beratung lehnte die Wahlkommission diese Forderung der Agudah mit vier gegen drei Stimmen ab. Es heißt, daß die Agudah gegen diesen Beschluß Revision beim Regierungskommissar einlegen will. Warschau, 1. April. (JTA.) Die Wahlkommission der jüdischen Gemeinde in Lodz, in der die Agudisten die Mehrheit haben, hat, gestützt auf ß 20 der neuen Wahlordnung, sämtlichen bundistischen und poale-zionistischen Mitgliedern der jüdischen Gemeinderepräsentanz und des Stadtrates das Wahlrecht entzogen mit dem Hinweis darauf, daß sie bei verschiedenen Gelegenheiten gegen die Religion aufgetreten waren. 80 000 Warschauer Juden auf Pessachhilfe angewiesen W a r s c h a u , 31. März. (JTA.) Wie die Warschauer jüdischen Zeitungen mitteilen, haben sich bis heute 80 000 Warschauer Juden an die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde und an verschiedene Wohlfahrtsgesellschaften mit der Bitte um Unterstützung aus Anlaß der Pessachtage gewandt. (Die im JTA-Dienst Nr. 77 gebrachte Mitteilung über 9600 Gesuche um Pessachhilfe bezieht sich auf ein früheres Datum.) Die Warschauer jüdische Presse bringt erschütternde Einzelheiten über die jüdische Not in Warschau und teilt mit, daß jüdische Familienväter, die vor kurzem noch bemittelt waren, jetzt ihre letzten Habseligkeiten in die Leihhäuser bringen, um sich mit dem Notwendigsten für die Feiertage versorgen zu können. Das Gemeindehaus und die Lokale der verschiedenen Wohlfahrtsgesellschaften sind von Notleidenden, meist älteren Juden, belagert. Stundenlang stehen die Leute in unübersehbaren Schlangen vor den Lokalen und warten auf die Auszahlung der Unterstützung. Die Zahl der Hilfsbedürftigen ist gegenwärtig weit größer als sie während des Krieges war. Die jüdischen Zeitungen knüpfen an die Erklärungen an, die die Mitglieder der Regierung den Vertretern der Jüdisehen Telegraphen-Agentur letzthin gegeben haben, und in denen von einer Besserung der Lage der Juden die Rede war, und fragen, wie die Regierung angesichts einer so verzweifelten Not, wo fast hunderttausend Juden allein in Warschau auf Pessachhilfe angewiesen sind, von einer Verbesserung der jüdischen Lage sprechen könne. In der Provinz sei die Lage noch katastrophaler. Die Regierung dürfe sich nicht mit der Abschaffung der Begrenzungen aus der Zarenzeit begnügen, sie müsse auch Erleichterungen in der Zwangssonntagsruhe schaffen und Juden als Beamte, Angestellte und Arbeiter in die Staatsämter und Staatsbetriebe aufnehmen, die gegenwärtig alle noch judenrein sind. In allen bisher der JTA gegebenen Interviews habe die Regierung keine einzige konkrete Andeutung darüber gegeben, was sie zu tun gedenke, um den wirtschaftlichen Untergang von 3,5 Millionen Juden in Polen aufzuhalten. Der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung Warschaus sinkt Warschau, 30. März. (JTA.) Das Statistische Amt der Stadt Warschau veröffentlicht Angaben über die Entwicklung der Bevölkerung der Hauptstadt der polnischen Republik seit 1917. Danach gab es im Jahre 1917 unter einer Gesamtbevölkerung von 837 234 — 343 265 (41,0 Prozent) Juden. Im Jahre 1920 zählte man unter 945 155 Einwohnern Warschaus 327 023 (34.,6 Prozent) Juden. 1925 gab es unter 992 450 Einwohnern 322 546 (32,5 Prozent) Juden. 1928 gab es unter 1 049 810 Einwohnern 319 142 (30,4 Prozent) Juden. In Warschau, das die größte jüdische Gemeinde der Alten Welt beherbergt, ist also bei einem stetigen Steigen der Gesamtbevölkerung ein Sinken sowohl der absoluten Zahl wie des Prozentsatzes der Juden festzustellen. Die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“ weist darauf hin, daß seit 1917 der Anteil der jüdischen Bevölkerung Warschaus an der Gesamtbevölkerung um etwa ein Viertel gesunken ist. Selbst in den am dichtesten von Juden bewohnten Stadtbezirken IV und V ist der Anteil der jüdischen Bevölkerung in steter Abnahme begriffen. Taufen unter den Juden Warschaus Wjilna, 23. März. (JTA.) Im neuesten Heft der „JWO-Blätter“ (Wilna, Februar 1931) veröffentlicht die Sektion für Wirtschaft und Statistik des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts die Taufziffern der Warschauer Juden. 104 Juden sind in Warschau im Jahre 1923 aus dem Judentum ausgetreten; 1924 waren es 103 Austritte, 1925 — 76, 1926 — 83, 1927 — 82, 1928 — 97. Die Zahlen der Übertritte zum Judentum sind; 1923 — 42./ 1924 — 39, 1925 — 23, 1926 — 34, 1927 — 34, 1928 — 21. Sämtliche Personen, die zum Judentum übergetreten sind, waren früher Juden. Überhaupt verlieren die Juden Warschaus durch Taufe im ganzen etwa 60 Seelen jährlich, die etwa 1,5 Seelen auf 10 000 Seelen der Warschauer jüdischen Bevölkerung ausmachen. Fast sämtliche Täuflinge treten zum Katholizismus über. Zionistischer Wahlsieg in Bielsko Warschau, 29. März. (JTA.) Den Reigen der jüdischen Gemeindewahlen in Polen eröffnete die Gemeinde B'felsko (Bielitz, polnisch Schlesien). Von 1301 Wahlberechtigten haben 1141 (88 Prozent) ihre Stimme abgegeben. Von den 30 Mandaten gewann der zionistische Block 15, die Union demokratischer Juden (liberale Richtung), die zuletzt 17 Mandate inne hatte, konnte nur 9 Mandate wiedergewinnen, die Agudas Jisroel erlangte 2 Mandate, die Orthodoxe Wirtschaftspartei 4 Mandate. Die Listen der Liberalen und der Agudas Jisroel waren gekoppelt. Dauernde Niederlassung des Cliofez Chajim in Palästina Warschau. 1. April. (JTA.) Wie aus Radun gemeldet wird, beabsichtigt der Chofez Chajim kurz nach den Pessachfeiertagen mit seiner Familie nach Palästina zu reisen und sich dort dauernd niederzulassen. Ritualmord-Affären vor dem Pessachfest Kowno, 31. März. (JTA.) Eine Ritualmord- Affäre am Vorabend des Pessachfestes hat unter den Juden des litauischen Distrikts Keidan Panik hervorgerufen. Ein einjähriger Säugling, der von einer Bäuerin nach Keidan aus einem der umlie-