Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- Seite 220 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Das Jüdische Echo Nr. 15 sperrt lind wo sie noch, wie etwa in Frankreich, in gewissem Umfange geöffnet sind, zeigen sich bereits starke judengegenerische Tendenzen. Vor allem aber ist die Gefahr völliger Assimilation im Westen ungeheuer groß. Marcus’ Diagnose zeigt die Auswegslosigkeit der jüdischen Zukunft in Deutschland. Er sagt selbst, daß es ihm in diesem Buche um nichts anderes zu tun war, als diese Diagnose zu geben. Die Therapie kann für uns nur durch eine Ein5 Stellung auf Palästina hin gedacht werden. Diese Tendenz behandelt Marcus nicht und es wäre dankenswert, wenn er mit derselben Gründlichkeit, mit der er die Krise des deutschen Judentums analysiert, in seinem nächsten Buche die Möglichkeiten einer Überführung größerer Teile des deutschen Judentums nach Palästina untersuchen würde. Sind seine Thesen richtig, so kann es keine andere Antwort geben, als die Richtung auf Palästina für die Teile der deutschen Judenheit, die ihre wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung, oder mindestens die ihrer Kinder, sichern wollen. Die Erage der Aufnahmefähigkeit des Landes ist auch für Kreise deutscher Juden, die heute seelisch nichts oder noch nichts mit Palästina verbindet, in ein sehr aktuelles Stadium gerückt. Wienn sie über den Tag hinaus sehen und sich nicht weiter apathisch treiben lassen wollen, bleibt ihnen kaum ein anderer Weg, als den Boden vorbereiten zu helfen, damit nicht die wirtschaftliche Krise zur nationalen Auflösung des Judentums führe. Marcus’ Buch zeigt in eindeutiger Klarheit, welche Entwicklung das deutsche Judentum zwangsläufig gehen muß, wenn es sich nicht dazu aufrafft, seine Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Es bleibt Aufgabe der zionistischen Bewegung, aus der objektiv erkennbaren Zwangsläufigkeit der Proletarisierungstendenzen im deutschen Judentum die Kräfte zu retten und zu mobilisieren, die zum Aufbau einer starken autonomen jüdischen Wirtschaft in Erez Israel eingesetzt werden können. „Round-table“ mit den Ärabern Von V. Jabotin sky Wie an anderer Stelle dieser Nummer angekündigt, wird V. Jabotinsky, der Führer der Zionisten-Revisionisten, am Samstag, 25. April, auch in München einen Vortrag halten. Jabotinsky ist, man darf wohl sagen, die umstrittenste Persönlichkeit der zionistischen Bewegung; unumstritten aber ist, daß er, ein glühender Zionist, schon Großes geleistet hat und mit seiner ganzen Kraft für den Zionismus, so wie er ihn eben versteht, tätig ist. Daher wird ihm auch der Gegner Anerkennung nicht versagen können. Es ist bekannt, daß Jabotinsky ein hinreißender Redner ist, der auch die deutsche Sprache schlechthin meistert; von seinen großen schriftstellerischen Qualitäten, die nach dem Erscheinen seines Romans „Richter und Narr“ (auch das „Jüdische Echo“ hat ihn veröffentlicht), allgemein anerkannt wurden, gibt der nachfolgende Artikel ein beredtes Zeugnis. Er wird, wie wir hoffen, unseren Lesern willkommen sein; daß mit seiner Wiedergabe eine Stellungnahme der Redaktion, nicht verbunden ist, sei jedoch eigens betont. Die Red. d. J. E. Nach der Unterredung zu schließen, welche Dr. Weizmann dem Mitarbeiter der Londoner jüdischen Zeitung „Zeit“ vor seiner Abreise nach Palästina gewährte, will er jetzt in Palästina den Versuch einer Verständigung mit den dortigen Arabern unternehmen. Aber die arabischen Zeitungen melden, daß die arabischen Führer, der Mufti und die andern, von vorneherein jegliche Verhandlungen mit den Zionisten ablehnen. Daher ist es noch nicht sicher, ob die Verhandlungen stattfinden werden. Aber eines ist sicher; wenn Verhandlungen zustande kommen sollten und wenn dabei — wie wir immer noch hoffen — die Vertreter der Zionisten nicht darauf eingehen werden, auf den Zionismus zu verzichten,, werden die Verhandlungen zu nichts Gutem führen. Wir alle wollen den Frieden mit den Arabern. Einem Juden beweisen wollen, daß dieser Frieden wünschenswert ist, heißt, offene Türen einrennen. Die Erage liegt nicht bei uns Juden, sondern bei den Arabern Palästinas. Wir alle wollen nicht nur den Frieden, wir alle, alle Juden und alle Zionisten aller Richtungen, wünschen das Wohlergehen der Araber Palästinas. Wir wollen nicht einen einzigen Araber verdrängen, weder vom linken, noch vom rechten Ufer des Jordan. Wir wünschen ihr wirtschaftliches und kulturelles Gedeihen. Wir alle Stellen uns die zukünftige Struktur des jüdischen Palästina so vor; Die Bevölkerungsmehrheit wird jüdisch, aber die Gleichberechtigung aller Bürger wird nicht nur gesetzlich garantiert, sondern verwirklicht sein. Beide Sprachen und alle Religionen werden weitestgehende Rechte kultureller Selbstverwaltung besitzen. Die Frage ist nur, ob dies den Arabern genügt. Und das ist leider nicht einmal eine „Frage“. Es ist unsinnig, vor großen und tiefen psychologischen Tatsachen die Augen zu verschließen. Die Araber Palästinas folgen drei politischen Parolen. Diese Parolen sind hunderte Male authentisch erklärt und gedruckt worden. Es ist unsinnig, sie totzuschweigen. Sie lauten: 1. Die Araber verlangen für sich das Recht, die jüdische Einwanderung zu kontrollieren. Das bedeutet nicht unbedingt, daß sie die in Palästina bereits angesiedelten Juden hinausjagen oder keinen einzigen Juden mehr ins Land lassen wollen. Es ist durchaus möglich, daß sie sich sogar mit einer Fortsetzung der jüdischen Einwanderung einverstanden erklären würden. Aber sie fordern, daß das Ausmaß dieser jüdischen Einwanderung durch sie, die Araber, bestimmt werde, ihrem Willen und ihren Interessen entsprechend. Dafür fordern sie auch ein Parlament und eine ihnen verantwortliche Regierung. 2. Die Araber fordern die Schaffung einer großen arabischen Förderation, mit einem gemeinsamen Parlament und einer gemeinsamen Regierung, wie etwa Deutschland vor dem Kriege oder wie die Vereinigten Staaten. Diese Föderation soll beide Hälften Palästinas, Syrien und Mesopotamien umfassen, viele planen auch die Einbeziehung Ägyptens, ln weiterer Zukunft werden sich auch die andern Länder anschließen, die hinsichtlich der Rasse oder der Sprache arabisch sind. Um zu verstehen, was das für uns Juden bedeutet, wollen wir annehmen, daß es im Zeitpunkte der Bildung der Föderation in Palästina nicht wie jetzt 160 000, sondern 300 000 Juden gibt. Dann sind wir in Palästina — ein