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Das jüdische Echo · 1931-04-10 · 15 (10.4.1931) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
15 (10.4.1931)
Date
1931-04-10
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 15 10. April 1951 18. jabrgang Die wirtschaftliche Krise der deutschen Juden Von Walter Roth In immer stärkerem Maße zwingt die jedem Juden sichtbare und von allen Juden empfundene schwierige Wirtschaftslage der Juden in Deutschland, die unter der Ungunst der Krise viel stärker zu leiden haben als die adäquaten nichtjüdischen Berufsschichten, zum Studium der Situation und zur Vorbereitung entsprechender Abhilfemaßnahmen. Voraussetzung für jede Aktion der jüdischen {Selbsthilfe ist die genaue Kenntnis des Tatbestandes. Diesem auf allen Seiten tief empfundenen Bedürfnis kommt eine Studie entgegen, welche soeben im Verlag von Georg Stilke, Berlin, erschienen ist. Es handelt sich um ein Buch von Dr. Alfred Marcus, der eine soziologische Untersuchung der wirtschaftlichen Krise des deutschen Juden unternimmt. Nachstehend wird in großen Zügen eine Inhaltsangabe dieses bedeutsamen Werkes gegeben. Marcus will in seiner Arbeit den m allen jüdischen Kreisen empfundenen aber vielfach in seinen Ursachen noch nicht begriffenen Prozeß der immer mehr um sich greifenden Proletarisierung des deutschen Judentums darstellen. Wohl als erster gibt er umfassende statistische Unterlagen zur Erkenntnis der Zusammenhänge. Seine Zahlen gehen bis zum Jahre 1930; der Verfasser gibt selbst zu, daß sie nicht immer unbedingt zuverlässig sein können, weil die Unterlagen für eine solche Statistik außerordentlich schwer zusammenzustellen sind, es kommt aber auf die unbedingte Genauigkeit der Ziffern gar nicht an: der eigentliche Gang der Entwicklung wird aus Marcus’ Zahlenmaterial geradezu erschütternd klar. In Zukunft dürften Diskussionen über die Situation des deutschen Juden ohne Kenntnis dieses Materials nicht mehr geführt werden. Die Hauptgebiete jüdischer wirtschaftlicher Betätigung in Deutschland werden in Einzeldarstellungen aufgezeichnet. Besondere Untersuchungen sind den Juden im Metallhandel, im Bankwesen, in der Textilwirtschaft und im Getreidehandel gewidmet. Weiter bringt das Buch eine eingehende Behandlung der wirtschaftlichen Entwicklung der Berliner Juden und schließt mit der Darstellung der „Wandlungen des jüdischen Wirtschaftsdenkens“. Aus der Fülle des Materials seien einige Punkte herausgegriffen: Die Gesamtzahl der Metallhandelsfirmen in Deutschland hat sich von 1913 bis 1930 um 6,5 Prozent erhöht. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der jüdischen Firmen um 13,3 Prozent zurückgegangen, die Anzahl der nichtjüdischen dagegen um über 50 Prozent gestiegen. Im Bankwesen hat der außerordentliche Konzentrationsprozeß der Nachkriegszeit zu einer Aufsaugung vieler privater Bankfirmen durch die Großbanken, besonders in der Provinz, geführt. Während von 1928 bis 1930 die Zahl der Privatbanken nichtjüdischen Charakters um etwa 8 Prozent gesunken ist, sind in der gleichen Zeit etwa 120 jüdische Privatbanken, d. h. etwa 20 Prozent, verschwunden. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir bei der Betrachtung der Verhältnisse der jüdischen Bankangestellten in gehobener Position (nur diese Zahlen waren statistisch erfaßbar). In den letzten zwei Jahren ist ihre Zahl um etwa 23 Prozent gesunken. Die Motive dieser Entwicklung, dieses Judenabbaus, sind in der heutigen politischen Entwicklung klar gegeben. Man will heute die Juden nicht und man glaubt sie nicht mehr zu brauchen. Aber abgesehen von allen antijüdischen Tendenzen geht die heutige wirtschaftliche Entwicklung dahin, überhaupt die Grenzen individualistischer Tätigkeit zu verändern. Wir werden uns mit der Tatsache abfinden müssen, daß diese Epoche führender Tätigkeit der deutschen Juden in der deutschen Wirtschaft vorbei ist. Zwar versuchen die Juden immer noch, in der alten individualistischen Weise weiter zu arbeiten, beginnen aber doch allmählich sich darüber klar zu werden, daß dies gegenüber den neuen Formen der Konzentration und Durchorganisierung der Betriebe im Zeitalter der Mechanisierung aller wirtschaftlichen Prozesse einen Anachronismus darstellt. Unter diesen Gesichtspunkten behandelt der Verfasser auch die Fragen der Berufswahl des jüdischen Nachwuchses und kommt zu dem Schluß, daß zwangsweise die Juden immer mehr die Wege der Handarbeit werden beschreiten müssen, das bedeutet also eine Umschichtung in der Richtung zur Arbeiterschaft hin. Dies bedeutet aber wiederum eine schnelle und vollständige Assimilation, Uniformierung des wirtschaftlichen Denkens einerseits und, wahrscheinlich, die zwangsweise Aufgabe des heutigen kulturellen Standards andererseits. Für Marcus ist es erwiesen (und hier wird man ihm nicht in allen Punkten folgen können), daß das wirtschaftliche Niveau der deutschen Judenheit und im Zusammenhänge damit ihre individuelle wirtschaftliche Stoßkraft, schon so gesunken ist, daß sie auch aus diesen Gründen ihr wirtschaftliches Schicksal gar nicht mehr aus eigener Kraft dirigieren könnten. Unter all diesen Voraussetzungen ist die Prognose des Verfassers für die wirtschaftliche und kulturelle Zukunft des deutschen Judentums außerordentlich schwarz. Er kann auch keine Rettung mehr in Wanderbewegungen sehen, wie sie vor dem Kriege noch in großem Umfange in Erscheinung treten konnten. Während wir im Mittelalter den Zug der Juden vom Westen nach dem Osten sahen, geht diese Tendenz heute umgekehrt vom Osten nach dem Westen; aber die Tore sind ge-

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