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Das jüdische Echo · 1931-03-31 · 13/14 (31.3.1931) · p. Seite 210

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
13/14 (31.3.1931)
Date
1931-03-31
Page
Seite 210 (sequence 18)
Language
German
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210 Das Jüdische Echo Nr. 13/14willigen Verfügung, die Gestalt der Frumet Wolf in Marmor meißeln. Auf den Sockel setze man ihre Worte: „Ihr müßt Euch näher und fester aneinanderschließen.“ „Cin Gang durch di© judisene Musik“ Von den Anfängen bis zur Gegenwart Vortrag von Frau Alice Jacob-Loewenson, Berlin Veranstaltet durch die Jesaias-Loge UOBB am 24. März 1931 Wenn jemand einen Gang durch die jüdische Musik ankündigte und ein buntes Durcheinander von Schallplatten und Klaviervorträgen brächte, die fast alle irgendeine, wenn schon unterschiedliche und oft recht lose Beziehung zum Judentum aufwiesen, dann hätte er eigentlich das erfüllt, w as er versprochen hat. Dennoch wäre der Hörer enttäuscht; denn der Begriff der jüdischen Musik ist umstritten und sogar leidenschaftlich umstritten, er hat zahlreiche Beziehungen zu sehr lebendigen kulturpolitischen Fragen der Gegenwart, er wird von den verschiedensten Leuten bei den verschiedensten Gelegenheiten und mit den verschiedensten Absichten im Mund geführt und es ist infolgedessen vor allen Dingen wuchtig, daß dargetan wird, was eigentlich unter jüdischer Musik zu verstehen sei. Dies hat Frau Jacob wohl auch empfunden und sie hat deshalb ihrem „Gang“ einige theoretische Ausführungen vorangeschickt. Ich bedauere aber, gegen ihre Art der versuchten Begriffsumreißung grundsätzliche Bedenken geltend machen zu müssen. Will einer das Wesen der jüdischen Musik einheitlich kennzeichnen, dann muß er sich vor allem darüber auslassen, auf welcher Ebene sich seine Kennzeichnung bewegen soll. Ich erinnere an den Vortrag, den Dr. Erich Feuchtwanger im vergangenen Winter im Jugendheim gehalten hat und in dem er eingehend untersucht hat, welches die gegebenen Methoden sind, eine einheitliche Psychologie der Juden aufzubauen. Gerade wie dort muß auch hier vor allem Klarheit über das Methodische geschaffen werden, ln unserem Fall, bei der Untersuchung der Möglichkeit, von einheitlichen Zügen der jüdischen Musik zu sprechen, sind verschiedene Wege denkbar. Einmal kann man es für möglich halten, gewissermaßen vergleichend-anatomisch einzelne kennzeichnende Einzelheiten, die sich in allen ursprünglich jüdischen, das heißt bei Juden und nur bei diesen lebendigen Musikformen finden, aufzuzeigen; so könnte man nach typischen Tonsystemen, nach typischen Rhythmen, nach typischen Melodieformen und drgl. suchen. Frau Jacob hat im Anfang ihrer Ausführungen ihrer Meinung Ausdruck verliehen, es gäbe solche immer wiederkehrende Bestandteile. Sie nannte den Sprechgesang der Chasanuth, sehr enge Intervalle, die sich nicht unserem Halbtonsystem einfügen; all dies sei ein Ausdruck der religiösen Mystik. — Man kann zum anderen aber aus der, wie mir scheint, unabweisbaren Erkenntnis heraus, daß man solche zuverlässigen Charakteristika nicht in allen Erscheinungsformen der Musik der Juden nachweisen kann, resignierend sagen, jüdisch ist eine Musik dann, wenn sie von Juden gemacht wird. Dabei kann man stillschweigend unterstellen, daß aller in diesem Sinn jüdischen Musik ein unwägbares Etwas von gemeinsamem Ausdruck innewohne, das sie in einem tieferen Sinn als jüdisch erscheinen läßt, ein unwägbares Etwas, das man wohl erfühlen, aber nicht nachweisen kann. Dies ist eine Annahme, die man wohl machen, deren Richtigkeit man aber naturgemäß nicht beweisen kann; dadurch wird sie aber nicht schlechter, denn es ist ja in den sogenannten Geisteswissenschaften und in der Ästhetik besonders üblich, mit derartigen Annahmen zu arbeiten. Die Auswahl dessen, was Frau Jacob in ihren Beispielen zeigte, war offensichtlich von dieser oben gekennzeichneten Vorstellung getragen, daß das jüdisch sei, was von Juden gemacht ist. Es fand sich z. B. kein Stück darunter, dessen Melodik nicht in unser Tonsystem gepaßt hätte, wiewohl gerade die eigenartige Tonleiter, die nicht unserer entspricht, das Kennzeichen besonderen Alters und besonderer Eigenart sein soll. Aus den Veröffentlichungen Idelsohns wissen wir, daß es derartige für uns anfangs „unrein“ klingende Tonsysteme bei den orientalischen Juden wohl gibt. Daß es keine derartigen Schallplatten im Handel gibt (in wissenschaftlichen Archiven gibt es sie, siehe I d e 1 s o h n), ist bedauerlich, rechtfertigt aber nicht, daß bearbeitete, mit (doch gewiß „wohltemperierten“) Orgelbegleitungen versehene liturgische Stücke als Muster dieser Urmusik geboten werden. Der Vergleich mit der gregorianischen Musik verdient, gerade weil er so oft gemacht wird, einmal mit treffenden Beispielen belegt zu werden. Die gebotenen Gesänge waren gerade solche,* die, weil in einer unserem Dur ziemlich entsprechenden Tonart stehend, den vorher gespielten jüdischen Stücken gar nicht sehr ähnlich waren. Übrigens sei hier auf die Münchener scliola gregoriana hingewiesen, die allsonntäglich zu hören ist, und deren Besuch tatsächlich den Eindruck erweckt, daß zwischen dem Choral und der vermuteten alt-jüdischen Musik gewisse Beziehungen bestehen könnten. Es ist ein Ausdruck für den schlechten Publikumsgeschmack, daß Rundfunk und Schallplattenindustrie, denen beiden es doch sicher nicht auf die größeren oder geringeren Unkosten der Sendung oder Aufnahme ankommt, zuweilen statt der Originale Bearbeitungen bringen; sogar die verhältnismäßig leicht zugänglichen ostjüdischen Stücke werden in manchmal recht mäßigen Bearbeitungen gebracht; so z. B. ist es beinahe ein Unfug, Joel Engels Bühnenmusik zum Dybuk in der Jazz-Bearbeitung von Dajos B e 1 a aufzunehmen. Mir wäre eine Klavierwiedergabe nach Engels Original erheblich lieber gewesen. Die jüdischen Komponisten in der europäischen Musik können, soweit sie nicht mit jüdischer Thematik arbeiten, nur interessieren, wenn man jüdische Musik in dem zweiten, von mir angegebenen Sinne versteht. Mendelssohns Engelsterzett sollte die Ähnlichkeit von Lewandowskys „ki k’schimcha“ mit der zeitgenössischen weltlichen Komposition zeigen. Das hat es aber nicht gezeigt, denn gerade dieses Lewandowskysche Stück ist ziemlich eigenartig. Die liturgische Musik des vorigen Jahrhunderts wurde als Assimilationserscheinung abgetan und dem eben genannten Komponisten wurde vorgeworfen, daß „er die Stagnation der jüdischen Musik geradezu auf dem Gewissen habe“. Wenn man aber, wie das an anderer Stelle geschah, die jüdische Musik als Spiegel der jüdischen Geschichte bezeichnet, dann muß man sagen, daß die Synagogenmusik des 19. Jahrhunderts ein treffender Ausdruck der Entwicklung des Judentums zu dieser Zeit ist. Mag man diese — genau wie die Galuth — für erfreulich halten oder nicht — sie war, sie ist

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