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Das jüdische Echo · 1931-03-31 · 13/14 (31.3.1931) · p. Seite 209

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
13/14 (31.3.1931)
Date
1931-03-31
Page
Seite 209 (sequence 17)
Language
German
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Nr. 13/14 Das Jüdische Echo 209 Bei dieser Ghettojüdin streitet der Wortwitz, mit dem sich Saphir im Wiener Vormärz einen Namen machte, für eine edle Sache. Sie drängt sich niemals vor, sie schleicht sich nirgends ein, sie ist Fürstin im engen Bezirk der Gasse und Sippe, darüber hinaus allen erreichbar, allen freundlich, schwesterlich zugetan, die sie suchen und zu finden wissen. Die Eisenstädter Patrizierfrau in der Judengasse fühlt sich nicht erniedrigt, wenn man sie geringschätzig übergeht: Wer mich nicht als seinesgleichen achtet, reicht nicht an mich heran. Damit ist nicht gesagt, daß die Frumet Wolf in Hochmut und in Geltungssucht in ihrem Hause Cercle hielt, wie die späteren überbildeten Jüdinnen der „Salons“, die an ihren Jours die Literaten fütterten. Sie kam schon zu Leuten, die nicht zu ihr kamen. Sie erschien schon dort ungerufen und ungeladen, wo man ihres Rates und ihrer Hilfe bedurfte. Aus freien Stücken und ohne vorerst Ehrenpräsidentin eines Wohltätigkeitsvereines zur Befriedigung persönlicher Eitelkeit geworden zu sein. ln Eisenstadt erzählt man sich heute noch, wie die greise Frumet Wolf allwöchentlich Sonntags in frühester Morgenstunde bei der „Gelegenheit“ stand, mitten unter den Schnorrern und Luftmenschen, die dort auf ein mageres Kommissiönchen lauerten. Sie kam zum Omnibus, der am Ghetto-Eingang seine Fahrgäste aufnahm, mit der vollen Börse. Aber nicht, um Almosen zu verteilen, wie vor Sabbat-Eingang, sondern, um den Familienvätern, den kleinen Leuten, die über Land fuhren, Handel trieben, erst Freitag vor der Dämmerstunde heimkamen, zu ihrem Lebensunterhalt zu verhelfen. Indem sie nach kluger Aussprache und Beratung den Bedürftigen zinsenfreie Darlehen gewährte, die sie am Wochenende zurückerhielt — oder auch nicht. Es war eine Erziehung zum werktätigen Leben. Wer nach Wochenfrist pünktlich zurückzahlte, war ihrer weiteren Förderung sicher. Die Untauglichen sanken in die Schichte der Almosennehmer hinab, für welche die Frumet Wolf barmherzig sorgte. Aber die Tauglichen, der wahrhaftigen „sozialen Fürsorge“ Zugänglichen (der produktiven Fürsorge, die den Ghettojuden wohlbekannt war und von ihnen praktiziert wurde), rechtzeitig aufzurichten, die Lebenstüchtigen zu beglückender Selbständigkeit zu führen, erkannte die Babe Frumet als ihre höhere, heiligere Aufgabe. Sie hat sie im Rahmen des damaligen Wirtschaftslebens vorbildlich erfüllt. In den 26 Jahren der Witwenschaft wuchs sie zur Patriarchin von Eisenstadt. Ihr Testament. Ich dürfte solche allgemeine, leicht aus der Feder fließende gutklingende Leumundsnote nicht hierhersetzen, wäre ich nicht durch ein Schriftstück dazu legitimiert. Es stammt von ihrer Hand, ist ihr Testament, läßt in ihr Herz blicken und ist würdig, einem Frauenbrevier eingefügt zu werden. Hier aus dem umfangreichen Dokument zunächst «die Schlußsätze: „Zum Abschiede sollte ich Euch, meine lieben Kinder, Lehren und Lebensregeln hinterlassen.“ „Da Ihr aber alle erwachsen seyd, so kann ich Euch keine solchen geben, wie man sie unmündigen Kindern zu geben pflegt; ich werde mich daher auf einige zwar allgemeine, aber wichtige Lehren beschränken.“ „Vornehmlich vermahne ich Euch zur Tugend und Gottesfurcht, ohne welche Ihr weder ganz glücklich auf Erden, noch Jenseits Ruhe und Belohnung finden werdet.“ „Seyd mit Eurem Geschick und mit dem, was Ihr habt, zufrieden und richtet Eure Bedürfnisse nach Eurem Einkommen ein.“ „Seyd friedfertig gegen jedermann und unter Euch selbst. Lasset ja verderblichen Familienzwist keinen Zugang zu Euch finden. Seyd vielmehr einig und unterstützt Euch gegenseitig mit Rath und That.“ „Ihr müßt Euch näher und fester aneinander schließen. Ihr habt es nöthig und werdet es mehr als jemals nöthig haben, wenn der für Euch mehr als für mich traurige Fall eintritt, daß Eure Mutter aus Eurer Mitte entrissen wird und so — gleichsam der Mittelpunkt — seinem Kreis entschwindet.“ „Lebet wohl und empfanget hiemit den Segen Eurer bis in den Tod treuen Mutter.“ Geschrieben zu Eisenstadt von der Frumet Wolf in Gegenwart von fünf tauglichen Zeugen, am 8. September 1830, 19 Jahre vor ihrem Tode. Eine Frau von großer Menschenkenntnis und großen Führereigenschaften lernen wir in dieser auch juristisch sehr bemerkenswerten letztwilligen Verfügung kennen. Nicht alle Kinder hat sie gleichmäßig bedacht. Der Älteste wurde vor allen bevorzugt. Aber was hart und ungerecht erscheinen könnte, wird durch eine erklärende Klausel zur klugen, gerechten Maßnahme einer jüdischen Stammutter. „... hierunter bemerke ich, daß er ein Schriftgelehrter ist, und daß eben, weil er sich dem Lernen gewidmet, er sich nicht zu sehr strapazieren können und Handel und Wandel überhaupt nicht sein Element zu sein scheint.“ Die Frumet kannte das Leben. Oh, keinem ist über die Gasse zu trauen, auch den eigenen Kindern nicht! Anordnungen der Mutter, eben noch wie ein Gebot des Himmels geheiligt, könnten vergessen sein oder mißachtet, kaum daß der Leichnam der reichen Erblasserin ausgekühlt ist. Wer über seinen Tod hinauswirken will, wie es ihm Verantwortung, Treue und Erkenntnis auferlegt, der hat menschliche Schwäche und Selbstsucht ins Kalkül zu ziehen und darf sich durch Affenliebe zu den Kindern nicht beeinflussen lassen. Die Patriarchin von Eisenstadt rechnet damit, daß die Erben in kindlicher Ehrfurcht ihren letzten Willen unverändert vollziehen werden — aber sie rechnet nicht allein damit: „Wie aber, wenn Eure kindliche Liebe nicht länger als mein Leben dauerte? Euer Gehorsam mit mir zu Grabe ginge?“ In aller Ruhe und mit herrlicher Sicherheit hat die starke Frau in der Stunde, da sie vom Leben Abschied nahm, unumstößliche Rechtstitel formuliert, die sie dem Testament mit Nachdruck einverleibt und mit einer Schärfe zum Ausdruck bringt, welche ganz bestimmt auch damals ihre „Pasquill-Zettelech“ auszeichnete. Wenn man diese Stellen ihres Testaments liest und erfaßt, wächst diese Frauengestalt zur Führerin und Richterin. Ein Bildner möge aus frei schaffender Phantasie, befruchtet durch die Lektüre der letzt-

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