Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 13/14 (31.3.1931)
- Date
- 1931-03-31
- Page
- Seite 208 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Das Jüdische Echo Nr. 13/14 Häuser der Judensiedlung gehalten. Das Gezack der Dächer und Giebel und winzigen Vorbauten schneidet sich wie scharfe Falten in das freundlichen Greisenantlitz des Gässels. Ein malerischer Mauerbogen — der erst in jüngster Zeit wieder hergestellte „Erew“ — bildet die Pforte. Blumenschmuck grüßt von den Fenstern. Blick in friedliche, reichgegliederte Höfe; uralte steinerne Pfeiler mit Ketten, die noch heute vor Sabbateingang geschlossen werden; Rathaus, Synagoge; ein Brunnen plätschert, ein bizarr geformtes Haus mit freiliegenden Treppen zu den Stockwerken zieht den Blick des Besuchers au. Dann biegt die Gasse fast rechtwinkelig ab und mündet im „Guten Ort“, der heiter-friedlichen Ruhestätte Eisenstädter Ahnen, in weites, fruchtbares Hügelland gebettet. Eine Grabschrift. Hier ruht die Frumet Fr. Cliajim ha-Levi Wolf und die Inschrift auf dem Grabstein ist ihr Porträt: „Vor diesem Steine vereinigen sich Arme und Dürftige zu einem Klagelied. Er deckt ihre Hilfe und Stütze. Diese Frau, die da im Schutthaufen liegt, wer könnte ihre Werke schildern? Und wollten wir es versuchen, ihre frommen Taten zu preisen, so stünde uns hindernd ihr Verbot entgegen. Bevor sie starb, verbat sie sich ausdrücklich die Lobpreisungen. Wir aber möchten inniglich ihr gutes Angedenken erhalten. Darum haben wir wenigstens diese Worte eingeritzt.“ Das Porträt ist nicht geschmeichelt. Und ich glaube, diese Inschrift ist auch bezeichnend für die Zeit und für das Geschlecht jener, welche sie abgefaßt haben. Nicht serviler Überschwang und berechnende Ergebenheit, den Erben gegenüber, hat die Sätze geformt; und nicht das löbliche Motiv, über Tote nur Gutes zu sagen, hat das Bildnis schöner gemacht. Die Gemeinde hat eine starke, gütige, tätige Frau verloren. Sie war eine Große in Israel. Wo Männer weitabgewandt über den Talmud saßen, wo das „Lernen“ geheiligter Sinn des Lebens und Ziel des Wirkens war, wo die Sorge um das Brot und um die Kinder, wo das Regiment des Hauses auf die Gattin überging, dort mußten überragende Frauen erstehen. Säulen der Familie, wie etwa die genialische Glückei von Hameln, Säulen der Gass’, wie die Krakauer Jüdin Bube Machaie. Und die Frumet Wolf war eine Rebellin der Gass’. ehe sie die allgemein verehrte Patriarchin von Eisenstadt wurde. „Pasquill-Zettelech. Das war ein Ereignis in der Kehilla, als anno 1793 ganz Eisenstadt von einer Flugschrift wimmelte, welche respektlos und treffsicher die Herren Gemeindevorsteher aufs Korn nahm. Die Kahalgewaltigen sahen ihre Würde durch ätzenden Spott gefährdet, die Verwaltung der Gemeinde ward unerhört angegriffen. Die Vorsteher wußten den Oberrabbiner zu bewegen, gegen den anonymen Missetäter den Bann zu erlassen. Und nicht nur gegen den Autor der „Pasquill-Zettelech“, sondern auch gegen sämtliche Kolporteure der Schmähschrift. Nun wollte der Aufwiegler nicht, daß andere für ihn büßen und leiden, denn sich im „Cherem“ zu wissen, war schwerste Herzensqual. Er stellte sich daher seinen Richtern, und siehe, der Rebell hatte seinen Synagogensitz in der Weiberschul und trug Frauenröcke. Es war die jugendliche Gattin des ehrsamen Gemeindemitgliedes Chaim Wolf, geborene Brilin, aus Preßburg. Den Wortlaut ihrer öffentlichen Anklageschrift kennen wir nicht. Die damalige Eisenstädter Ghetto-Zensur hat alle Exemplare beschlagnahmt und vernichtet. Man muß annehmen, daß die Betroffenen Ursache hatten. Die junge Frau mit der scharfen Feder muß sie verflucht bloßgestellt haben. Hingegen sind die Prozeßakten, welche den Frevel der Frumet Wolf behandeln, uns erhalten geblieben. Sie erstrecken sich auf ein Jahrzehnt, denn Chaim Wolf kämpfte für die Rehabilitierung seiner besseren Ehehälfte, und er war zweifellos nur die lange Hand dieses weiblichen Michael Kohlhaas aus der Judengasse. Die Kahalvorsteher waren schon zu Beginn der Affäre in die Verteidigungslinie gedrängt, denn sie sahen sich „aus Nachsicht und frommer Demut“ bewogen, die ursprünglich diktierte schwere und diffamierende Strafe in eine ganz geringe Geldbuße zu verwandeln. Da die Herren Vorsteher aber ihr Mütchen an der gefährlichen Frumet Wolf, geborenen Brilin, kühlen wollten, trugen sie den Vorfall zum ewigen Gedächtnis ins Gemeindebuch ein. Das aber ließ sich die Frumet nicht bieten. Die unrechtmäßige Eintragung mußte getilgt werden. Und der Kampf um ihr Recht war für die mutige, kluge Frau natürlich gleichzeitig ein Kampf für alle. Nach zehn Jahren siegte ihr Gatte, also sie, beim Rabbinatsgerichte. Die Frumet hatte in diesem Jahrzehnt die Firma hochgebracht, die Klientel der Eisenstädter Armen und Bedürftigen um sich versammelt, denen sie Beraterin und Erzieherin war (nicht bloß Almosenspenderin). Und sie nahm wachsenden Einfluß auf die Gemeindeverwaltung, einfach dadurch, daß sie in Eisenstadt lebte und wirkte. Man mußte sich daran gewöhnen, auf ihre Stimme zu hören, oder zu unterlassen, was vor ihrer Weisheit nicht bestand. Es ist überliefert, wie sie für einzelne oder für alle bei den Behörden intervenierte. Die Muhme Frumet, der Neffe Saphir und der Eisenstädter Omnibus. Als Sachwalterin muß sie am richtigen Ort das richtige Wort gefunden haben; denn Frau Frumet Wolf ist sogar mit ihrem berühmten Neffen fertig geworden, mit Herrn Moritz Gottlieb Saphir, dem einflußreichen und berüchtigten Herausgeber des Wiener „Humoristen“, der sie an Geistesgaben erklecklich überragte, aber von dem Herzensadel der Eisenstädter Mumhe auch nicht ein Quentchen übernommen hatte. Saphir, der bestechenden Witz leider mit Bestechlichkeit verband — er war einer der Väter des „Revolver-Journalismus“ — besuchte seine alte Tante in Eisenstadt und trat bei ihr mit den Worten ein: „Zu Babe Frumet kommt Saphir Meschumed“1. Worauf sie prompt erwiderte: „Ist Saphir ein Meschumed, soll er nicht kommen zu Babe Frumet...“ Und mit Behagen habe im Gespräch mit Frumets Urenkel eines ihrer geflügelten Worte vernommen, welches Zeugnis ist für das Maß ihrer Selbstachtung, die der zynische Neffe gar sehr vermissen ließ: „Wer nicht zu mir kommt, kommt nicht zu mir.“ 1 Täufling.