Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 13/14 (31.3.1931)
- Date
- 1931-03-31
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Das Jüdische Echo Nr. 13/14 des Kalenders zu verhindern, die die Erhaltung des Sabbats bedroht. Ferner wurden Vertreter des Landesverbandes (zugleich als Vertreter der Reichsarbeitsgemeinschaft) in einen Ausschuß entsandt, der die Abwehr drohender und bereits erlassener Schächtverbote zum Zweck hat. Der Vizepräsident des Rates, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee erstattet den Bericht über den Rechnungsabschluß für 1929/30, der mit einer Ausgaben- und Einnahmeziffer von 1156708.26 RM. abscliließt, ferner über den Voranschlag für das Rechnungsjahr 1931/32. Dr. Klee erläuterte nun die einzelnen Posten des Rechnungsabschlusses für 1929/30. Von 800000 RM., die als Pflichtbeiträge der Gemeinde n veranschlagt worden waren, sind im ganzen 500 000 RM. eingegangen, auf über 300 000 RM. also sind die Rückstände der Gemeinden angewachsen. Der Landesverband mußte seinen Bankkredit über Gebühr anspannen, um seinen Pflichten gegenüber den Witwen von Lehrern und Rabbinern, den Flüchtlingsrabbinern usw. nachkommen zu können. Im neuen Etatjahre werden wir zu anderen Methoden greifen müssen, um die säumigen Gemeinden an ihre Pflicht zu erinnern. Der Redner erörterte sodann die einzelnen Posten des Etatsvoranschlags für 1931/32. Betreffs der Staatsbeihilfen für den Religionsunterricht ist der Landesverband nur Durchgangsstation, der Posten ist darum im Etat nicht berücksichtigt. Beim Kapitel Subventionen wurden viele Abstriche gemacht. Nur die Beihilfen für besonders leistungsschwache Gemeinden wurden im Hinblick auf die Notwendigkeit der Erhaltung von Kleingemeinden bedeutend erhöht. Die Ausgaben für die theologischen Bildungsanstalten in Berlin und Breslau wurden nach Möglichkeit beibehalten, die Anstalten für jüdische Wissenschaft dürfen nicht verkümmern. Aber man müsse in Betracht ziehen, daß die Frequenz der Rabbiner seminare eine so hohe ist (allein die Hochschule in Berlin zählt 120 Hörer), daß nur ein Bruchteil der Absolventen in Deutschland und im Ausland — wo in Deutschland ausgebildete Rabbiner in hohem Ansehen stehen — Rabbinerstellen werden finden können. Man wird daran gehen müssen, das Stipendienwesen zu revidieren. Bei Erörterung der Kapitel „Jugendpflege“ und „Sportbewegung“ bat der Referent, Großherzigkeit walten zu lassen und keine Streichungen vorzunehmen, da es um ein hohes Gut, um die Zukunft des Judentums, geht. Beim Kapitel Wohlfahrtspflege wies der Redner darauf hin, daß heute rund 3000 deutsch-jüdische Menschen, nicht etwa Ausländer, kein ständiges Heim haben und auf der Wanderung sind. Der Etat für 1931/32, schloß der Redner, der mit der gegen das Vorjahr verringerten Ziffer von 1 074 000 RM. eingesetzt ist, ist im wahren Sinne des Wortes ein N o t e t a t. Die Generaldebatte wurde von R.-A. Ehrlich -Königsberg (liberal) eingeleitet, der beklagte, daß einzelne Großgemeinden die Umlagen für den Landesverband für das Jahr 1929 noch nicht erlegt haben. Direktor Georg K a r e s k i (Volksp.) erklärte, es sei leider nicht viel davon zu merken gewesen, daß die Verbandsleitung — wie dies Kammergerichtsrat Wolff ausgeführt habe — als Schützerin bedrohter jüdischer Rechte aufgetreten sei. Insbesondere wäre es Aufgabe des Landesverbandes gewesen, gegen die Verletzung jüdischer Grundinteressen durch eine Reihe von Reichsgerichtsurteilen zu protestieren. Von der vom Kammergerichtsrat Wolff geforderten Tendenz zur Einigkeit und Gesamtverantwortlichkeit ist in der liberalen Presse nichts zu merken gewesen. Der Streit: „Volksgemeinde“ oder „Religionsgemeinde“ muß endlich aufhören. Es liegen auch von liberaler Seite Anträge vor, die nicht in den Rahmen einer bloßen „Religionsgemeinde“ hineinpassen. Die heutige politische und wirtschaftliche Not ist kein vorübergehender Zustand, deshalb ist nicht ein Notetat zu beschließen, sondern eine Rationalisierung des gesamten jüdischen Lebens auf die Dauer anzustreben. Es ist fraglich, ob eine so arme Gemeinschaft wie wir sich den Luxus dreier Hochschulen und dreier Lehrerseminare erlauben darf. Auch das jüdische Vereinswesen muß rationalisiert und die Überorganisation, ebenso überflüssige Pressegründungen, bekämpft werden. Dagegen ist eine Kürzung der Subvention für die Sportbewegung abzulehnen. Die Erfassung der Jugend durch die jüdische Volksbewegung bietet die Gewähr dafür, daß es auch in hundert Jahren ein deutsches Judentum geben wird. Namens der Konservativen stellte Dr. H o r o v i t z -Frankfurt a. M. fest, daß der Landesverband es bisher nicht vermocht habe, Popularität zu erlangen. Die Tätigkeit der jüdischen Kehillah werde durch den Aufgabenkreis einer bloßen „Religionsgemeinde“ nicht erschöpft, sei aber auch nicht die einer Volksgemeinde. Das Judentum verdanke seine Erhaltung der Verwirklichung des jüdischen Gesetzes im Leben. Die Errichtung jüdischer Schulen zur Vermittlung jüdischer und allgemeiner Bildung müsse mit Rücksicht darauf, daß das Bildungsnieveau der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande und in den Kleinstädten stark gesunken sei, gefördert werden. Der antireligiösen Kampagne der Kummunisten müsse eine religiöse Propaganda entgegengestellt werden. Dr. Ismar Freund (Überparteil. Vereinigung) befaßte sich u. a. mit den Schächtverboten und den Parteikonstellationen, die in verschiedenen Städten zu solchen Verboten geführt haben. Mit dem Wohlwollen der Behörden können nicht gerechnet werden. Der Paritätsgedanke werde nur dort in Anwendung gebracht, wo er sich gegen die jüdischen Interessen auswirke. So sei es bezeichnend, daß nur für 68 von 900 Gemeinderabbinern staatliche Beihilfen geleistet werden. Es gebe nur den Weg der Selbsthilfe durch Ausbau der organisatorischen Einrichtungen des Judentums. Während der nunmehr folgenden Rede des San.- Rat Dr. Peyser (nationaldeutscher Jude), der gegen die Forderung der Volkspartei nach „Umwandlung der Religionsgemeinde in eine Volksgemeinde“ polemisierte, kam es zu stürmischen Auftritten. Der Redner hatte erklärt, die Anhänger der Volkspartei seien ihrem eigenen Bekenntnis nach nicht Deutsche in dem Sinne wie die Anhänger seiner Richtung, was von den Vertretern der Volkspartei als Vorwurf mangelnder staatsbürgerlicher Gesinnung aufgefaßt wurde. Der Redner wurde durch zahlreiche Zwischenrufe unterbrochen, in denen auf verschiedene Vorkommnisse während des letzten Wahlkampfes in der jüdischen Gemeinde angespielt wurde. Dr. Bruno Weil (liberal) führte aus, die Verschlechterung der öffentlichen Meinung gegenüber dem Judentum habe nicht nur in dem Ausgang der Reichstagswahlen, sondern auch in der Recht-