Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 13/14 (31.3.1931)
- Date
- 1931-03-31
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9176166--11604-9083675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 Das Jüdische Echo Nr. 13/14 ses Blatt wurde vom Dresdener Polizeipräsidenten auf 4 Wochen verboten. Das ist ein Blick in die völkische Presse der letzten Woche, die Judenverfolgung betreffend. * $ * Man muß deutlich aussprechen, was ist. ln Deutschland herrscht, soweit jüdische Angelegenheiten in Betracht kommen, vollständige Barbarei oder wenn sie nicht herrscht, wird sie geduldet. Es ereignen sich Vorfälle von grauenerregender Schändlichkeit und Bestialität, wie sie in wirklich kultivierten Staaten, wo die Kultur eine allgemeine ist, undenkbar wären, in großer Anzahl — sie werden hingenommen und erregen nicht einmal Beachtung. Nicht einmal ein Achselzucken hat man mehr dafür übrig. Friedhof - Leichenschändung, auch das sagt nichts mehr; geschehen sie doch fast allwöchentlich. Selbst große Tageszeitungen und nicht nur rechtsgerichtete nehmen nicht mehr von ihnen Notiz als von irgendeinem Diebstahl: oft berichten sie nicht einmal mehr die Tatsachen. Mordversuche und Mordtaten an Juden — warum sich darüber aufregen; es werden auch andere Menschen umgebracht. Unbeirrbares Gefühl für Recht und Ordnung existiert in Deutschland nicht mehr. Die höchsten deutschen Gerichte haben das ihrige dazu beigetragen die Begriffe zu verwirren, das Reichsgericht voran in den mannigfachen jüdischen Beleidigungssachen, wie berichtet, auch das Preußische Oberverwaltungsgericht. Die unteren Gerichte haben in vielen jüdischen Angelegenheiten äußerste Nachsicht gegen antisemitische Rechtsbrecher geübt, so sehr, daß man fast berechtigt ist, von einer Willkürjustiz zu reden. In vielen Verwaltungen — doch da ist es schon immer so gewesen — blüht der Judenhaß und der Nationalsozialismus ist liebstes Hätschelkind. Gleichberechtigung der Juden — ein unbekannter Begriff. Und die deutsche Öffentlichkeit? Sie geht aus Prinzip über alle Fälle zur Tagesordnung über. Man hat Wichtigeres zu tun, als auf das Gezeter der aufgeregten Juden zu achten — wenn man ihnen nicht geradezu alles Ungemach gönnt und wünscht. Verfall der deutschen Kultur — das sagen die Juden. In der Schächtfrage hat sich am deutlichsten gezeigt, daß keine Partei in Deutschland grundsätzliche Widerstände dagegen empfindet, ab und zu das Kesseltreiben gegen die Juden auch einmal mitzumachen. * * * Man muß deutlich aussprechen, was ist. Nicht nur das ist Recht was in den Gesetzen steht; es gibt auch ungesatztes Recht. Nach dem in Deutschland heute geltenden ungesatzten Recht, nach dem, was weite Volksschichten als Recht empfinden und was zweifellos das Gesetzesrecht mehr und mehr überwindet, ist der Jude vogelfrei. Einen Juden niederzuschießen, erhält beinahe den Rang einer guten, lobenswerten Tat. Dem ungesatzten Recht wird früher oder später auch das Recht des Gesetzes folgen. Auslegungskünste verdrehen heute schon, wenn Juden betroffen sind, klare Bestimmungen zu deren Ungunsten in ihr Gegenteil. Wenn einmal die Studenten, die heute Recht studieren und nach dem numerus clausus schreien, dringlicher und lauter wie junge Vögel nach ihrem Futter, wenn diese Studenten von heute morgen die Pflege der Gesetze in Händen haben, wenn diese Generation in die gesetzgebenden Körperschaften eingerückt sein wird, dann werden auch gesetzliche Ausnahmebestimmungen nicht lange auf sich warten lassen. Sind heute schon die Juden gezwungen vom Lande in die Stadt zu ziehen (wäre es eine große Übertreibung zu sagen: fliehen?), weil sich auf dem Lande nicht mehr leben läßt, so droht aus der Ferne das Gespenst des jüdischen Ansiedlungsrayons — in Deutschland. * * * Man muß deutlich aussprechen, was ist. Unfrei sind wir Juden in Deutschland; unterdrückt, gemeiner, raffinierter, als je von einem ägyptischen Pharao. Ist es nicht wie beim römischen Karneval, nur grausamer, nur scheußlicher und nur alle Tage des Jahres? Das deutsche Volk bildet Spalier und die Juden absolvieren, unter Peitschenhieben, Knüffen und Püffen und allgemeiner Belustigung ihren blutigen Korso. Uns Lebende will man nicht leben, nicht arbeiten lassen; unsere Toten läßt man nicht ruhen; die Ungetauften zwingt man zu Mimikry und die Getauften — erschießt man auch. Wir essen ein bitteres Brot der Knechtschaft, froh noch, wenn wir es uns nur verschaffen können. * * * Man muß deutlich aussprechen, was ist. Wir deutschen Juden können an diesen Zuständen nichts ändern. Ist es eine vorübergehende Krankheit, die den deutschen Volkskörper befallen hat oder eine andauernde, wird wieder einmal die Zeit kommen, in der auch unsere Lebensrechte in Deutschland anerkannt werden, oder macht der Niedergang deutscher Kultur immer weitere Fortschritte — man kann es nicht sagen. Wir werden lange das Brot der Knechtschaft essen müssen. Und wir müssen alle unsere Kräfte anstrengen, um zu verhüten, daß der äußeren Unfreiheit die innere entspricht — die innere, die selbst nicht in Zeiten der äußeren Freiheit überwunden war. Es würde nicht schwer fallen, Tatsachen anzuführen, die beweisen, daß die innere Gefahr nicht klein ist, nicht wesentlich kleiner als die äußere. Aber unsere innere Freiheit können wir uns bewahren und sie herbeiführen, wo sie verloren ist. Das ist eine Sache unseres Willens und unserer Festigkeit. Ob wir es wollen, das ist die Frage, die das Pessachfest an uns richtet. Täglich essen wir wiederum das Brot der Knechtschaft, nicht nur am Pessach. — Werden wir uns seelisch frei erhalten? I. E. Die jüdische Tragödie in Dolgesheim vor Gericht Mainz, 17. März. (JTA.) Nach mehrtägiger Verhandlung sprach heute das erweiterte Bezirksschöffengericht für Rheinhessen das Urteil gegen 29 Einwohner von Dolgesheim, und zwar gegen 17 Reichsbannerleute und Mitglieder des RTurnvereins und gegen 12 Nationalsozialisten, die in die Angelegenheit der Mißhandlung und Terrorisierung des jüdischen Kaufmanns und Reichsbannermanns Frank durch Nationalsozialisten verwickelt waren. Wie erinnerlich, mußte die Familie Frank, nachdem ihr Haus eine ganze Nacht durch Nationalsozialisten belagert war, von Dolgesheim nach Worms flüchten, wo sie jetzt lebt. Den Vorsitz in der Verhandlung führt Landgerichtsrat Hausmann. Der Verteidiger der Hakenkreuzler, Jung, lehnte das Gericht in seiner gegenwärtigen Besetzung als befangen ab, da nur