Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 11 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Das Jüdische Echo 165 Schmarja Levin hat diesen Vortrag in seinen einleitenden Worten einen Versuch genannt. Mit Recht. Denn noch fügen sich nicht alle Gedankenreihen, die er vortrug, reibungslos ineinander, noch steht manchmal das rohe Material dem Ergebnis etwas unvermittelt* gegenüber, noch bedarf es der Persönlichkeit Levins und ihrer suggestiven Kraft um Lücken in der logischen Entwicklung zu überbrücken und seiner Kunst der plastischen und bildmäßigen Darstellung um dunkle Zusammenhänge zu erhellen, noch ist seine unerhörte Eindringlichkeit in der Verwendung und Wiedergabe von Anekdoten und Meschalim notwendig, um seine Ergebnisse verständlich zu machen. Darum ist es auch so schwer die Gedankengänge Levins, die indessen auf das Publikum einen ungeheuren Eindruck machten und mit großem Beifall aufgenommen wurden, nachzuzeichnen; es kann hier nur unter Vorbehalt versucht werden das Wesentlichste herauszuschälen. Levin untersuchte zunächst die Erage, warum man seit uralten Menschheitstagen 'sich immer wieder mit der Geschichte befasse und ihr eine solche Bedeutung beimesse. Den Grund dafür sieht er in der Tatsache, daß diese Beschäftigung kein Luxus ist, wie eine oberflächliche Überlegung glauben könnte, sondern im Gegenteil notwendig, weil nur sie die Übereinstimmung sichert, mit den Urkräften des nationalen Wesens, die doch nur zum Teil ins Bewußtsein gedrungen sind. Eine Prüfung der klassischen jüdischen Geschichte unter diesem Gesichtswinkel ergab das überraschende und merkwürdige Resultat, daß in ihr von Urzeiten an der Traum und seine Deutung eine besondere und ausschlaggebende Wichtigkeit gehabt hat. So erscheint schließlich Freud, der Psychoanalytiker und Traumdeuter in gewisser Beziehung als Fortsetzer und Vollender etwa Josephs und Daniels. Das ist aber weniger merkwürdig, wenn man bedenkt, daß der Mensch ein geistiges Produkt ist, nicht nur seiner eigenen Anlagen und Erfahrungen, sondern auch der Entwicklung der ihm vorangehenden Generationen, der Entwicklung seines Volkes, von der er getragen, in die er eingebettet ist. Bildlich ausgedrückt: das menschliche Individuum lebt in einer durch Stamm, Volk, Vergangenheit bestimmten dreidimensionalen Welt. Die Biologen haben das erkannt. Wie die Natur in jedem Lebewesen den ganzen Prozeß der Entwicklung vom Urtier her abgekürzt durchläuft, so durchlebt jeder Mensch die ganze Geschichte des Menschengeschlechts, im besonderen die Geschichte der nationalen Gruppe, der er angehört. Und nur wessen Leben mit den ihm eingeborenen geschichtlichen Erlebnissen übereinstimmt, die Linie dieser Erlebnisse ungebrochen fortsetzt, der lebt harmonisch. Bei den Juden des Galuth fehlt diese Übereinstimmung, daher die immer wieder auftretenden spezifisch jüdischen Konflikte, die aber eben deshalb mehr als eine jüdische, eine Menschheitsangelegenheit sind. Man kennt wissenschaftlich noch nicht den Zusammenhang zwischen Volk und Land und auch nicht den Zusammenhang zwischen Volk und Sprache. Aber man kann sagen, daß Volk und Land ein Paar sind, aber ein Paar wie Adam und Eva nach der zweiten Redaktion der Schöpfungsgeschichte in der Bibel, die zusammen ein Ganzes sind, untrennbar vereint. Und ihr erstes Kind ist die Sprache. Diesen unverlierbaren Zusammenhang beleuchtete Levin am Beispiel Heines, der, obwohl er den Midrasch nicht kannte und kaum kennen konnte, doch an vielen Stellen seines Werkes Wortzusammenstellungen und Bilder von hebräischer Sprachfärbung gebraucht, die geradezu aus dem Midrasch übersetzt sein könnten. Er zeigte am Beispiele der Legende des Syrers Naamans, des Aussätzigen, der sich als Patriot und seinem eigenen Lande Verbundener erst nach langem Zaudern und langem Kampf mit inneren Widerständen überwinden konnte, dem Befehl Elischas zu folgen und im J o r d a n zu baden („Sind nicht Amana und Parpar, die Ströme von Damaskus besser denn alle Gewässer von Israel?“) die Bedeutung des Stromes der Heimat, des „Vater Rhein“, der „Mutter Wolga“, des „Großvaters Dnjepr“ und er meinte, man werde es Heine nie verzeihen, nie verzeihen können, daß er in seinen letzten Tagen den Jordan besungen hat und nicht den Rhein. Hier liegt das Problem. Wider seinen Willen hat auch Heine dem ewigen Zusammenhang zwischen Volk und Land sich nicht entziehen können. Dieser Zusammenhang zwischen Volk und Land ist spürbar besonders im heutigen Palästina. Seine Erlebnisse in Palästina, wo er seit mehreren Jahren wohnt, stellte Levin denen in vielen anderen Ländern gegenüber, in einem Vergleich von unmittelbarer Überzeugungskraft. In Berlin sagte er, leben vier Millionen Menschen. Wenn ich in Berlin bin, so sind die Augen dieser vier Millionen Menschen mit immer deutlicher und immer spürbarer Ablehnung auf mich gerichtet und nur die erkennen meinen Wert an und lehnen mich nicht ab, die mich näher kennen und meine Freunde sind. In Tel-Awiw dagegen schauen 45 000 Augen voller Sympathie auf mich und man muß mich kennen um mein Feind zu werden. Seine Ausführungen zusammenfassend sagte Schmarja Levin zum Schluß 1 Es ist meine tiefste Überzeugung, daß wir, daß Sie gezwungen sind unsere Vergangenheit wieder lebendig zu machen. Das sagt uns die Psychoanalyse unserer Nation. Unser heutiges Dasein ist nichts anderes als ein Friedhof, ein wunderschöner Friedhof mit wunderschönen Grabsteinen. Wir haben keine Erde, nur den Himmel. Aber auch da unterschätzen wir die Verbundenheit zwischen Himmel und Erde. Denn der Himmel wölbt sich über der Erde und wenn eine Nation keine Erde hat, so hat sie auch keinen Himmel. Das Problem des jüdischen Lebens ist gelöst im Leben des jüdischen Kindes in Palästina, dem man keine fremden Legenden erzählt, dem man hundert Jahre nach der Emanzipation nicht nachzuweisen braucht, daß es heimatberechtigt ist, zu dem seine Vergangenheit spricht in jedem Augenblicke seines Daseins. Nur in Palästina ist die Übereinstimmung zwischen unserem Leben und unserer Geschichte herbeigeführt. Wollte man die Theorien Levins philosophisch oder historisch untersuchen, man würde vielleicht nicht zu dem Ergebnis kommen müssen,, daß: sie alle richtig sind. Jedenfalls aber wird jeder, der sie gehört hat. zugeben, daß sie ungewöhnlich anregend sind und für die Durcharbeitung gewisser bereits bekannter Tatbestände ganz neue Gesichtspunkte geben, sie in ein neues helleres Licht rücken und so eine unmittelbare Bedeutung für das Leben des einzelnen, wie des Volkes besitzen. Über die Wirkung Levins ist damit freilich gar nichts gesagt. Es ist etwas Geheimnisvolles, schwer in Worte zu Fassendes um diesen Mann und nicht wenige mögen es gewesen, die in ihm einen Nachfahren jener großen iiidischen Träumer und Traumdeuter gesehen haben, jener Männer, deren Träume die Gestaltung der jüdischen Wirklichkeit bestimmt ha-