Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 11 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Das Jüdische Echo Nr. 11 ten aufgewogen wird. Von je 1000 heiratsfähigen Individuen werden also 850 450 Paare Kinder erzeugen. Für die proletarische Schicht schätzen wir Unverheiratete auf 2 Prozent, Kinderlose auf 5 Prozent. Hier soll der Ausfall von 2 Prozent Unverheirateten durch uneheliche Geburten ganz kompensiert werden, so daß 950 (= 475) Paare von je 1000 heiratsfähigen Individuen Kinder erzeugen. Unter der ferneren Voraussetzung, daß in der Bourgeoisie die Generationsdauer 40 Jahre und die Kinderzahl 1—3 beträgt, wovon dreiviertel ins Heiratsalter gelangen, in dem Proletariat die Generationsdauer 30 Jahre und die Kinderzahl 3—6 beträgt, wovon zweidrittel ins Heiratsalter gelangen, ergibt sich, aus der Berechnung (einer von uns gestrichenen Tabelle. D. Red.), daß die bourgeoisen Klassen mit 1 und 2 Kindern ziemlich rasch aussterben. Die bourgeoise und die proletarische Klasse mit 3 Kindern können auch nicht ihren vollen Bestand wahren. Dazu ist ein Durchschnitt von 3,15 Kindern in der bourgeoisen wie in der proletarischen Schicht erforderlich. Die proletarischen Klassen mit 4, 5 und 6 Kindern haben nach 4 Generationen (120 Jahren) ihren Bestand von 1000 auf 2573 bzw. 6287 bzw. 13040 vermehrt. Sowohl die Juden in Osteuropa wie die Juden in Mittel- und Westeuropa müssen also in jeder Ehe durchschnittlich 3,15 lebendgeborene Kinder haben, um sich auf ihrer jetzigen Höhe zu halten. Heute ist die durchschnittliche Geburtenzahl der jüdischen Ehen (ohne Berücksichtigung der kinderlosen Ehen) in Osteuropa und im Orient noch höher als 3,15. Hier ist vorläufig deshalb, falls nicht Auswanderung und weiterer Geburtenrückgang eintreten, eine weitere Vermehrung der Zahl der Juden vorauszusehen. (An anderer Stelle weist Ruppin allerdings darauf hin, daß die jüdische Geburtenziffer auch im Osten stark gesunken ist und das natürliche Wachstum der Juden stark verlangsamt hat, daß die Tendenzen, die vorher im Westen zu konstatieren waren, sich auch im Osten geltend machen.) Dagegen ist die Zahl der Geborenen in den jüdischen Ehen in West- und Mitteleuropa geringer als 3,15. Hier muß also, wenn nicht durch Einwanderung eine Auffüllung erfolgt mit einer Abnahme der (absoluten) Zahl der Juden gerechnet werden? Leider fehlt auch bei Ruppin in diesem Zusammenhang eine Angabe über die Verhältnisse in Amerika, wie überhaupt Amerika nicht ganz seiner Bedeutung entsprechend erfaßt worden zu sein scheint, obwohl hier gerade eine besonders wichtige Forschungsarbeit zu leisten gewesen wäre; nur nebenbei sei erwähnt, daß für Palästina die höchste jüdische Geburtenziffer nachgewiesen wird (35,4 auf 1000 Juden). Der zweite Teil des vorliegenden Buches befaßt sich mit der wirtschaftlichen Lage der Juden. Es sind behandelt die wirtschaftlichen Wandlungen bei den Juden seit Beginn des 19. Jahrhunderts, Berufsgliederung und Einkommensverhältnisse, die Juden in der Landwirtschaft, in Handwerk, Industrie und Handel, im öffentlichen Dienst und in den freien Berufen; abschließend ist die jüdische Kriminalität dargestellt. Besonders interessant und originell sind die Ausführungen über die Bevorzugung der kleinen Industriebetriebe durch die Juden, und über die spezifisch jüdischen Industrien. Ruppin meint, daß das jüdische Handwerk im Gegensatz zum christlichen nicht durch Verselbständigung der handwerklichen Funktion aus der unfreien Arbeitsteilung innerhalb der großen Gutswirtschaften, sondern sozusagen als „verlängerter Arm“ des jüdischen Handels entstanden ist; d. h., daß mit der starken Bevölkerungszunahme und der Überfüllung des Handels die Juden sich denjenigen Handwerkszweigen zugewandt haben, die in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrem Handel standen — so der Goldschmiedekunst und der Diamantschleiferei als der Ergänzung zum Juwelenhandel, der Schusterei zum Schuhhandel, der Weberei und vielleicht auch Schneiderei zum Tuchhandel. In mancherlei Fragen wäre vielleicht mit Ruppin zu polemisieren, und man könnte manche andere Auffassung entwickeln, noch manche Ergänzung wünschen. Doch kann man Ruppin nicht genug danken für dieses Werk, das jedem, der sich mit der Judenfrage befassen will, die objektiven Grundlagen gibt, dessen Kenntnis andererseits freilich in Zukunft auch bei allen vorausgesetzt werden muß, die sich zu Fragen der jüdischen Gegenwart und der Gestaltung der Zukunft äußern. Darin liegt vielleicht eine Bedeutung, die über die rein wissenschaftliche noch hinausgeht. Man hat einmal gesagt, daß der Zionismus erlernt werden könne und müsse, und zwar an den Tatsachen der jüdischen Gegenwart. Es ist kein Zweifel, daß das Ruppinsche Werk, jedem, der zu lesen versteht, diesen Satz bestätigt und der mit Spannung erwartete zweite Band wird dem zweifellos auch mit aller wünschenswerten Deutlichkeit Ausdruck verleihen. I. E. Psychoanalyse einer Nation Der Vortrag Schmarja Levins Es ist der Grundgedanke der psychoanalytischen Therapie, daß durch Analyse der im Unterbewußtsein aufgestapelten seelischen Erfahrungen, durch Bewußtmachung unterbewußter Konflikte die gestörte seelische Harmonie eines Individuums wieder hergestellt werden .kann. Durch die Anwendung dieses Gedankens gelang es Siegmund Freud die Lehre von der Psychoanalyse aufzubauen; ihrer systematischen Weiterbildung, medizinischen und philosophischen Unterbauung und praktischen Anwendung ist es zu verdanken, daß heute die Psychoanalyse aus dem Wissensschatz der Kulturwelt nicht mehr hinwegzudenken ist. Sie ist noch immer umkämpft und angegriffen; sie ist auch nicht mehr einheitlich und hat sich in verschiedene Schulen gespalten; ihre Ergebnisse sind jedoch derart, daß es sich heute bei allen Fehden und Streitigkeiten nur mehr darum handelt, der Psychoanalyse den ihr gebührenden Platz im System der medizinischen und kulturellen Wissenschaften anzuweisen. Die Psychoanalyse darf mit einiger Berechtigung in gewisser Beziehung eine jüdische Wissenschaft genannt werden. Ihr Begründer Siegmund Freud ist bewußter Jude und Zionist; auch viele Schüler Freuds sind Juden. Daß die Psychoanalyse aber noch viel tiefer als man danach annehmen würde im jüdischen Wesen verankert ist, daß sie für die Bewertung des Volkslebens, für die »Lösung nationaler Probleme und speziell der Existenzprobleme des jüdischen Volkes fruchtbar gemacht werden kann, unternahm Schmarja Levin in seinem von der Zionistischen Ortsgruppe München am Donnerstag, dem 5. März, im vollbesetzten Richard-Wagner-Saale des Hotel Bayerischer Hof veranstalteten Vortrag nachzuweisen.