Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 11 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 11 13. März 1931 18. Jahrgang Die soziale Struktur der Juden Der Daseinskampf der Juden ist besonders schwer; die Existenz des Judentums ist materiell und geistig außerordentlich gefährdet. Vor 25 Jahren hat bereits Felix Theilhaber das Schlagwort vom ״Untergang der deutschen Juden“ aufgebracht und als Titel einer eingehenden Untersuchung über den Zustand der jüdischen Bevölkerung in Deutschland verwandt. War dieses Wort damals umstritten, so ist es heute bittere Wahrheit. Die Vergreisung der jüdischen Bevölkerung, der mit erstaunlicher Konsequenz durchgeführte Geburtenstreik, die trotz aller Anfeindungen von außen ständig wachsende Zahl der Mischehen, der Austritte aus den jüdischen Gemeinden haben es so weit gebracht, daß die Zahl der Juden in Deutschland von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag zurückgeht. Fritz Kahn hat sich in seinem Buch: ״Der internationale Geburtenstreik“ die Mühe gemacht, in einem besonderen Kapitel das Problem des jüdischen Bevölkerungsrückgangs zahlenmäßig zu durchdenken und ist dabei auf Grund sehr eingehender Untersuchungen und einwandfreier Methoden zu erschreckenden Resultaten gekommen. Er stellt fest, daß jede jüdische Ehe — die heute durchschnittlich eine Geburtenziffer ׳ von 1,5 aufweist — 7 Kinder hervorbringen müßte, um die jüdische Bevölkerung stationär zu halten. Und er weist nach, daß bei Fortdauer der gegenwärtig üblichen Gepflogenheiten — man muß aber bedenken, daß die Tendenz zu weiterer Verringerung der Geburtenzahl noch immer anhält — im Jahre 1970 das deutsche Judentum auf die Hälfte der gegenwärtigen Zahl (550 000) zusammengeschmolzen sein dürfte, wenn nicht ein Wunder geschieht. Ein Wunder wird nicht geschehen. Aber vielleicht werden Erkenntnisse, die heute nur einer kleinen Schicht bewußt sind, Allgemeinheit werden. Und vielleicht wird man dann aus Erkenntriissen auch die richtigen Schlüsse ziehen. Diese Zeit darf nicht mehr lange auf sich warten lassen, wenn es nicht zu spät sein soll — sie scheint gekommen, weil heute die Möglichkeiten sich cbjektiv über alle jüdischen Gegebenheiten und Umstände zu unterrichten in reichem Maße bestehen, nicht nur für den deutschen Juden, dessen Verhältnisse naturgemäß in Deutschland am meisten interessieren, sondern für die Juden der Gegenwart überhaupt. Zwar ist es schon 25 Jahre her, daß Ruppin sein Buch über die Juden der Gegenwart veröffentlicht hat. Es war ein erster Versuch, ein Gesamtbild der sozialen Verhältnisse der Juden zu entwerfen. Die Zeit, die seitdem vergangen ist, hat alle diese Verhältnisse entscheidend geändert. Der Weltkrieg und seine Folgen haben in der rechtlichen Lage der ostenropäischen Juden prinzipielle Verbesse־ rungen, in ihrer wirtschaftlichen Lage entscheidende Verschlechterungen gebracht; Wanderungen unerhörten Ausmaßes haben die Verteilung der Juden über die Erdoberfläche gewandelt und das Schwergewicht der Judenheit nach Amerika verlegt; die völkerrechtliche Anerkennung der Be- Strebungen zur Errichtung einer nationalen Heim- Stätte für das jüdische Volk m Palästina hat dem Zukunftswillen des jüdischen Volkes neue Kräfte zugefiihrt und dort ein neues jüdisches Gemeinwesen auf grundsätzlich ärmerer Basis als alle anderen bisher existierenden geschaffen. Die erstaunlichste Veränderung der letzten 25 Jahre dürfte jedoch die Zunahme der Zahl der Juden um nicht weniger als 5 Millionen sein. Der Aufgabe, diese Veränderungen in ihrer Totalität von neuem zu erfassen und alle bekannten Tatsachen über Existenz und Situation der Juden zusammenzutragen, hat sich Arthur Ruppin wiederum unterzogen in seinem Werk: ״Soziologie der Juden“, von dein der erste Band vor kurzem im Jüdischen Verlag Berlin erschienen ist. Dieser erste Band: ״Die soziale Struktur der Juden“ will, so sagt Ruppin selbst, unter Benutzung aller verfügbaren statistischen Quellen einen Querschnitt durch die sozialen Verhältnisse der Juden in der Gegenwart, die Statik der Judenheit geben. Der zweite Band ,.Der Kampf der Juden um ihre Zukunft“ soll zeigen, welche geistigen Kräfte und Kämpfe durch die Änderungen in der Statik der Judenheit ausgelöst wurden und werden und welchen Zielen sie zustreben, er soll die Dynamik der Judenheit geben. So weit man nach dem vorliegenden ersten Band urteilen darf, hat uns Ruppin ein Meisterwerk geschenkt. Etwa die Hälfte des Bandes ist der Bevölkerungsstatistik gewidmet, der zweite große Teil der Untersuchung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden; vorangeht eine Ruppin unerläßlich scheinende Einführung über die Fragen der Herkunft und Rasse der Juden, in der auch das Problem einer geistigen Eigenart der Juden erörtert wird. Die Ausführungen Ruppins über die Zahl der Juden, ihr starkes Wachstum seit 100 Jahren, ihre Verteilung nach Ländern, Kulturkreisen und Sprachgebieten, nach Stadt und Land über Wanderungen, Geburten, Eheschließungen, Ehescheidungen, über Sterbefälle, Krankheiten und Todesursachen, Altersgliederung. Geburtenüberschuß und Taufe — unterstützt durch eine große Zahl von Tabellen — entrollen Szenen aus einem ungeheuren Drama. Es kann hier nicht unternommen werden, auch nur das eine oder andere der Ruppinschen Ergebnisse wiederzugeben; nur weil sie sich mit dem berühren, was über die Zukunft der deutschen Juden gesagt wurde, seien die Sätze Ruppins über die Zukunftsaussichten der Juden zitiert. Zur Beantwortung der Frage, welche Aussichten die Juden haben, ihre jetzige Zahl zu erhalten oder zu vergrößern, teilt er die Juden ein in eine mehr proletarische Schicht (Osteuropa und Orient) und eine mehr bourgeoise Schicht (alle übrigen Länder). Für die bourgeoise Schicht, so fährt er fort, nehmen wir an, daß 10 Prozent aller heiratsfähigen Individuen unverheiratet und 10 Prozent aller Ehen kinderlos bleiben. ' daß aber der Ausfall von 10 Prozent Unverheirateten zur Hälfte durch uneheliche Gebur-