Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 10 (6.3.1931)
- Date
- 1931-03-06
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Das Jüdische Echo Nr. 10 Austritts der Misrachi-Führer aus der Executive der Jewish Agency berichtet. Auf der Konferenz der Revisionisten wurde ein Brief des Präsidenten der Weltunion der Zionisten-Revionisten Wladimir Jabotinsky verlesen, in dem dieser ankündigt, daß die Weltunion, da sie für schöpferische Arbeit bereits reif sei und das Judentum von den Revisionisten schaffendes Beispiel erwarte, in nächster Zeit an selbständige politische und wirtschaftliche Leistungen herangehen werde. Weiters kündigt Jabotinsky die Erweiterung des revisionistischen Programms durch Einbeziehung „diasporaler Gegenwartsarbeit“ an. Der Senat in Polen für Abschaffung der gesetzlichen Beschränkungen gegen die Juden Warschau, 1. März. (JTA.) Das Plenum des polnischen Senats hat sich in seiner gestrigen Sitzung mit der Regierungsvorlage, betreffend Abschaffung der aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Beschränkungen gegen die Juden in Polen, die durch die Verfassung der polnischen Republik noch nicht aufgehoben worden waren, befaßt. Der Referent des Senatsausschusses, Senator Bogucki, schlug einige kleine Änderungen vor und erklärte, die Gesetzesvorlage stelle eine authentische Interpretation zur Verfassung dar und werde also nach ihrer Annahme ein Teil der Verfassung selbst werden. Der jüdische Senator Mendelsohn sprach der Regierung für ihre Initiative bei der Abfassung der Gesetzesvorlage den Dank aus und gab der Hoffnung Ausdruck, daß diesem ersten Schritt der Durchführung der vollen Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung andere Schritte zur Beseitigung weiteren Unrechts, das der jüdischen Bevölkerung angetan wird, folgen werden. Vor kurzem hat einer der Führer im Regierungslager von der Tribüne des Sejm herab erklärt, daß die Angelegenheit der Zwangssonntagsruhe zugunsten der gesetzestreuen jüdischen Bevölkerung abgeändert werden wird. Bei der Abstimmung wurde die Regierungsvorlage mit einigen von der Senatskommission vorgeschlagenen Änderungen angenommen. Infolge dieser Änderungen wird das Gesetz noch einmal den Sejm passieren müssen, es erscheint aber unzweifelhaft, daß der Sejm seine Zustimmung zu diesen Änderungen geben und daß das Gesetz alsdann in Kraft treten wird. Antisemitische Hetze in Litauen Ein Konflikt zwischen Regierung und katholischer Kirche wird auf dem Rücken der Juden ausgetragen K o w n o, 26. Februar. (JTA.) Die katholische Kirche in Litauen steht seit einiger Zeit in einem Konflikt mit der Regierung. Um die Regierung in Verruf zu bringen, wird von einem Geistlichen das Gerücht ausgesprengt, daß die Haltung der Regierung auf jüdischen Einfluß zurückzuführen sei. Infolge dieser Gerüchte verbreitet sich im Lande eine gefährliche antisemitische Stimmung. Geistliche verteilen Flugblätter, in denen behauptet wird, die Regierung versuche, die Christen zu zwingen, ihre Hochzeitszeremonien durch Rabbiner vollziehen zu lassen, ferner, daß die Regierung den Juden große Subventionen gewähre, so daß die Rabbiner weitaus höhere Gehälter beziehen können als die katholischen Geistlichen und daß die Juden als Kompensation hierfür der Regierung Spionagedienste gegen die Geistlichkeit leisten. Der jüdischen Öffentlichkeit hat sich, da man allgemein fürchtet, daß diese Propaganda zu antisemitischen Ausschreitungen führen könnte, heftige Erregung bemächtigt. Der Leiter des Polizeidepartements hat gegenüber dem JTA-Vertreter die Versicherung abgegeben, daß die Behörden sich der von dieser Propaganda ausgehenden Gefahr bewußt sind und Maßnahmen zur Verhütung von Unruhen getroffen haben. Ebenso wird im Innenministerium eine Aktion vorbereitet, um die antisemitische Agitation zum Stillstand zu bringen. Antisemitischer Sturm an der Universität Fünfkirchen Budapest, 25. Februar. (JTA.) Aus Pecs (Fünfkirchen) wird telegraphiert: Gestern abend entstand im Apollo-Kino während einer Vorführung des Landes-Filmreklamebureaus zwischen christlichen und jüdischen Universitätshörern ein Konflikt, der bald tumultöse Formen annahm. Die Polizei stellte aber nach kurzer Zeit die Ruhe wieder her und die Vorführung konnte ihren ungestörten Verlauf nehmen. Offenbar im Zusammenhang mit diesem Zwischenfall forderte heute vormittag im Zentralgebäude der Universität eine größere Gruppe von Hochschülern die jüdischen Hörer der Medizin zur Legitimierung auf, wobei es zu überaus erregten Szenen kam. Gegen mittag zog eine inzwischen auf etwa 100 bis 150 Köpfe angewachsene Gruppe in das Anatomische Institut, wo in der Vorhalle die dort eintreffenden jüdischen Hörer gleichfalls zur Legitimierung aufgefordert wurden. Die porvozierten Studenten leisteten aber Widerstand, worauf sie von den Angreifern mit Stöcken insultiert wurden. Dem Tumult bereitete der Vorstand des Anatomischen Instituts, Prof. Dr. Entz, ein Ende, der die Nichtmediziner energisch hinauswies, die Renitenten legitimieren, ihnen die Stöcke abnehmen ließ und schließlich dem Rektor, Prof. Dr. Bozoky, von dem Vorgefallenen Meldung erstattete. Der Rektor suchte um polizeiliche Bereitschaft an. Nachdem die Polizei das Anatomische Institut besetzt hatte, wurden die Tore um 1 Uhr nachmittags geöffnet und die jüdischen Hörer konnten abziehen. Beim Rektor erschienen namens der jüdischen Hörerschaft die Studenten Franz Fodor und Ladislaus Guttmann, um sich über die ihnen zugefügte Unbill zu beschweren. Der Rektor versprach, gegen die Ruhestörer in der energischsten Weise vorzugehen. Am Nachmittag richtete der Rektor an die Universitätsjugend einen Aufruf, worin er sie vor weiteren Ruhestörungen warnt, da er sonst gezwungen wäre, die Universität zu schließen. Obwohl der Rektor bei Wiederholung der Unruhen mit der Sperrung der Universität drohte, wiederholten sich gestern vormittag die abstoßenden Szenen, bei welchen einzelne jüdische Studenten von einer vielfachen Übermacht angegriffen und niedergeschlagen wurden. Der Rektor sah keinen anderen Ausweg, als die Sperrung der Universität für zwei Tage zu verfügen. Vier jüdische Kandidaten, die gestern den Doktortitel erhalten sollten, wurden bedroht, so daß sie zur Promotion in der Universität nicht erscheinen konnten. Vier verletzte jüdische Studenten haben sich beim Rektoratsamte gemeldet. Ihre Beschwerden wurden zu Protokoll genommen, das Verfahren zur Feststellung der Angreifer wurde eingeleitet. — Am Abend fand vor der Redaktion des „Pecsi Naplo“ eine Kundgebung statt, wobei sämtliche Fenster der Redaktion und der Druckerei eingeschlagen wurden. Die Demonstration erfolgte, weil ein Mitarbeiter dieser Zeitung einigen Budapester Blättern Berichte über die Studentenunruhen gesandt hatte.