Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 9 (27.2.1931)
- Date
- 1931-02-27
- Page
- Seite 138 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Das Jüdische Echo Nr. 9 . erste wissenschaftlich-politische Prognose des Zionismus gegeben und auch diejenigen Grundsätze für die Siedlung formuliert hat, die noch heute Geltung haben, und von denen sich die Arbeiterbewegung Erez Israels bei ihrem Ansiedlungswerk leiten läßt. Wilkanski ist Theoretiker und praktischer Fachmann zugleich. Er gab der neuen hebräischen Publizistik Erez Israels nicht nur die literarische Begabung einer Persönlichkeit, sondern auch neue Methoden in der Diskussion der Probleme, begründet auf reiches soziologisches und wirtschaftliches Wissen und auf Fachversuche in Feld und Laboratorium. Solche Publizistik gab es bis dahin in der hebräischen Literatur nicht. Wie Nehemias Leute mit der einen Hand die Mauer bauten und in der anderen das Schwert hielten, so hat Wilkanski mit seinen scharfen Aufsätzen, deren Wert in ihrer konsequenten Logik und ihrer fachmännisch-wissenschaftlichen Gründlichkeit lag, dem konstruktiven Gedanken durch das Durcheinander der nationalen Theologie und den Stacheldraht des Siedlungsdilettantismus den Weg gebahnt. Wilkanski, so schließt die Zeitung, wird uns noch viel zu sagen, noch oft für uns zu kämpfen haben. Lustiges zu Purim Die Türken Von S. B i e 1 i n Nachdem alle Versuche, einen Posten zu finden, gescheitert waren, wußte Mr. Petro ff nicht mehr, wie' sein Leben zu fristen. Schließlich suchte •er als Agent in einer Lebensversicherungsgesellschaft aufgenommen zu werden. Mr. Petroff war sowieso ein Pechvogel, aber als ganz besonderes Unglück war es anzusehen, daß Mr. Pelroff Jude war. Er war sich wohl bewußt, daß man in der Versicherungsgesellschaft Juden nicht beschäftigte und auch keine als Agenten aufnahm. Das beunruhigte ihn und machte ihm viel Kopfzerbrechen; doch der Hunger tut web. Zwar war es ihm zur Genüge bekannt, daß man sich verleugnen konnte, daß man (‘ine andere Nationalität für die eigene angeben konnte, aber aus zwei Gründen nahm er von dieser Zuflucht Abstand. Erstens hatte Mr. Petroffs Gesicht ausgeprägte und auf den ersten Blick auffallende jüdische Züge und zweitens verstand der gute Mann außer Hebräisch und etwas gebrochenem Englisch keine andere Sprache. Eis war daher gefährlich, sich als Arier auszugeben oder gar als geborener Yankee. Man riet ihm auch davon ab, sich als Deutscher vorzustellen, weil die Gesellschaft jeden Kandidaten, der sich als Deutscher ausgab, verdächtigte. Überdies war es der Gesellschaft aufgefallen, daß sich merkwürdig viel Deutsche meldeten, seitdem Juden nicht mehr zugelassen wurden. Mr. Petroff fürchtete sich auch, eine andere Nation anzugeben. Er wußte sich schließlich keinen Rat mehr und verlor den ganze Mut. Endlich fiel ihm ein guter Gedanke ein. Eir dachte sich: „Ich werde hingehen und mich als Türke vorstellen!“ Mr. Petroff war tolsicher davon überzeugt, daß er der erste türkische Agent der Gesellschaft sein werde. Mit diesem Gedanken verknüpfte er überdies doppelten Nutzen. Eirstens wird der Direktor keinen Türken haben, um die Angabe überprüfen zu können und dann sehen ja die Türken den Juden sehr ähnlich. Gesagt und getan! Mr. Petroff nahm seine alte Aktentasche, seine Referenzen und eilte in das Aufnahmebüro der Lebensversicherungsgesellschaft. Bald stand er vor dem Gefürchteten und brachte etwas aufgeregt sein Ansuchen vor. ,,Wir nehmen prinzipiell keine Juden auf!“, erwiderte bloß der Direktor, und dem armen Petroff fiel das Herz in die Hose, aber dennoch raffle er sich auf und sagte: „Ich bin doch kein Jude!“ „Was denn? Vielleicht Deutscher?“, fragte der Direktor mit ironischer Stimme. „Türke!“, erwiderte Mr. Pelroff kurz und scharf. „Türke“, meinte der Direktor zweiflerisch und musterte den armselig vor ihm stehenden Petroff von oben bis unten. Dann fuhr er plötzlich fort, während sich sein wohlgepflegtes Gesicht in Fallen legte: „Türke! Sehr gut! Ich habe einige Angestellte, die Türken sind. Sind sehr fähige, brave und ehrliche Jungen. Bin mit ihnen äußerst zufrieden.“ Bei diesen Worten liefen dem armen Petroff Schauer um Schauer über den Rücken und Angstschweiß trat ihm auf die Stirne. „Warten sie einen Augenblick,“ sagte der Direktor, „ich glaube, es ist eben ein Türke im Komptoir, ich werde ihn rufen lassen, damit sie sich mit ihrem Landsmann betreffs ihrer Aufgaben an dieser Anstalt unterreden können. Pelroff fühlte, wie sich seine Haare zu Berge stellten. Heiß flehte er in seinem Herzen, daß sich die Erde spalten und ihn verschlingen möge. Nach einigen Minuten stand vor Petroff ein junger Mann mit schwarzem Haar und schwarzem Barte. Stumm betrachteten sich die beiden Türken, musterten einander von oben bis unten, während das Auge des Direktors beide unverweilt beobachtete. Endlich murmelte der vom Direktor gerufene Türke: „Ich bin ein Jude . . . und . . .“ „Ich auch!“, schloß sich Pelroff in hebräischer Sprache an und er fühlte, wie neuer Mut und neues Leben in ihm erwachten. Die Türken seufzten erleichtert auf, als hätten sie eine große Gefahr bestanden. Sie begrüßten sich in ihrer Sprache, faßten einander an und wollten sich küssen. „Vielleicht versteht der Direktor Hebräisch?“, fragte Pelroff aufgeregt. „Er versteht soviel davon, wie ich vom Chinesischen!“ erwiderte der andere „Türke“. Der Direktor aber stand die ganze Zeit dabei und ließ sein Auge nicht von den beiden „Türken“. Er hörte scharf zu und auf seinem Gesichte zeigte sich ein zufriedenes Lächeln, das dem armen Pelroff wie die Frühlingssonne erschien. Mr. Petroff, der Türke, erhielt ein Tabellenbuch und wurde Agent der Lebensversicherungsgesellschaft. (Berechtigte Übertragung von Joseph S i 1 b e r m a n n.) Parabel Eis ging ein Mann im Syrerland, führt ein Kamel am Halfterband, und dachte jener Mär von Rückerl, die kürzlich ihm ans Ohr gesickert. Der Mann im Syrerland blieb stehn, erwägend, außer Lands zu gehn. Eir wollte Syrien verlassen, um auswärts festen Fuß zu fassen.