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Das jüdische Echo · 1931-02-27 · 9 (27.2.1931) · p. Seite 132

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
9 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
Seite 132 (sequence 4)
Language
German
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132 Das Jüdische Echo Nr. 9 Deutschjüdische und nationaljüdische Anschauung Blumenfeld contra Holländer. Berlin, 17. Februar. (JTA.) Der dritte der von der Freien Jüdischen Volkshochschule veranstalteten kontradiktorischen Abende fand am Montag, den 16. Februar im großen Saal des Logenhauses zu Berlin statt und hatte einen Rekordbesuch aufzuweisen. Die Menge der Erschienenen konnte im großen Saal der Loge nicht Platz finden. Ein Teil der Besucher mußte von einem anstoßenden Raum aus der Diskussion folgen. Die Saalzugänge, mit Ausnahme des Mittelganges, waren von einer dicht gedrängten Menge erfüllt. Der Abend war einer Aussprache über die Grundanschauungen der deutschen Judenheit gewidmet. Den deutschjüdischen Standpunkt vertrat der Direktor des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Ludwig Holländer, während der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, die Einstellung der sich zum nationaljüdischen Standpunkt bekennenden Juden zu den Problemen der jüdischen Gegenwart und Zukunft erörterte. Den Vorsitz führte Herr Rabbiner Dr. Max Wiener, der nach einigen einleitenden Worten Herrn Kurt Blumenfeld ersuchte, als erster seinen Standpunkt darzulegen. Blumenfeld führte aus: Nationaljüdische Anschauung heißt Anerkennung der Tatsache einer Weltjudenfrage. Das Problem der jüdischen Existenz ist in allen Ländern annähernd dasselbe. Während einst, vor etwa 20 Jahren, noch Auseinandersetzungen vom Standpunkt der Gesinnung aus möglich waren, müssen heute einer Betrachtung der jüdischen Situation objektive Tatsachen zugrundegelegt werden. Ein Institut zur Erforschung der soziologischen Verhältnisse der heutigen Judenheit müßte, ohne Rücksicht darauf, welcher Gesinnung die einzelnen Mitglieder des Instituts wären, die Tatsachen, die zur Stellung des jüdischen Gegenwartsproblems führen, eindeutig erkennen. Zur Lösung dieses Problems sind zahlreiche Versuche nichtzionistischer Basis gemacht worden. Es gab eine liberale Assimilation, eine sozialistische Assimilation, Versuche, die Judenfrage durch Wanderung oder durch Siedlung zu lösen. Alle diese Versuche mußten fehlschlagen. Man versuchte z. B. durch Wanderung die Juden aus Ländern hohen Drucks in solche niedrigen Drucks zu bringen und übersah dabei, daß die wandernden Juden die Judenfrage aus ihren Herkunftsländern in die neue Heimat zwangsläufig mittrugen. Man hatte angenommen, in Amerika, einem Lande ohne geschichtliche Tradition, könne der Antisemitismus, der durch die historische Entwicklung in Europa bedingt sei, nicht Wurzel fassen. Die erste Wirtschaftskrise in Amerika zeigte, daß auch dort in Zeiten der Not der Haß gegen die Juden, die für das allgemeine Unglück verantwortlich gemacht werden, aufflammt. Im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert des Liberalismus und Individualismus war es den Juden möglich, durch persönliche Leistung individuellen Aufstieg zu erreichen. Im Kampfe der Individuen konnte sich der Jude behaupten. Heute, im Zeitalter der Vergenossenschaftung und Vergesellschaftung sind derartige Bemühungen veraltet, denn es stehen sich nicht mehr Individuen, sondern Gruppen gegenüber. Die als Kollektiv erkennbaren Juden müssen auch als Kollektiv handeln. Die Art unserer Einstellung ist außer von objektiven Tatsachen stets auch von Tendenzen bedingt. Der einen Tendenz nach einem vollständigen, umfassenden Judentum steht eine andere' gegenüber, die die Lösung im Aufgehen in der Umwelt sucht. Die dcutschjüdische Auffassung aber bleibt auf halbem Wege stehen. Sie sucht die Lösung weder in völligem Aufgehen, noch im Ringen um jüdische Ganzheit. N a t i o n a 1 j ii d i s c h e Auffassung verlangt den Mut zur Erkenntnis der Wirklichkeit, ihre Forderung nach innen Befreiung der Juden zur Gestaltung ihrer Zukunft. Der Gegensatz zwischen deutschjüdischer und nationaljüdischer Auffassung ist der Gegensatz zwischen einem limitierten und einem unlimitierten Judentum. Im Vordergrund der nationaljüdischen Auffassung steht der Wille zur Neugestaltung, im Vordergrund der deutschjüdischen Auffassung die Relation, das Verhältnis zur Umwelt, von deren Urteil und Billigung sich die Aühänger dieses Standpunkts stets abhängig fühlen. Auch die Anhänger des deutschjüdischen Standpunkts können sich der Tatsache eines gesamtjüdischen Zusammenhanges nicht verschließen. Sie sprechen zwar nicht von einem jüdischen Volk, wohl aber von einer jüdischen Schicksalsgemeinschaft. Nationaljüdische Aufgabe ist es, das Schicksal, das wir gemeinsam erleiden, gemeinsam zu gestalten. In seiner Erwiderung erklärte D r. Ludwig Holländer, Blumenfeld habe hervorgehoben, das Wunschbetonte beeinflusse die Diskussion. Demgegenüber sei es notwendig, zunächst die Grundgegebenheiten klarzustellen. Gibt es eine Weltjudenfrage? Die in verschiedenen Ländern auftretende Judengegnerschaft allein kann für die Beantwortung dieser Frage nicht maßgebend sein, denn diese Judengegnerschaft ist ebensowenig eindeutig wie die Begriffe Judenfrage, Judesein und Entjudung. Von einer Einheit des Judentums konnte niemals, auch nicht im Altertum, gesprochen werden. Jude und Judesein ist heute nicht etwas, was alle Bezirke des menschlichen Lebens umfaßt. Nach den Gesetzen der verschiedenen Länder ist das Judentum eine Religionsgemeinschaft, wird somit die Religion als Kriterium des Judeseins aufeefaßt. Diese Auffassung ist nicht ganz zutreffend. Es gibt Juden, die auf Grund eines Nationalbewußtseins sich der Gesamtheit zugehörig fühlen, andere tun dies auf Grund ihrer religiösen Einstellung, wieder andere, die weder auf dem nationalen noch auf dem religiösen Standpunkt stehen, betonen trotz einer häufig ausgesprochen atheistischen Einstellung ihre Entschlossenheit, Juden sein und bleiben zu wollen. Das Verbindende und Entscheidende ist die Tatsache der gemeinsamen Abstammung. Gemeinsames Abstammungsbewußtsein, das ist das einzig Unbestreitbare, das die Juden ohne Rücksicht auf gesinnungsmäßige Einstellung verbindet. Eine nationale. Lösung der jüdischen Zukunft wäre rein formal und schiebt den inneren Gehalt des Judentums beiseite. Demgegenüber vertreten die Anhänger des deutschjüdischen Standpunkts eine geistige Auffassung. den Missionsgedanken des Judentums; der die Aufgabe der Juden im Dasein der Völker darin erblickt, dem Gedanken der Gerechtigkeit und dem Monotheismus zum Durchbruch zu verhelfen. Wenn man dieser Anschauung entgegenhalte, daß es ja im Judentum verschiedene religiöse Strömungen gebe, so müsse festgestellt werden, daß alle diese Richtungen trotz ihrer Versclredenheit dieses Grundprinzip anerkennen. Eine

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