Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 7 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Das Jüdische Echo 107 Sigmund Fraenkel Aufsätze und Reden* Das Wirken des Politikers kann daran gemessen werden, in welchem Grade sein Erfolg die Linie der allgemeinen Entwicklung seines Finflußgebietes mitzubestimmen vermag. Je selbstverständlicher und natürlicher der Effekt schließlich erscheint, je mehr die Person hinter ihrem Werk zurücktritt, um so zustimmender ist das Urteil der Zeit und der Geschichte. Da die Mit- und mehr noch die Nachwelt so über dem Genuß der Resultate einer Lebensarbeit gerne die Mühen und Schwierigkeiten vergißt, die dem Mitschöpfer des Zustandes sich entgegenstellten, da die Kenntnis dieser oft hindernisreichen Entwicklung zur Beurteilung der politischen Situation notwendig ist, muß man eine Arbeit, wie sie Sohnesliebe und Einsicht in die heutige politische Lage des deutschen und des Weltjudentums in einer Auswahl der Aufsätze und Reden des viel zu früh seinem Wirkungskreis entrissenen Kommerzienrats Sigmund Fraenk e 1 darbietet, aufs Wärmste begrüßen. Nicht nur den Vielen, die ihn kannten und verehrten, nicht nur denen, die mit ihm am gleichen Werk schufen und oft auch die Klingen kreuzten, sondern darüber hinaus Allen, die auch in einer uns zeitlich nahen Vergangenheit das geschichtlich Dauernde zu erkennen sich bemühen, wird aus dieser Sammlung wertvolles Material zur Beurteilung des Mannes und seiner Schöpfungen zufließen. Gewiß ist heute schon manches daraus nicht mehr so bedeutend und bedeutungsvoll wie zur Zeit des aktuellen Anlasses, immer aber atmet in diesen Zeugnissen ein lebensvoller, stürmischer und großzügiger Geist. Der Leser, auch der, dem die persönliche Bekanntschaft mit Sigmund Fraenkel nicht vergönnt war oder dem die speziellen Probleme eines in Bayern wirkenden Wirtschaftspolitikers und in diesem Bereich wurzelnden Juden von geringerer Bedeutung erscheinen mögen, wird immer * Ein Spiegelbild deutsch-jüdischer Geschichte aus dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Elerausgegeben von Prof. Dr. Adolf Fraenkel. Verlag B. Heller, München 1930. Preis geb. 12 RM. mit hohem geistigen Genuß dies Buch zur Hand nehmen. Der erste Teil, der zwölf Abschnitte enthält und über den Zeitraum von 1891—1924 in einer kleinen Auswahl orientiert, zeigt die allgemeine wirtschaftspolitische Tätigkeit Fraenkels, der seit 1900 der Münchener Handelskammer angehörte und seit 1909 als ihr Vizepräsident in besonderem Maße das Vertrauen seiner Mitarbeiter genoß. Ausgehend von den allgemeinen Bedürfnissen des Handels, besonders an Fragen des Verkehrs, hat er sich im Laufe der Zeit zu einem der bedeutendsten Kenner dieses Gebietes entwickelt. Seine Äußerungen aus der Kriegszeit beweisen nicht allein seine Verwachsenlieit mit den Erfordernissen der deutschen Wirtschaft, sondern nicht minder sein eifriges Streben nach ausgleichender Gerechtigkeit im innerdeutschen sozialen Leben und nach Verständigung in der Politik der Völker. Diese beiden Grundtendenzen, die zutiefst im jüdischen Urkern seiner Seele verankert waren, befähigten ihn in höchstem Grade, Führer des Judentums in München und Bayern, darüber hinaus in Deutschland zu sein. Sein gewaltiger Impetus half ihm nicht allein die Mauern der Herkömmlichkeit und manche Herzensträgheit zu überwinden, er riß auch andere mit und wurde zur Triebkraft, die selbst die Gegner seiner Auffassung umzumodeln vermochte. In allen seinen Reden und Aufsätzen über Fragen der innerjüdischen Politik, über die Stellung des Judentums zur Umwelt und über geistige Probleme des Judentums wirkt sich diese temperamenterfüllte und von einer warmherzigen Liebe zur eigenen Art zeugende Einstellung noch heute lebensvoll aus. Dieser Hauptteil, der 31 Abschnitte umfaßt, unterrichtet nicht nur über wichtige Etappen des Münchener und bayerischen Judentums auf seinem Wege vom alten „Verwaltungsgeist“ in der Gemeinde zu dem jetzt fast völlig durchgesetzten „Klal-Gedanken“, er bildet eine Geschichte des Judentums im ersten Viertel unseres Jahrhunderts und gibt jedem Juden, der in das Wesen seiner Gemeinschaft praktisch eindringen will, wertvollste Anregungen. Die Wertschätzung, die Fraenkel im jüdischen Kreise genoß, spricht am deutlichsten aus den Nachrufen, die den Schluß des Buches bilden. München Theodor Harburger. Personalia Hauptlehrer Abraham Strauß (Uffenheim) n y Am 6. Februar hat man ihn zu Grabe gebracht, diesen edlen, charaktervollen Menschen, diesen glaubensstarken und überzeugungstreuen Juden, diesen begeisterten und arbeitsfrohen Lehrer, diesen unerschrockenen und konsequenten Lehrerführer. Groß war die Zahl der Treuen, deren Tränen sein frisches Grab benetzten, aber viel größer die Zahl derer, die fern von jener Stätte der Trauer weilend, erschüttert durch die Nachricht vom unerwarteten Heimgange, sich in Schmerz und Trauer sein Bild noch einmal vor die Seele zauberten und dem Dahingeschiedenen Tränen der Liebe und des Dankes weinten. Denn er war ein edler, treuer, guter Mensch, begeistert für alles Schöne und Gute, hilfsbereit für alle Schwachen und Hilfsbedürftigen, ein treuer Ratgeber für alle, die Rat und Hilfe bei ihm suchten, opferfreudig bis zur Selbstentäußerung. So steht sein Bild noch vor unseren Augen. So achteten und liebten wir ihn, so waren wir stolz auf seine Freundschaft. Was war Strauß nun seiner Gemeinde Uffenheim? Nicht nur der Lehrer, der mit warmer Liebe und treuer Hingabe kostbaren Samen in die Herzen der unmündigen Kinder streute, nicht nur der begeisterte Führer, der durch Vorbild und Lehre bewußtes, überliefertes Judentum in seiner Gemeinde pflegte, er war auch der Freund und Berater jedes einzelnen Mitgliedes seiner Gemeinde, der an Freud und Leid seiner großen Familie — das war ihm seine Gemeinde — regsten Anteil nahm, der für die Armen seinen K’hillah wie ein Vater sorgte, der nichts anderes als das Wohl seiner Gemeinde kannte. Wahrlich, solange noch eine jüdische Seele in Uffenheim haucht, wird man vom Hauptlehrer Strauß sprechen und mit Stolz von ihm erzählen. Aber seine Arbeit galt nicht nur seiner jüdischen Gemeinde. Seine ganze Tätigkeit war darauf gerichtet, das gute Einvernehmen zwischen den christlichen und jüdischen Mitbürgern zu erhalten. Sein Name hatte auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung den denkbar besten Klang. Es gibt wenig Provinzstädte, die ein derartig