Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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92 Das Jüdische Echo Nr. 6 menschlichen Gemeinschaft auf jenem Wege der „revolutionären Kolonisation“ (Martin Buber), die darin besteht, nicht „die bestehende Struktur iimzubauen, sondern siedelnd neuen Bestand zu stiften“. Damit wären wir Pioniere . . . einer wahrhaft biologischen Revolution, die darin besieht, daß die Menschheit als Gattung zum ersten Male daran geht, ihr Schicksal selbst zu gestalten, ihr Leben bewußt einzurichten, die Erde zu kolonisieren, in das Chaos Ordnung zu bringen“. So kommt dann Reiner zu seiner Konzeption des biologischen Zionismus, der im Gegensatz zu dem auf Machtstreben beruhenden politischen Zionismus steht. In dieser Ablehnung des Machtmomentes ist das spezifisch Unpolitische (oder Apolitische) des von Reiner geforderten biologischen Zionismus zu suchen. Im Mittelpunkt aller Definitionen des Begriffs „Politik und politisches Handeln“ steht der Machtfaklor, wie z. B. auch bei Max Weber, der folgende Formulierung gibt: „Politik würde für uns also heißen: Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt.“ Auch der Zionismus ist von einem solchen „Streben nach Machtanteil“ erfüllt; das Ziel der Schaffung eines geistig-kulturellen Zentrums durch die „Erhaltung und Regenerierung der jüdischen Volksindividualität“ ist nur mit rein politischen Mitteln zu verwirklichen. Die mit diesem Ziel verbundene „Normalisierung des jüdischen Volkes“ wie überhaupt das ganze Kolonisationswerk, in welchem sich die konstruktiven Kräfte des jüdischen Menschen offenbaren, kann nur auf Grund konkreter, eben realpolitischer Mittel gestaltet, vergrößert und vollende^ werden. In diesem Sinne liegen auch alle Faktoren eines Systems der Politik und des politischen Handelns, wie es z. B. v. Eckardt (in seinem Buch: „Grundzüge der Politik“) entwickelt, der zionistischen Politik zugrunde, mit einer entscheidenden Ausnahme. Zu den Mitteln und Inhalten zionistischer Politik gehört nicht der Faktor der Gewalt der von Max Weber als das „spezifische Mittel“ jedes politischen Verbandes bzw. Staates bezeichnet wird. Selbst wenn der „zionistische politische Verband“ (die zionistische Organisation bzw. die Jewish Agency) die Möglichkeit physischer Gewaltsamkeit zur Durchführung ihrer Ziele besitzen würde, was nicht der Fall ist, würde sie auf dieses Mittel unter allen Umständen verzichten, weil die zionistische Politik (wie überhaupt die ganze zionistische Konzeption) ihrem innersten Wesen nach auf Gerechtigkeit, Toleranz und Loyalität beruht. Die zionistische Position wäre erschüttert, der politische Zionismus würde sich selber aufheben, wenn er diese beiden Forderungen (der Gerechtigkeit und Loyalität), die er für sich in Anspruch nimmt, anderen gegenüber nicht gellen lassen wollte. Diese grundlegende Erkenntnis bestimmt und beherrscht in entscheidender Weise die Richtung der ganzen offiziellen zionistischen Politik — wie z. B. die Haltung in der Araberfrage, worauf wir noch näher zu sprechen kommen werden. Die zionistische Politik erfüllt in besonderem Maße auch eine andere — entscheidende — Voraussetzung des politischen Handelns, das von Karl Mannheim so umschrieben worden ist: „Politisches Handeln zielt ab auf Staat und Gesellschaft, sofern diese noch im Werden begriffen sind. Das politische Handeln geht auf das Schöpferische im Augenblick, um aus den strömenden Kräften Bleibendes zu gestalten.“ Es handelt sich hier um die Tätigkeit der schöpferischen Führerpersönlichkeit, des Staatsmannes — einer der fundamentalsten Kräfte jeder Politik ■—, dessen „Handeln erst dort beginnt, wo der noch nicht rationalisierte Spielraum anfängt, wo nicht regulierte Situationen zur Entscheidung zwingen“, wo die „Realkenntnisse, die man brauchen kann“, von sekundärer Bedeutung sind. Der vollendetste Repräsentant der zionistischen Wellpolitik ist Dr. Cliajim Weizmann — der große jüdische Staatsmann, der seit nunmehr fünfzehn Jahren an der Spitze der Organisation steht. Er war und ist heule noch der leitende und verantwortliche Kopf während der neuesten (mit dem Ausbruch des Krieges einsetzenden) und so entscheidenden wie auch erfolgreichen Periode in der Entwicklung des politischen Zionismus, die wir in den vorangegangenen Kapiteln ausführlich dargestellt haben, und die vielleicht gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt mit der politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung einer expansionsfähigen Basis in Palästina ihrem Ende entgegengeht. Dr. Weizmann verkörpert (man kann sagen in paradigmatischer Form) jenen Typ des wahren Politikers, wie ihn Max Weber in seiner Rede: „Politik als Beruf“ so charakterisiert hat: „Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft — Verantwortungsgefühl — Augenmaß. Leidenschaft im Sinne von Sachlichkeit: leidenschaftliche Hingabe an eine „Sache“, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist. — Mit der bloßen, als noch so echt empfundenen Leidenschaft ist es freilich nicht getan. Sie macht nicht zum Politiker, wenn sie nicht, als Dienst in einer „Sache“, auch die Verantwortlichkeit gegenüber eben dieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht. Und dazu bedarf es — und das ist die entscheidende psychologische Qualität des Politikers — des Augenmaßes, der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: der Distanz zu den Dingen und Menschen.“ Gemeinden- und Vereins-Echo Tätigkeitsbericht de** hebräischen Sprachkurse München Erscheint aus technischen Gründen verspätet Der vorliegende Bericht umfaßt die zweite Hälfte des Sommersemesters 1929, d. i. vom 1. September bis 15. November und das Wintersemester 1929, d. i. vom 15. November bis Ende April 1930, also eine Periode von S Monaten. Vom 24. Oktober bis zum 3. November 1929 (10< Tage), infolge Erkrankung des Lehrers, vom 3. bis zum 19. März (7 Tage) wegen Promotion des Lehrers und vom 11. bis zum 22. April (Pessachfest) fand kein Unterricht statt. In der Berichtsperiode bestanden 5 Kurse für Erwachsene, 3 Kurse für Kinder, ein Bibelkurs, an dem nur Damen beteiligt waren, ein Jesaja- Kurs und ein KJV.-Kurs. Kurs I, II, IV und V, die 3 Kinderkurse und der Bibelkurs haben am Anfang der Berichtsperiode begonnen. Kurs III ist am Anfang des Wintersemesters entstanden und wurde am 8. Januar 1930 mit Kurs IV zusammengelegt, wegen der gleichen Kenntnisse der Teilnehmer beider Kurse. Der Jesaja Kurs ist am Anfang des Wintersemesters entstanden (20. Nov.).