Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9176158--11492-9083563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Nr. 6 Das Jüdische Echo 91 Kein Jude im polnischen Post- und Telegraphendienst W a r schau, 26. Januar. (JTA.) In der Budgetkommission des polnischen Sejm erhob der jüdische Abgeordnete Rosmarin im Verlauf der Debatte über das Postbudget die Forderung, daß auch jüdische Beamte im polnischen Post- und Telegraphendienst angestellt werden mögen. Kein einziger Jude finde heute Verwendung im Post- und Telegraphenwesen. In seiner Entgegnung wies der Minister für Post- und Telegraphenwesen darauf hin, daß es einen jüdischen Postbeamten, und zwar in Czortkow (Ostgalizien) gebe. Der Minister gab die Versicherung ab, daß sich die Postverwaltung bei der Anstellung von Beamten nicht von religiösen oder nationalen Erwägungen leiten lasse. (Es ist bekannt, daß in Galizien unter der alten österreichischen Regierung Tausende Juden im Post- und Telegraphenwesen angestellt waren. Die Red.) Die Juden an den Hochschulen Sowjetrußlands Moskau, 1. Februar. (JTA.) Wie aus einer von der Sowjetregierung veröffentlichten Statistik hervorgeht, bilden die jüdischen Hörer einen hohen Prozentsatz an den höheren Schulen Sowjetrußlands. Insbesondere ist ein Andrang von jüdischen Hörerinnen zu den Hochschulen festzustellen. In den medizinischen und pädagogischen Fakultäten bilden jüdische Studentinnen mitunter mehr als die Hälfte der gesamten Hörerschaft. Neuerdings wird von den jüdischen Studenten das Studium der Volkswirtschaft dem der Medizin vorgezogen. Dies ist darauf zurückzuführen, daß akademisch gebildete Volkswirte eher eine staatliche Anstellung in Moskau und in anderen großen Zentren erlangen können als Ärzte, für die gegenwärtig nur in den vom Zentrum entfernteren Teilen der Sowjetrepublik Anstellungsmöglichkeiten vorhanden sind. Eröffnung der palästinensisch-polnischen Immigrationsbank Jerusalem, 23. Januar. (JTA.) In Tel-Awiw wurde die palästinensisch-polnische Immigrationsbank eröffnet. Für das Stammkapital der Bank haben die polnische Regierung 10 000 Pfund, die jüdische Gemeinde Warschau 1200 Pfund, die jüdische Gemeinde Lodz 500 Pfund und eine Reihe von Handelsfirmen in Polen größere Beträge gezeichnet. Das eingezahlte Kapital der Bank beträgt 10000 Pfund und soll auf 100 000 Pfund erhöht werden. Dem Verwaltungsrat gehört der polnische Handelsattachee in Palästina, der frühere Abgeordnete Dr. Hausner, an. Vor einiger Zeit hat die polnische Regierung erklärt, es würde jüdischen Gemeindebudgels, die Beiträge für palästinensische Institutionen enthalten, die staatliche Genehmigung verweigert werden. Auf Intervention einer Delegation der palästinensisch-polnischen Bank ist nunmehr die Regierung von diesem Standpunkt abgegangen. Beduinen stören jüdische Kolonisten bei der Feldarbeit Jerusalem, 25. Januar. (JTA.) In El Karmel hei Haifa verhaftete die Polizei 15 Beduinen, die jüdische Kolonisten gewaltsam an der Ausführung der Feldarbeiten hindern wollten. Eine englische Finanzkommission in Palästina Landauischließungsplan und Regierungsanleihe Jerusalem, 29. Januar. (JTA.) Unter Führung des ehemaligen Sekretärs der Regierung von Indien Sir Samuel Perry O’Donnell ist in Jerusalem eine Finanzkommission eingetroffen, die die Aufgabe hat, die Gebarung der Palästina-Administration zu prüfen und die Möglichkeit von Einsparungen zu erwägen. Auf eine Anfrage der Jüdischen Telegrapheli- Agenlur erklärte das Kolonialamt, es könne noch nicht gesagt werden, ob die Kommission auch eine Untersuchung über die Durchführungsmöglichkeit des vorgeschlagenen Landauf schließ ungsplans anslellen werde. Im Hinblick darauf, daß demnächst im Unterhause eine Debatte über die vorgeschlagene 21/2-Millionen-Pfund-Anleihe für Palästina stattfinden soll, erscheint es immerhin möglich, daß sich die Kommission auch mit diesem Projekt befassen wird. Wie die Jüdische Telegraphen- Agentur erfährt, wird binnen kurzem ein offizielles Statement über das Arbeitsgebiet der Kommission herausgegeben werden. Feuilleton |||||||||||||||| [l|l[||||lll||i| Das Wesen der zionistischen Politik Soeben erschien im Kurt Vowinckel-Verlag G. m. b. H., Berlin, ein ,,E ngla n d u n d P a 1 ä s t i n a“ betiteltes Buch von Josef Cohn, einem Schüler des Heidelberger Nationalökonomen und Soziologen Alfred Weber, das sich zwar im Untertitel bescheiden: „Ein Beitrag zur britischen Empire- Politik“ nennt, das aber darüber hinaus auch ein auf eingehende Studien gegründetes Bild der Beziehungen Englands zum Zionismus und eine Darstellung der gesamten zionistischen Politik vor allem in der Nachkriegszeit gibt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages gehen wir aus dem Werk, das naturgemäß für jeden Zionisten besonders interessant und wichtig ist, einen das Wesen zionistischer Politik behandelnden Abschnitt wieder, gegen dessen Auffassung sich zwar aus prinzipiellen und aktuellen Gründen vieles einwenden ließe, der aber über Methode, Darstellung und Zielsetzung des Werkes hinreichenden Aufschluß gibt und sicher zur Beschäftigung mit ihm veranlassen wird. D. Red. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung eines seiner Eigenart entsprechenden geistig-kulturellen Zentrums in Palästina. Es soll dies auch gleichzeitig ein geistiger Mittelpunkt für das gesamte Weltjudentum darstellen, ein Kräftereservoir zur Erleichterung oder Überwindung seiner seelischen Not. Ist angesichts dieser Tatsache eine zionistische Politik überhaupt möglich, schließt nicht dieses auf irrationalen Faktoren, auf Imponderabilien beruhende Ziel jedes rationale politische Handeln aus? Diese häufig gestellte Frage wird von manchen bejaht, auch von Zionisten selbst, wie es in einem kürzlich erschienenen Artikel von Markus Reiner: „Die Biologie des Zionismus“ (Zeitschrift Der Jude, Sonderheft zu Marlin Bubers 50. Geburtstag) ganz deutlich zum Ausdruck gebracht wird. Als „die einzig mögliche und solide Grundlage“ jeder zionistischen Politik wird hier der Messianismus bezeichnet, woraus sich dann die Konsequenz ergibt, daß „unsere eigentliche Gegenwartsaufgabe gar nicht auf dem Gebiete der Politik liegt, sondern auf einem ganz anderen, realeren, lebendigeren. Es ist die Begründung einer