Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Das Jüdische Echo Nr 6 politischen Ereignisse mit ihrem ungeheueren Aufschwung der radikalen antisemitischen Bewegung, trotz jahrelanger Organisationsarbeit verschiedener jüdischer Richtungen ist es noch immer nicht gelungen, die Zahl der Indifferenten innerhalb des deutschen Judentums auch nur im bescheidensten Grade für jüdische Dinge zu interessieren. Es ist stets derselbe Kreis, an den man sich wendet, und was noch schlimmer ist, es besteht stets die gegenseitige Abschließung der verschiedenen Richtungen innerhalb der in irgend einem Umfange jüdisch Interessierten. Kein Central-Vereinler findet es für nötig, in eine zionistische Versammlung zu gehen, keinem Zionisten erscheint es angebracht, sich einen Gegner anzuhören. Fast niemals sieht man einen Westjuden bei einer ostjüdischen Zusammenkunft. Nur sehr wenige Ostjuden haben den Mut, an westjüdischen Aktionen teilzunehmen. Und gerade diejenigen, die wirtschaftlich gesichert sind und finanziell in der Lage wären, ihrer jüdischen Pflicht gegenüber jüdischen Notwendigkeiten nachzukommen, gerade diese Elemente halten sich überhaupt von jeder jüdischen Sache fern. Woran das wohl liegen mag? Zweifellos ist es ein Kennzeichen einer fortgeschrittenen Desinteressierung in jüdischen Dingen, einer ausgesprochenen Entjudung. Diese ist hauptsächlich durch äußere Umstände herbeigeführt worden. Eine große Rolle spielte aber auch eigene jüdische Schuld. Man hat es nicht verstanden, im Laufe der vergangenen Jahre Erziehungsarbeit in der jüdischen Gemeinschaft zu leisten. Wenn es irgendeinen berechtigten Vorwurf gegen die bisher im Leben der deutschen Juden die ausschlaggebende Rolle spielenden Richtungen gibt, so ist es der, daß unter ihrer Herrschaft der Prozeß der Desinteressierung und Entjudung rapide Fortschritte machen konnte. Das liegt und lag nicht nur an den in Anwendung gebrachten Werbemethoden. Der Hauptgrund lag in der Ideologie, die zu wenig Werbekraft in sich hatte, zu wenig Fühlung mit dem realen Leben, zu wenig Schwung, um Menschen ganz zu gewinnen. Wenn man Jahrzehnte lang von der Masse der jüdischen Bevölkerung nur wenig verlangt, ihr das Judesein so billig wie möglich macht, so kann man sich dann nicht wundern, daß sie in Zeiten erhöhten Bedarfs und vergrößerter Gefahr das Verhalten konserviert, das sie Jahrzehnte hindurch geübt hat Liberalismus und Central-Verein haben durch Jahrzehnte ihre Politik in jüdischen Dingen darauf abgestellt, das Judentum den Juden mundgerecht zu machen, ihnen einzureden, daß aus der Tatsache des Judeseins keine besonderen Verpflichtungen höherer Art gegenüber dem Judentum resultieren. Wenn nun ein Augenblick kommt, wo man gezwungen ist, durch den Druck der äußeren Entwicklung an diese Pflicht zu mahnen, so macht man in Deutschland die Erfahrung, daß der größte Teil der Juden überhaupt nicht mehr erreichbar ist. Diesen Zustand konnte natürlich der Zionismus im Laufe der wenigen Jahre seiner Wirksamkeit nicht grundlegend ändern. Darum findet man auf dem Wege der Werbung für die Nöte des Palästinaaufbaus außerhalb der engen Kreise der zionistisch Organisierten wenig Verständnis, nicht weil diese Peripherie gegenüber dem Zionismus gegnerisch und gegenüber dem Palästinaaufbau feindselig eingestellt wäre. Trotz der Parteikämpfe, trotz der Diskussionen haben weite jüdische Kreise überhaupt keine Ahnung von jüdischen Problemen. Sie sind ebensowenig für den Palästinaaufbau zu haben wie für andere konstruktive jüdische Dinge. Sie * sind höchstens bereit, eine milde Gabe im Geiste der Philantropie zu geben. Darüber hinaus geben sie weder Seele, noch Gemüt, noch das Opfer des Nachdenkens. Es fehlt auch an Nehmern. Wenn die jüdische Gemeinschaft aus sich heraus einen Kreis von Nehmern entwickeln würde, die Jahr um Jahr die anderen an die Pflicht zu geben mahnen, so würde sich schließlich doch eine Wandlung einstellen. Es fehlt momentan gleicherweise an Gebern und Nehmern. Man tröste sich nicht darüber hinweg, daß die jüdische Gemeinschaft verhältnismäßig viel mehr als alle anderen Gemeinschaften in der Welt freiwillig für charitative und andere Zwecke Geld aufbringt. Die anderen Gemeinschaften haben es nicht nötig; für sie sorgen die Zwangsorganisationen. Wir Juden sind sozusagen ein freiwilliger Verband, der aus eigenem Antrieb Aufgaben zu erledigen hat, die ihm von keiner Zwangsorganisation abgenommen werden. Unter diesem Gesichtspunkt gesehen, ist die, absolut genommen, respektable Leistung, bezogen auf die Bedürfnisse, gering. Trotzdem wäre es verfehlt, die objektiven Möglichkeiten und die potentielle Bereitschaft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland für die Zwecke der Selbsthilfe ernstlich in Zweifel zu ziehen. Höhere Anstrengungen, umfassendere Erziehungsarbeit, die sich natürlich nicht sofort auswirken werden, sind der Schlüssel zu späteren Erfolgen. Allerdings wird dadurch die Not der Gegenwart nicht behoben. K. Sch. Nahum Goldmann über die Londoner Ü.C.^Tagung und die gegenwärtige zionisiische Lage B e r I i n , 30. Januar. (JTA.) Auf einem Vortragsabend der Berliner Zionistischen Vereinigung sprach am Donnerstag, dem 29. Januar, der Führer der radikalen Zionisten, Dr. Nahum Goldmann, über den Verlauf der letzten Tagung des zionistischen Aktionskomitees und die gegenwärtige politische Lage im Zionismus. Dr. Goldmann erklärte, für die Verschiebung des Kongreßtermins seien in London drei Argumente ins Treffen geführt worden; Die schwierige Finanzlage der Organisation, die die sofortige Einleitung einer großen Aktion notwendig mache, die Unmöglichkeit der Teilnahme der amerikanischen Mitglieder der Jewisli Agency an einem Februar-Kongreß und die Notwendigkeit, das Ergebnis der Verhandlungen zwischen englischer Regierung und Jewisli Agency abzuwarten, damit der Kongreß seinen Standpunkt gegenüber der englischen Politik präzisieren könne. Die Vertreter der radikalen Zionisten im Aktionskomitee hätten zwar die Gründe, die für eine Verschiebung des Kongresses sprechen, gewürdigt, aber doch im Hinblick auf die Gefahr, die der Organisation infolge der ungeklärten innerzionistischen Situation und der Fortdauer der inneren Kämpfe drohe, gegen die Verschiebung gestimmt. Die in der Presse verbreitete Nachricht, daß ein Beschluß der radikalen Exekutive Vorgelegen habe, demzufolge er, Goldmann, verpflichtet gewesen wäre, im Falle der Annahme des Kongreßverschiebungsantrages durch das A.C. aus der politischen Kommission auszutreten, sei unrichtig. Eine Resolution in diesen Sinne habe nur die Organisation der radikalen Zionisten in Polen „Al Hamischmar“ gefaßt. Aber auch der Führer des „Al Hamischmar, Abg. Grünbaum, habe angesichts der politischen Lage das weitere Verbleiben Goldmanns in der Kommission bis zu einer von der Leitung der Radikalen Zionisten zu treffenden endgültigen Entscheidung gebilligt.